Drewermann „Kleriker – Psychogramm eines Ideals" III

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Ein Lesetagebuch aus biographischem und aktuellem Anlass

Je mehr ich mich wieder in das Buch begebe, umso deutlicher wird mir, dass Drewermann ein Gedankendickicht aufmacht, in dem man sich leicht verirren kann. Dies auch deshalb, weil er nicht „vorwärts“ argumentiert, sondern immer in konzentrischen Kreisen. Man trifft andauernd wieder Überlegungen an, die man schon vorher mal gelesen hat. Ganz verheerend für ein schlichtes Gemüt wie mich ist die Gliederung, bei welcher der geschätzte Autor alles aufbietet, was es an Untergliederungsmöglichkeiten gibt. Aus Gag habe ich versucht das Inhaltsverzeichnis eines Block mit allen Gliederungspunkten, darzustellen. Nicht nur wegen meiner Unfähigkeit zum Formatieren ein unmögliches Unterfangen. Ich jedenfalls liege noch immer vor Anker bei :

A) die Erwählten oder : Die ontologische Verunsicherung

und behandle nach

1.Der Schattenbruder des Schamanen

2.Der Schattenbruder des Chefs

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3.Die psychische Struktur, Dynamik und Gedankenwelt des Klerikers oder was es bedeutet, von Amts wegen zu existieren

Der Schlüsselbegriff von der ontologischen Verunsicherung, vereinfacht des Mangels an Vertrauen ins eigene Sein, geht durch das gesamte Buch und betrifft sicher nicht nur die Kleriker. Mir scheint er „verwandt“ mit einer Art von Lebensangst, wobei dies wohl etwas konkreter ist. Mich befiel sie als junges Mädchen nach dem Studium. Wie weiter – allein und ohne wirkliches dringendes Ziel. Auch mich streifte damals - so in meinen Ängsten – der Gedanke, wie ruhig und friedlich es wäre, wenn man seine Ängste mit einem Klostereintritt irgendwie abgeben könnte, geborgen wäre in Regeln. Gleiches gibt es auch bei Angehörigen anderer Organisationen und Verbände. Ich will es nicht vertiefen, aber wenigstens verallgemeinernd verständlich machen.

Drewermann stellt sich in seinen Erörterungen über die Kleriker eigentlich immer verständnisvoll, kommt aber doch zu reichlich entlarvenden Fragen. Zum Beispiel: Wie muss ein Dasein beschaffen sein, das aufgrund einer außerordentlichen Intensität ontologischer Unsicherheit sich in außerordentlicher Weise an ein öffentliches Amt bindet, um von dort her seine Berechtigung Bestätigung und Befähigung zum Leben zu erlangen?

Was ist ein typischer Kleriker – Lebenslauf? Kann man vereinfacht fragen. Aber so einfach macht er’s nicht, detaillierte Beispiele gibt’s erst später in dem Buch.

Im Grund ist es, so meint Drewermann der Kleriker ein Mensch, der die Verlagerung vom Persönlichen ins Institutionelle als eine Befreiung von sich selbst erlebt. In der Ichschwäche und Icheinschränkung liegt das Heil und das ganze heißt bei Drewermann dann auch verzweifelte Resignation.

Und nach dieser rauen Diagnose überlegt er - in einem weiteren Unterpunkt – erneut, welche ideologischen Fixierungen und Behandlungswiderstände bei Klerikern anzutreffen sind.

Vor allem das Konstrukt der Berufung in ein Amt aus Gnade schafft Probleme. Kleriker sind sich selbst sehr entfremdete Menschen und jene unter ihnen, die das erkennen und ändern wollen, geraten in Konflikte.

Wenn die Berufung in den Klerikerstand eine Gnade ist, dann gäbe dieser Begriff doch einiges her, wenn es darum ginge, für das persönliche Glück und die persönliche Entwicklung entsprechende Möglichkeiten zu entdecken und daraus Gottvertrauen und Vertrauen ins eigene Ich zu schöpfen. So ist es aber keineswegs: Bei dieser qua Amt verliehenen Gnade sieht sich der Therapeut mit „heftigsten und scheinbar rational begründeten Widerständen gegenüber jeder Form einer persönlicher Existenz konfrontiert“. Diese Gnade per Amtsberufung scheint nicht zu befreien, sondern nach ständiger Opferbereitschaft zu schreien. „Weil Christus gelitten hat, müssen auch wir die Angst vor dem Schmerz überwinden ...“usw. Es scheint, als ob das Amt eines Klerikers nicht mit dem Recht auf einen Anspruch ans eigene Leben vereinbar ist.

