Dr. van Hüllen entlarvt Rosa Luxemburg

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„Die Linke stellen“ – das ist der Titel einer Handreichung, die die Konrad-Adenauer-Stiftung

www.kas.de/wf/doc/kas_16276-544-1-30.pdf

allen zur Verfügung stellt, denen bei einem erneuten Rote-Socken-Abwehr-Scharmützel die Munition auszugehen droht. Erarbeitet hat sie der Mitarbeiter beim Bundesamt für Verfassungsschutz, Abteilung 3 Linksextremismus/Linksterrorismus, Dr. Rudolf van Hüllen.

Sie ist aussagekräftig, diese Handreichung. Wem da kein Licht aufgeht – weniger über den Charakter der „Linken“ als über die Ängste der aufgeschreckten politischen Mitte - der ist politisch nicht interessiert. Man muss jetzt immer nur abwarten, dann findet man viele Argumente, die da über den Charakter der Linken postuliert wurden, sowohl in den Kommentarspalten zum Beispiel von „Welt online“ als auch in den Leserkommentaren.

Es ist nicht mein Ziel, die Thesen des Papiers auseinander zu nehmen. Nur ein Beispiel fiel mir sehr auf und ins Gemüt. Der fundierte Theoretiker beschäftigt sich auch mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und doziert eiskalt: „Für beide realisierte sich das Risiko, das ein Revolutionär in einer von ihm selbst angezettelten Revolution eingeht: Sie wurden von Freikorps-Militärs ergriffen und kurzerhand umgebracht“.

Mir scheint, dass ich diese Lesart schon von einem gewissen Dr. Richard Schröder, der sich mal SPD-Mitglied nannte, vernommen habe. Der zitierte in einer Fernsehsendung den „Zauberlehrling“ („Die ich rief, die Geister") und erklärte außerdem, man werde den Einsatz militärischer Mittel gegen einen Putsch nie vermeiden können." Da ist Dr. van Hüllen ein bisschen barmherziger, denn der räumt – im Gegensatz zu Schröder – ein: „Das war unbezweifelbar jenseits jeder Legalität und gewöhnlicher Mord“.

Ganz besonders energisch macht sich Dr. van Hüllen über Rosa Luxemburgs berühmten Ausspruch her,den ja auch Mitglieder der Bürgerbewegung Ost als Kampflosung verwendet haben. Auch hier der Merksatz:

„Freiheit der anders Denkenden” meint nicht etwa Minderheitenschutz in einer Demokratie, sondern „Freiheit der anders denkenden Revolutionäre.” Nur sollte diese nicht organisiert, sondern spontan sein.

Damit erinnert Luxemburgs Revolutionsverständnis an die gewaltsamen Aufwallungen eines spontanen Mobs, der – wie aus leidvollen Erfahrungen gerade des 20. Jahrhunderts bekannt – plündert, mordet und nicht selten ethnische Säuberungen veranstaltet. Das konnte sie Anfang des Jahrhunderts vielleicht noch nicht so genau wissen – obwohl es ja rassistisch motivierte und antisemitische Pogrome auch damals gegeben hat. Lenin, der den Massenterror juristisch rechtfertigen und administrativ geregelt organisieren wollte, ersparte sich solche Anflüge von „demokratischer” Spontaneität und schritt ganz zynisch zu dem, was später Stalinismus wurde.“

Bei solch einer historischen Breiwirtschaft kommt raus: Rosa kannte die Helsinki Schlussakte nicht und hatte was gegen die bürgerliche Demokratie, vor allem gegen die bundesrepublikanische. So unhistorisch, herausgelöst aus den Zeitzusammenhängen, immer auf der Suche nach Denunziation wirtschaftet Dr. van Hüllen in der Biographie von Rosa Luxemburg herum und rüstet die interessierte Leserschaft mit dem Lehrsatz aus:

„Rosa Luxemburg ist kein Vorbild für Demokraten. Ihre Kritik an Lenin ist nicht menschenrechtlich motiviert. Ihre sozialökonomischen Prognosen erwiesen sich durchweg als falsch. In politischer Hinsicht scheiterte sie. Kritisch zugespitzt könnte man sagen: „Die Linke” hat sich eine Ikone ausgesucht, die nicht nur ziemlich naiv, sondern auch nicht besonders klug gewesen ist.

