Du holde Kunst - ein trauriges Lied

James Levine Während zum Thema #MeToo hierzulande allerorten schon wieder Ruhe einkehrt, gehen die Debatten anderswo weiter.
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In den USA zog ein einen Skandal um die Turnerinnen, bei dem ein Sportarzt auf viele Jahre hinter Gitter verschwand, weite Kreise. Hier ein Bericht im Spiegel dazu

Aber, auch die schönen Künste, über deren Entstehung einst der Mythos der zu großen Werken sublimierten Sexualität schwebte – sind auf dem Boden der schleimig-schmutzigen Missbräuche aufgeschlagen. Allerdings - auch dies nicht nur hierzulande - mit großer Verspätung.

Stichwort James Levine

Die Metropolitan Opera beendete schon im vergangenen Jahr die Zusammenarbeit mit James Levine, nachdem über 70 Personen sich über sexuellen Missbrauch durch den Maestro geäußert hatten.

Dass hinter dem Klatsch und dem Gerede mehr steckte, war hinlänglich bekannt. Aber, so lange der Beschuldigte alles abstreitet, kann man nichts tun. Und es erheben sich – wie immer – die Stimmen, die meinen, das sei Hexenjagd und solange das alles nicht zu beweisen sei und gerichtlich geklärt werden könne, seien das alles nichts als Versuche, ihn zu vernichten.

Levine selbst sieht eher eine Verschwörung gegen sich, die vom Manager der Met, Peter Gelb, gegen ihn angezettelt sei

"Ich habe meine Energie der Entwicklung, dem Wachstum und der Förderung von Musik und Musikern auf der ganzen Welt gewidmet - besonders mit der Metropolitan Opera, wo meine Arbeit der Lebensnerv und die Leidenschaft meiner künstlerischen Vorstellungskraft war", sagte er in der Erklärung. "Meine inbrünstige Hoffnung ist, dass die Menschen mit der Zeit die Wahrheit verstehen werden und ich meine Arbeit mit voller Konzentration und Inspiration fortsetzen kann."

Man kann davon ausgehen, dass er glaubt, was er erklärt

Die Münchner Debatte

um Celibidaches Nachfolge

Schon vor fast zwanzig Jahren führte der Plan, James Levine zum Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker – als Nachfolger von Sergiu Celibidache - zu machen, zu heftigen Debatten. Damals warnten die „Grünen“ und wollten absichern, dass gegen Levine kein Strafverfahren lief, obwohl die Gerüchte über ihn fast schon was Legendäres hatten. Hier eine umfangreiche Erinnerung daran.

Selbsternannte Sittenwächter?

Viel Häme über die „Grünen“ machte die Runde, man sprach von selbsternannten Sittenwächtern. Hier ein Beitrag im Spiegel

Aber, waren es nicht gerade die „Grünen“, die eigene Erfahrung und Fehler im Umgang mit sexuellem Missbrauch durchaus sensibilisiert hatte? Wie auch immer, der Spiegel meinte: „Seitdem der Name Levine im Münchner Gerede ist, schnüffeln selbsternannte Sittenwächter unter der Gürtellinie des Dirigenten und streuen ihre unappetitlichen Ondits, feiger noch und frecher als die Holzköpfe im Rathaus ihre Vorbehalte. Unter dem Siegel konspirativer Recherche animieren sie Journalisten, sich doch einmal im New Yorker Underground umzutun, Codewort: Lebenswandel, Stichwort: lasterhaftes Treiben bis hin zu kriminellen Verfehlungen, Michael Jackson und so. Wenn da was dran wäre“

Tja, es ist was dran. Für Levine war es ein Sturz ins Bodenlose

Und es ist durch die Hinfälligkeit und Krankheit des Maestro in ein Licht getaucht, das der Aufklärung etwas Gnadenloses, Grausames gibt. Aber, soll deshalb das Schweigen siegen? Levine hat keinen Grund mehr, sich den Anschuldigungen wirklich zu stellen, er ist in der Dämmerung seines künstlerischen Lebens.

Norman Lebrecht

Der Maestro-Mythos

Der britische Autor Norman Lebrecht hat sich schon vor vielen Jahren in seinem Buch „Der Maestro-Mythos“ auch mit dem „Sexuellen Leben von Dirigenten“ beschäftigt.

Nach der Veröffentlichung schlug ihm viel Ablehnung entgegen. Es sei ein Klatschbuch, keine ordinäre Anekdote sei ihm zu gering. Das Publikum wollte seine Götter behalten. So war das halt 1991. Jetzt aber ist sie da, die Götterdämmerung. In der britischen Zeitschrift Spectator hat er sich – nachdem er sich durch den Wandel des Zeitgeistes ermutigt fühlt – zum Thema geäußert.

Das sexuelle Leben der Dirigenten

Da nimmt er sich nicht nur James Levine vor, auch andere große Dirigenten kriegen ihr Fett ab. Z. B. der Schweizer Charles Dutoit. Ihm wird vierfacher sexueller Missbrauch vorgeworfen, berichtet die klassiker-welt.