Nebenher scheint aus meiner Sicht da die gänzlich inhumane Seite der ganzen – später noch diskutierten Zölibatsidee – zu liegen. Der Verzicht auf ein eigenes Leben um des Himmelsreiches willen ist im Grunde eine Regression, wie sich immer wieder zeigt und am Ende krank macht und die Persönlichkeit verkümmern lässt

So entsteht das Paradoxon, dass der Kleriker immer eine Erlösung predigt, die er als Person kaum empfindet. Hinter dieser Opfertheologie lauern der Wunsch nach Selbstvernichtung und ein Diktat der Angst.

Immer wieder greift Drewermann dies Paradoxon auf: Aus eigenem Brande darf er nicht glühen, er muss qua Amt glühen und alles was er hat dafür, ist geliehen und nicht das Seine. Der Kleriker darf – auch nicht im besten Sinne – an sich selbst denken, sondern an Christus und er darf auch nicht Leid vermeiden wollen, weil die Not der Dritten Welt in gewisser Weise damit „verraten“ würde.

Dieses Doppelbödige, dieses Für-Andere-leben-sollen funktioniert eben nicht, sondern führt zu einem entfremdeten Sein. Dieses entfremdete Sein, dieses Denken im Amt mag in einem Gemeinwesen noch funktionieren, weil jeder Beamtete irgendwann nach Hause geht und Er selbst ist. aber in der Religion bleibt es ein unlöslicher Widerspruch,

„Indem die Art des Denkens hier an das Offizielle , Beamtete gebunden wird, erhält es wesentlich den Zweck, das Innere des Menschen zu formieren, das heißt, es tritt augenblicklich in die Gefahr , zu einem bloßen Propagandamittel der immer schon vorausgesetzten Wahrheit zu verkommen.“ – Dies ist mir aus der dogmatischen Vergangenheit nur zu bekannt, dieses Phänomen. Und es ist – so Drewermann – auch in der Kirche keine Gefahr, sondern reine Tatsache.

Für diese „Hierarchisierung des Denkens“ führt er Fälle in der katholischen Kirche an, bei der die Thesen eines einzelnen Theologen verurteilt werden und ihr Verfasser getadelt wird, weil es die Amtskirche so will, aber – in der Praxis - gehandelt wird, wie es da eben erforderlich ist. Wichtig ist nur, dass nicht öffentlich dazu gesprochen wird.

Ein solcher Fall war die öffentliche Verurteilung des FreiburgerMoraltheologen Stephan Pfürtner, der postulierte, dass die Pillenenzyklika Humanae Vitae nicht wichtiger genommen werden dürfe, als die Verantwortung der betroffenen Eheleute selbst. Das darf nicht gesagt werden oder wenn überhaupt: Nur hintern vorgehaltener Hand.

Die Erfahrungen der Würzburger Synode aus dem Jahr 1975 sind ein ähnlicher Beweis dafür. Hier ging es um Einspruchmöglichkeiten der Laien zum Thema der Zulassung zu den Sakramenten für wiederverheiratete Geschiedene. Es wurde viel diskutiert, am Ende blieb die hierarchische Kirche mit ihren zementierten Lehrsätzen Siegerin. Auch die 1986 erfolgte Amtsenthebung des US-Moraltheologen Charles Curran, der dezidiert andere Meinungen zu Empfängnisverhütung, Pille und Homosexualität vertrat, steht für diese nicht aufzulösende Hierarchisierung, die dem einzelnen Kleriker Konflikte macht,die über die Loyalitätsgebote an normale weltliche Beamte hinausgehen.

Diese Hierarchisierung entwerte den Glauben zu einer erfahrungslosen Lehre, erklärt Drewermann. Sie führe zu einer standardisierten Unpersönlichkeit des Denkens, was sich nicht zuletzt im vorherrschenden Kanzlei- und Kanzelton der klerikalen Verkündigungssprache zeige.

Es ist das reine Über-Ich Denken, das den Kleriker kennzeichnet und letztendlich ist dafür ein Vergleich recht geeignet, den Freud schon durchgeführt hat in seiner „Massenpsychologie", nämlich der zwischen Militär und Kirche.

(Fortsetzung folgt in Sprüngen)

20:00 17.04.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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