Nicht besonders klug scheint auch Dr. van Hüllen, von Naivität zu reden wäre allerdings unklug im Zusammenhang mit seinen Thesen. Den Tritt in Richtung ehemalige Bürgerrechtler verstärkte kürzlich Freya Klier: Sie ließ sich ebenfalls in dem Erinnerungsfilm vernehmen. Nachdem sie die Luxemburg gönnerhaft wegen ihrer Kommunikationsstärke – ohne Handy und andere Hilfsmittel – belobigt, stellt sie ihr die großen historischen Irrtümer in Rechnung.

Ach Rosa, dieser böswillige gehässige Ton stachelte mich an, nach Ausgleich zu suchen. Ich fand ihn bei Karl Kraus, der ihre große Sprachmacht in einem Beitrag des österreichischen Magazins „Augustin“ würdigte. Darin berichtet er, wie er ein Jahr nach Rosa Luxemburgs Ermordung in der „Arbeiter-Zeitung“ den berühmten Brief entdeckte, den sie aus dem Gefängnis an Sonja Liebknecht geschrieben hat.

„Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt, auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wegen vom Militär, voll bepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden, oft mit Blutflecken ..., die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt, dann wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen, bespannt, statt mit Pferden, mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum erstenmal in der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern, die Schädel also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz mit großen sanften Augen. Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen ... die Soldaten, die den Wagen führen, erzählen, daß es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum Lastdienst zu benutzen. Sie wurden furchtbar geprügelt, bis daß für sie das Wort gilt „vae victis“ ... An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die üppige rumänische Weide gewöhnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos ausgenutzt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde. – Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, daß die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen, daß die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! „Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid“, antwortete er mit bösen Lächeln und hieb noch kräftiger ein ... Die Tiere zogen schließ an und kamen über den Berg, aber eins blutete ... Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still und erschöpft, und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll ... ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter – es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die freien saftigen grünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel oder das melodische Rufen der Hirten. Und hier – diese fremde schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende muffige Heu mit faulem Stroh gemischt, die fremden furchtbaren Menschen, und – die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt ... Oh, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. – Derweil tummelten sich die Gefangenen geschäftig um den Wagen, luden die schweren Säcke ab und schleppten sie ins Haus; der Soldat aber streckte beide Hände in die Hosentaschen, spazierte mit großen Schritten über den Hof, lächelte und pfiff leise einen Gassenhauer. Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei ...Schreiben Sie schnell, ich umarme Sie, Sonitschka.

Karl Kraus druckte diesen Brief in der „Fackel“ ab und schrieb in seinem Geleitwort: „Schmach und Schande jeder Republik, die dieses im deutschen Sprachgebrauch einzigartige Dokument von Menschlichkeit und Dichtung nicht (…) zwischen Goethe und Claudius in ihre Schulbücher aufnimmt und nicht zum Grausen vor der Menschheit dieser Zeit der ihr entwachsenden Jugend mitteilt, dass der Leib, der solch eine hohe Seele umschlossen hat, von Gewehrkolben erschlagen wurde.“

Ich erinnere mich gut an diesen Text. Er stand im Lesebuch für den Deutschunterricht ich glaube für die achte Klasse der DDR-Schulen.

Noch immer geht es mir unter die Haut, wenn ich Luxemburgs Worte – geschrieben kurz vor ihrer Ermordung - lese:

„Ordnung herrscht in Berlin!' Ihr stumpfen Schergen! Eure 'Ordnung' ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon 'rasselnd wieder in die Höh' richten' und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war ich bin ich werde sein!"

Auf der Suche nach einer gerechten Stimme der Gegenwart über Rosa Luxemburg fand ich auch noch ein tröstliches Zitat von Walter Jens: "Die Humanität in unserer Gesellschaft, wird sich auch danach bemessen, inwieweit wir das Erbe Rosa Luxemburgs in Ehren halten." Es gibt nicht nur Dr. van Hüllen in diesem Deutschland.





18:28 02.05.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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