Ein Vorfahr und sein Krieg I

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„4. März 1915, am Tage nach unserem Siege bei Notre Dame de Lorette.

Ich stand in Sappe B bei den Glühzündapparaten. Es ist in fünf Minuten 7 Uhr. Die Spannung ist auf das höchste gewachsen. Da wird es 7 Uhr. Auf der ganzen Front krachen die Minenwerfer. Ich zünde. Im selben Moment ein Erdbeben. Der ganze vordere Graben der Franzosen geht in die Luft. Arme, Beine, Köpfe fliegen umher. Die ganze Besatzung ist tot. Jetzt stürzen wir vor. Die Hörner gellen den preußischen Avanciermarsch. Vor mir ist ein Hornist auf die Brustwehr gesprungen und bläst unaufhörlich. Ein Hurra dröhnt durch die Lüfte. Wir sind am Feind im zweiten Graben , er will schießen, aber er ist erstarrt. Es fallen ein paar Schuß. Da stößt das Bajonett zu, Handgranaten krachen, Blut fließt. Wir sehen und hören nichts mehr Drauf! Er streckt die Waffen, zwischen dem Hurra ein Winseln und Schreien, Verwundete.

Es geht weiter Im Handumdrehen haben wir vier Gräben überrannt. Alles ist unser. Noch haben wir wenig Verluste. Punkt 7 Uhr hat unsere Artillerie eingesetzt mit mörderischem Feuer auf anrückende Reserven. Sie werden vernichtet. Schnell wird die Stellung für unsere Zwecke umgebaut. Aber schon hat die französische Artillerie eingesetzt. Jetzt beginnt die Hölle. Den ganzen Tag, die ganze Nacht wird uns Granate auf Granate entgegengeworfen.

Wer will das Grauen beschreiben? Es fallen viele. Einem Pionier wird der Kopf abgerissen, einem anderen Arm und Beine. Oh dieses Morden, dieses Entsetzen,man weiß nicht mehr, wohin. Das Blut erstarrt einem, da hilft alle Tapferkeit nichts. Dies Winseln der Verwundeten, Kameraden, Kameraden helft mir, und man kann es nicht, es ist unmöglich. Wie viele verbluten da noch. Und überall wieder im einzelnen ein unvergleichliches Heldentum. Neben mir liegt ein Infanterist, er windet sich, Bauchschuss. Er kann nicht sterben. Da kniet ein Pionier im Kugelregen nieder, hebt seinen Kopf und ich höre ihn laut beten: Herr Jesus, Dir leb ich Herr Jesus, Dir sterb ich, in Ewigkeit! Amen.

Am Nachmittag hat der Feind noch mehr Artillerie herbeigeschafft, es wird unerträglich. Er macht einen Gegenstoß mit der Infanterie. Doch seine vorderste Linie bricht nieder, alles tot.Wir halten die Stellung, ja, der Sieg ist unser.“

Dies schrieb mein Großvater, Wilhelm Friedrich Loeper, dessen uneheliche Tochter meine Mutter ist an seine Braut Elisabeth in Dessau. Dieser Loeper - Teilnehmer im Ersten Weltkrieg, später Mitglied der Reichswehr, glühender Hitlerverehrer und Akteur beim Münchner Putsch, dem Marsch auf die Feldherrnhalle von 1923 - wurde später Reichsstatthalter von Sachsen-Anhalt und Braunschweig. Er starb bereits im Jahre 1935 und Adolf Hitler sprach an seinem Grabe.

Ein neues "Stahlgewitter"?

Als im Jahre 1995 – 80 Jahre später - der Berliner Regisseur Frank Castorf - davon sprach, dass „wir wieder ein neues „Stahlgewitter“ brauchten, war das als Provokation gedacht. In einer Welt der Lähmung und der Kasko-Versicherungen sprach der Sohn eines Eisenwarenhändlers über die Faszination, die für ihn von Blut und Eisen ausgeht.

Castorfs Statement ging mir nach. Ohnehin ist es – im Zusammenhang mit der neuen Debatte um die Rolle der Bundeswehr und dem veränderten Charakter ihrer Einsäte –nicht verwunderlich, wenn ein „neuer“, männlicher betonter, martialischer Ton angestimmt wird. Zwar nie ganz ohne reflektierend-nachdenkliche Beimengung, aber doch immer mehr.

„Schießen bis die Waffe schmilzt“ überschrieb ein Autor in der ZEIT seine Rezension des Buches "War", in dem der USA-Journalist Sebastian Jungers über den Afghanistan-Krieg berichtet. Diese Headline erschüttert die Gemüter. In diesem Blog wird das thematisiert.

Folgender Satz aus der Rezension. „In mancher Hinsicht verschaffen zwanzig Minuten Kampfgeschehen mehr Lebensintensität, als man sie während eines Daseins zusammenkratzen kann, das mit anderem beschäftigt ist.“ weckt Empörung, die zwar verständlich, aber völlig unreflektiert ist.