Norman Lebrecht berichtet über die französische Sopranistin Anne-Sophie Schmidt, die erklärte, dass ihr Kalender leer blieb nachdem sie die anhaltenden Avancen des Schweizer Dirigenten Dutoit immer wieder abgelehnt hatte. Das war Mitte der 90er Jahre. Sie ist davon überzeugt, dass sie auf einer schwarzen Liste gelandet sei, auf die sie der Dirigent gesetzt hätte.

„Sex würde als eine Art selbstverständliches „Vorrecht“ des Dirigenten genommen, es ginge um Macht und wer mit dem Maestro nicht schläft oder ihn nicht an sich ranlässt, hat Probleme mit neuen Verträgen. Der Deal ist: Schlaf mit dem Maestro, oder du wirst nie wieder arbeiten.

Und absolut bittere Passage schildert Lebrecht in seinem Beitrag: :

„Der schwerwiegendste Fall, den ich kenne, ist die Solistin in ihren späten Teenagerjahren, die etwa eine Stunde vor einem Konzert in einem der berühmtesten Säle Europas in das Zimmer des Dirigenten gerufen wurde, um ein paar Punkte in der Partitur zu besprechen. Sie tauchte eine Weile später auf und schluchzte unkontrolliert. Sie war vergewaltigt worden, und sie musste immer noch auf die Bühne gehen, ein Konzert spielen und sich mit ihrem Vergewaltiger verbeugen. Ich habe versucht, sie dazu zu bewegen, etwas zu sagen, aber sie möchte verständlicherweise mit ihrem Leben weitermachen und hat wahrscheinlich immer noch mehr Angst als der Mann, der sie vergewaltigt hat, nach all den Jahren immer noch ihre Karriere beschädigen kann. Mehrere Musikinsider sahen sie aus diesem grünen Raum kommen. Niemand hat den Aggressor konfrontiert.“

So manches kommt aus den gegenwärtigen Debatten in anderen Gebieten der Kunstausübung recht bekannt vor. Auch die Gegenargumente sind ähnlich: Hat es ein Maestro denn überhaupt „nötig“, sich so aufzuführen, werden die nicht von Kunstfreundinnen belagert? Gibt es nicht auch einvernehmlichen Sex in aller Liebe?

Die gleichgeschlechtliche Variante

Entlarvt manche Debattentricks

Interessant ist es, wenn der Maestro nicht heterosexuell ist, denn dann werden manche merkwürdigen öffentlichen Diskussionspunkte auch nochmal schärfer als das entlarvt, was sie sind: Versuche, Schuld abzuwälzen und zu entlasten. Ich erinnere an eine Gesprächsrunde zum Thema Dieter Wedel, in der Heike Melba Fendel als Teilnehmerin andauernd behauptete, das weibliche Begehren spiele bei der Debatte eine zu geringe Rolle. Sie wurde lebhaftest bejubelt, nicht zuletzt von Thomas Fischer, der gar nicht wieder aufhören konnte, sie zu preisen. "Die als Gast geladene Schauspieler-Agentin Heike-Melba Fendel formulierte den mit Abstand intelligentesten Gedanken des Abends: Wolle man über Sexismus sprechen, müsse man zunächst über Sex sprechen, also über männliche und weibliche Selbst- und Fremdbilder. Man müsse sich vom Stereotyp lösen, immer nur über "Taten" zu sprechen, ohne zu fragen, wie, warum und woraus sich diese Bedeutung überhaupt ergebe." schrieb er in der ZEIT

Das würde im Umgang mit Übergriffen auf einen jungen Mann völlig wegfallen, denn wenn ein Mann mit so viel Macht, junge Praktikanten anfasst, ihnen in die Hose greift, sich masturbieren lässt und sie masturbiert, würde eine Frage nach deren Begehren kaum glaubhaft sein. Niemand würde angesichts der Übergriffe auf kleine Jungs über die Frage sinnieren ob es auch ein Jungmännerbegehren gibt und ob der junge Mann vielleicht mit seinen aufreizenden T-Shirt oder engen Jeans den Künstler herausgefordert hat? Ob er es „drauf angelegt“ hat.

Nein, die gleichgeschlechtliche Variante macht deutlich: Es ist der Maestro, der bestimmt, wen er mit seinem sexuellen Begehren belästigt. Das sexuelle Begehren seiner Opfer ist ihm wurscht und das gilt dann wieder für alle Varianten – hetero oder homosexuell.

Wenn es um Begehren geht, dann darum,

dass es mit Macht gestillt wird

Dass es – vielleicht auch im Gefühl, dass man sexuelle Übergriffigkeit und Machtausübung ein bisschen mit "höheren Weihen" versehen soll – auch den Versuch gibt, Sexualität in eine Art gemeinschaftliche Kunstausübung zu betten, wird in der Neuen Zürcher Zeitung thematisiert,

Das war ein Kult versucht der Autor zu definieren. Und – es sei in die Eigenverantwortung derer gegeben, ob sie ich in den Bannkreis eines solchen Kultes begäben oder nicht.

Tja, es ist nicht leicht, ausgeübter Macht zu entgehen – das gilt nicht nur für sexuelle Übergriffigkeiten.

Hier gibts das auch

https://magdaskram.wordpress.com/2018/04/05/du-holde-kunst/

12:13 05.04.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.(George B. Shaw)
Magda

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