Eine andere Sau durchs Dorf

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mal ein bisschen wider den moralischen Stachel gelöckt...

Seit ich heute morgen das Radio eingeschaltet habe, leiert der Nachrichtensprecher von rbb-Kultur alle Stunden runter, dass es neue Erkenntnisse im Fall Wulff gibt.Und immer wieder wird bedeutet, dass das Ausmaß der Verfehlungen und Enthüllungen noch nicht ganz erkannt ist. Der Bundespräsident wird ermahnt, endlich die Wahrheit zu sagen, alles auf den Tisch zu packen. Von Stunde zu Stunde mehr bekommen diese Meldungen was von „Fuß aufstampfen“ und „Wir kriegen ihn schon“.

Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass schon einmal ein Beschuldigter im Politikbetrieb seine Verfehlungen eingeräumt hätte und wenn dann waren es die falschen Gründe für sein Eingeständnis.

Ehrlichkeit wird auch beim öffentlichen Ehrlichkeitsritual nicht goutiert, wie das Beispiel Andrea Ypsilanti beweist. Vor allem, wenn man politische Ehrlichkeit am Ende mit politischer Ungeschicklichkeit verbindet, dann wird die Ansage, man könne ein Wahlversprechen nicht einhalten, zum Brachialgeschoss für jene, die nicht eingehaltene Wahlversprechen sonst weniger thematisieren. Nicht erst seit der Ypsilanti-Hatz stelle ich mir die Mainstream-Medien in diesem Lande vor wie eine Herde von Jägern, die alle das gleiche Wild jagen. früher waren wenigstens die Jagd- und Schonzeiten noch unterschiedlich. Eine Meute von Wahnsinnigen mit dem von Dieter Hildebrandt so benannten „Killerinstinkt“, von denen nur ganz wenige mal einhalten und reflexionsfähig sind. Die Erkenntnis, das wir ein bisschen Wulff sind, ist aber keine so wahnsinnig reflektierende Hilfe, sondern scheint wie der Ruf nach mehr Boulevard, mehr Glamour daherzukommen. Mir isses wurscht, wie der Wulff wohnt, auch Helmut Schmidt, der gegenwärtig Vielbewunderte – hat eine bescheidene Hütte.

Ich jedenfalls verfolge diese Kampagnen nur noch mit Unwillen. Die Dienstwagen dieses Landes liefen schon durch die Mühlen der Meinungsmache rauf und runter - entweder waren sie falsch benutzt oder geklaut oder gar beides. Die Dienstreisen der Politiker – entweder waren sie mit unrechtmäßig abgerechneten Bonusmeilen bezahlt oder diese wurden unrechtmäßig privat genutzt. Oder es wurden die falschen Leute mitgenommen und eingeladen. Oder Einer hat einen Luxusschlitten, obwohl der links ist oder Eine isst Hummer obwohl die nicht korrekt sind oder Einer hat eine zu große Hütte.

Ein Zacken schärfer ist es schon, wenn sich Parteispenden in jüdische Vermächtnisse verwandeln. Da war ein giftiger Koch am Werke bei diesem Gebräu.

Es ist schon seltsam - was mir früher als Beleg für tugendhafte Pressefreiheit, demokratische Reinigung und berechtigte Kontrolle erschien, erscheint mehr und mehr als gesteuertes politisches Kalkül. Die Tatsache, dass Skandale, Fehlverhalten Vorteilsnahmen aufgedeckt wurden sagt nichts aus über das tatsächliche Ausmaß an skandalösen Entscheidungen, Verhalten und Missachtung demokratischer Tugenden. Gar nichts. Eher frage ich mich, warum man gerade Diesen oder Jenen erwischt hat und warum Andere nicht und was dahinter stecken mag.

Früher war mehr Enthüllung?

Kann sein, weil man sich auch noch über Systemgrenzen hinweg am Zeuge flicken konnte. Aber heutzutage- was bringt denn die Enthüllerei? Nix für die Demokratie, höchstens neue Handlungsoptionen für Leute, die irgendwelchen Politikern am Zeuge flicken wollen oder ihnen ein Bein stellen.

Die letzten Jahre haben mich weiter in der Überzeugung bestärkt dass man Lawinen lostreten kann auch wenn die Verfehlungen der Politiker, die darunter begraben werden sollten, gar nicht so groß waren.

Und überhaupt: Seit es Politik gibt, gibt es das, was der träumerisch-zögernde Dänenprinz in seinem großen Monolog den „Übermut der Ämter“ nennt, das ist keine neue Enthüllung. Dass die Medien so eine Unisono-Empörung wie auf Bestellung, produzieren ist etwas, das man lernen muss zu ignorieren, so wie man ja – mit der Zeit – auch Werbung versucht auszublenden. Politiker handeln manchmal ganz gern auch zum eigenen Vorteil. Wer hätte das gedacht. Wirklich.

Seien wir doch froh: Früher gabs Mord, Totschlag und Emser Depeschen. Das waren garstige Zeiten. Heute gibt’s Ziegelhäuser.

14:09 21.12.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

Kommentare 82

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