Ein Frauentags-Vorwendekommentar

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Was wollen die Frauen?

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Der hier verlinkte Beitrag hat mich dazu gebracht, mal in mein Archiv zu gucken. Das ist der letzte Leitartikel, den ich vor der Wende zum Thema schreiben durfte. Er war bestimmt nicht mutig, ich habe die erforderlichen „Fertigteile“ in der Einleitung verwendet und will die nicht einfach weglassen, aber dann war ich ein bisschen eigenwilliger als die anderen Beiträge zuvor. Das fand freundliche Beachtung auch durch Leserinnen und Leser.

(Erschienen zum 8. März 1989 in „Neue Zeit“)

Nun werden wir wieder geehrt. Überall in unserer Republik wird in diesen Tagen um den 8. März der hochgeschätzte Anteil der Frauen und Mädchen am Werden und Wachsen unsers Landes und seiner Gesellschaft gewürdigt und dies geschieht gewiss zu Recht. Und wir Frauen? Wir nehmen dies gern entgegen, freuen uns über die Anerkennung, fühlen uns bestätigt und motiviert. War es da nun? Haben wir überhaupt keine Probleme mehr mit der Emanzipation?

Ein Theaterkritiker machte sich kürzlich Gedanken darüber, warum der Regisseur in einer Hamlet-Inszenierung die Hauptrolle weiblich besetzt hat. Soll damit etwas Emanzipatorisches ausgedrückt werden?“, fragt er sich und stellt dann kategorisch fest: „Auf der sozialistischen Bühne entfällt die Emanzipationsfunktion.“ Es sind solche Sätze, die Frauen, welche ihre Zeit und ihr Umfeld aufmerksam beobachten, gelegentlich zu einem Seufzer bringen. Da wird es uns bescheinigt: Ihr habt sie doch die Gleichberechtigung. Ihr seid doch nun emanzipiert, kann man das nicht endlich abhaken? Ein bisschen klingt auch was durch von Freuds Aufschrei: „Was will das Weib?“. Ich kann hier glaubhaft versichern, dass die Frauen ganz gewiss nicht fordern, dass alle männlichen Hauptrollen im Theater und im Leben von nun an weiblich zu besetzen sind.

Ja, was wollen die Frauen? Zuerst einmal wollen sie Frauen sein. Sie wollen – und darin liegt schon eine neue Qualität von Forderungen – der Gesellschaft mehr geben als ihre Kraft und ihre Leistungen. Sie wollen sie auch noch anders mitprägen, nämlich durch ihr Wesen. Gibt es weibliche Züge, die von der Gesellschaft besonders verallgemeinert werden könnten? Ich meine ja und es ist Wert, über sie nachzudenken. Frauen sagt man ,- und manchmal liegt darin sogar ein Vorwurf – haben ein ziemlich enges Verhältnis zu konkreten Dingen, zu alltäglichen Kleinigkeiten, zum Detail, in dem bekanntlich „der Teufel steckt“. Sie wurden dafür oftmals gescholten, als die kleineren Geister mit der Unfähigkeit, sich über die Dinge zu erheben, den großen Wurf zu erkennen. „Das ewig Weibliche“, welches hinanzieht, kann man stattdessen nicht besser die gesunde Eigenschaft der Frauen preisen, „auf dem Teppich“ zu bleiben?“ Ich meine, dass der Sinn der Frauen für das wirklich Machbare und Mögliche ein durchaus fruchtbares Regulativ in der Gesellschaft sein kann. Frauen haben ein durch die Jahrhunderte geprägtes positives Verhältnis zum Kompromiss. Sie, die immer aus der Ohnmacht heraus agieren mussten, kennen den Wert der ausgehandelten Übereinkunft. Sollte das in unsrer Zeit keinen Wert haben? Und, weil sie durch viele Zeiten die Bitterkeit der Machtlosigkeit geschmeckt haben, haben sie auch ein etwas andere Verhältnis zur Macht. Sie blicken weitaus kritischer auf die Art und Weise wie Macht verwaltet wird in der Welt. Auch darin liegt viel Positives.

Man könnte nun zu dem Schluss kommen, dass die Frauen anlässlich ihre Ehrentages hier nun als die besseren menschlichen Wesen mit den wertvolleren Eigenschaften herausgestellt werden sollen. Darum geht es keineswegs. Und außerdem soll von „weiblichen Eigenschaften“ auch gar nicht behauptet werden sie seien nur den Frauen immanent. Auch Männer besitzen sie, nur verleugnen sie sie gern.

Und außerdem können wir in unserem täglichen Umfeldja sehen, wie sehr sich die Rollen zum Teil die der Männer und zum Teil die der Frauen schon geändert haben.

Aber ich möchte energisch dagegen plädieren, dass Frauen, die sich bemühen, im Beruf etwas zu erreichen oder schon die Stufen einer Leitungstätigkeit erklommen haben, als jemand beschrieben werden, der „seinen Mann steht“. Genau das wollen wir eben nicht! Wir wollen nicht bestimmte Eigenschaften beim Pförtner abgeben, nur weil die als unlogisch, unsachlich oder unfruchtbar bisher noch eingeordnet werden. Es nützt den Frauen wenig, wenn sie ihr Wesen verleugnen. Frauen sollten in steigendem Maße mehr Mut zu sich selbst haben und nicht „ganze Kerle“ sein wollen. Und sie wollen ihre jeden Tag vorhandene Sorge um die Kinder, die sie in den Dienststunden nicht abstellen können wie ein Uhr, nicht als etwas erleben müssen, dass lästig ist im Arbeitsprozess. Hier muss man, so meine ich, noch mehr gesellschaftliches Bewusstsein entwickeln, damit die Frauen ihr notorisch schlechtes Gewissen verlieren und auf mehr Verständnis rechnen können.

Der 8. März war und ist ein Tag mit revolutionärem Ursprung. Wir begehen ihn darum in Solidarität mit Frauen, die für vieles, was bei uns bereits Wahrheit ist, noch kämpfen müssen. Die Solidarität kommt uns auch deshalb von Herzen, weil wir wissen, dass Emanzipation, wie alle Entwicklungen auf der Welt, ein Prozess ist, der nicht aufhört. In diesem Sinne könnte man die berühmte Freudsche Frage: „Was will das Weib?“ vielleicht wie folgt beantworten: Ehret die Frauen, vor allem aber hört auch auf sie!

21:49 06.03.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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