Es ist – in einer Welt der virtuellen und medialen Kriegseinsätze und der ständigen Suche nach dem ultimativen Kick, überhaupt nicht verwunderlich, dass dieses Suche sich längst auch auf realen Krieg und Kampf erstreckt.

Zurück zu meinem „illegitimen“ Großvater: In einem Buch, das nach seinem Tode zu seinen Ehren erschien, sind auch Feldpostbriefe enthalten, von denen ich einen in Auszügen voranstellte. Ein Historiker befand sie als eine Ergänzung zu Erich Maria Remarques berühmtem Kriegsbuch „Im Westen nichts Neues“. Diese Lektüre bewegte mich sehr und zwar in sehr widersprüchlicher Weise.


Nachdenken über Krieg und Heldentum

(Männer führen Kriege gegeneinander, weil jeder Mann in sich selbst einen Krieg ausficht." Lewis Caroll)

Die Annäherung an einen Vorfahren, von dem man bisher nur durch Überlieferung etwas wusste, ist schwierig genug. Innere Ausweichmanöver komplizieren alles noch mehr.

So lasse ich erst einmal ohne theoretisch-kritische Reflexion an mich heran, dass dieser Großvater offensichtlich ein Mann war, der sich als tapfer verstand und sich weitgehend auch so verhielt. Ich übernehme die Definition von „Tapferkeit“ aus seinen eigenen Lebenszeugnissen. Er leugnet die Furcht nicht, er leugnet auch das Grauen nicht. Er berichtet auf dramatische, manchmal theatralische, aber doch beeindruckende Weise von den Kämpfen dieses Krieges. Er weiß, wovon er spricht, wenn er anmerkt: „Italiens Eingreifen wird den Krieg verlängern, aber das Schicksal nicht wenden. Diese Narren schreien nach Krieg und wissen nicht, was Krieg heißt“. Er ist kein ganz junger, völlig ungefestigter Mensch mehr, als er in den Krieg zieht, sondern über dreißig Jahre alt. Er ist durchdrungen vom Bestreben, sich auszuzeichnen und sein soziales Ansehen zu erhöhen. Gerade für junge Männer aus dem Kleinbürgertum war das einer der Gründe, die militärische Laufbahn einzuschlagen.

Als er das Eiserne Kreuz 1. Klasse erhält, ist er voller Stolz. Immer aber werden auch die Verdienste der ganzen Truppe von ihm gewürdigt.

Wenn er von der Notwendigkeit des Gehorsams überzeugt ist, dann auch von der Pflicht des Vorgesetzten zu guter Führung. Er glaubt, dass die eigene Vorbildhaftigkeit die Truppe beflügelt, dass sie strenge Anleitung und „sittliche“ Führung braucht. Er betont, er verlange von sich stets mehr als von seinen Soldaten. Pflichterfüllung und Hingabe an das Vaterland – der ganze preußisch-deutsche Tugendkanon wird von ihm im wahrsten Sinne des Wortes „ins Feld“ geführt.

Ich stelle fest, dass ich als „männlich“ charakterisierte Verhaltenweisen wie kriegerischen Mut und militärische Tapferkeit noch nie in Verbindung mit einen konkreten Menschen gebracht habe. Mutige Menschen retten andere Menschenleben – das ja. Tapferkeit in Kriegen, Feuerproben und „Stahlgewittern“ – das ist eine andere Welt. Dieser konkrete Einbruch einer ganz speziellen Männerwelt in meinen Horizont ist mir unheimlich, fremd. Fremd und auch faszinierend. Das ist überraschend, damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich kenne Filme und Bücher, die sich mit dem Elend und der Tragik des Krieges oder auch der Torheit des Heldentums auseinander setzen. Ich hörte Begriffe wie „Heldentum“ oder „Krieg“ in ernsthaften Filmen als historische „Zitate“, als Indizien für die tiefen Irrtümer der Menschen und für den Missbrauch ganzer Generationen von Männern. „Im Westen nichts Neues“, auch ich habe es in jungen Jahren gelesen. Die Sinnlosigkeit des Krieges, die traumatisierenden Erfahrungen der Schlachten – das alles ist mir theoretisch bekannt und gehört zu den kulturellen Prägungen, mit denen auch ich aufgewachsen bin.

Wenn in Filmen das Elend der Kriege beschworen wird, dann in Bildern von grauenhafter Ästhetik. Konkrete Kriegshandlungen gehören in die Tagesschau-Berichte, wo wenig von Mut und Tapferkeit, mehr von technischen Einsätzen und vor allem von politischen Hintergründen die Rede ist.

(Ende Teil I)

(Diese Blogs verstehen sich auch als eine Ergänzung um Hauptthema des Freitag dieser Woche www.freitag.de/wochenthema/1101-kenne-deinen-feind)

14:11 06.01.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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