Magda
16.11.2010 | 10:02 5

Eine Ausstellungseröffnung mit "Gästen"

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Magda

"Ohne Groll und Schaum vorm Mund"

Im Schulzentrum des oberpfälzischen Städtchens Schwandorf wurde vor einigen Tagen eine Ausstellung eröffnet, die schon seit März des Jahres für Diskussion und Auseinandersetzung mit der NS-Zeit sorgt. Ihr Titel: „Schwandorf und das Städtedreieck* unterm Hakenkreuz – NS-Zwangsarbeit im ländlichen Raum“

Die Pilotausstellung war zuvor in Maxhütte-Haidhof zu sehen, einem Ort, der nicht ohne Grund gewählt wurde, gibt es doch hier, wie in einigen anderen Städten der Region eine heftige Debatte um den Umgang mit Friedrich Flick der hier noch immer als Arbeit- und Brotgeber gewürdigt, dessen Rolle im Dritten Reich aber verdrängt wird. Auch um die Umbenennung von Straßen, die noch seinen Namen tragen, gibt’s Streit.

Der Berliner Journalist Chris Humbs hat mit einer Projektgruppe vor Ort diese Ausstellung initiiert und mitorganisiert. Hier der taz-Beitrag

Erschreckender Zwischenfall

Dies alles ist der Hintergrund einer bizarren und erschreckenden Zwischenfalls während der Eröffnung im Schulzentrum. Eingeladen hatte man auch polnische Zwangsarbeiter. Die über 80jährigen Tadeuz Dworakowski und Marian Wróblewski .

Während der Eröffnung der Ausstellung hatten sich zehn NPD-Mitglieder eingefunden, um das versammelte Publikum und vor allem Marian Wroblewski zu verhöhnen, ihm zu raten, sich dorthin zu scheren, wo er hergekommen ist. Dies berichtet ein Reporter heute morgen auf Deutschlandradio Kultur dradio_mp3

Die jungen streng gescheitelten NPD-Aktivisten röhrten ins Mikro des Reporters, der Pole solle gehen, wo er hergekommen ist und erzählen, dass sich kein Schwein für diese Geschichte mehr interessiert.

Nicht ohne Grund sei in dieser Region eine starke Neonaziszene zu verzeichnen, erklärte die Kuratorin der Ausstellung Constanze Wolf: Die nicht erfolgte Aufarbeitung sei ein Grund für die starke Neonazi-Szene, meinte sie.

Es gibt noch ein Flick-Stadion und in einigen Orten auch eine Flickstraße, deren Umbenennung in einem Streit diskutiert wird.

Die Berichterstattung in der Mittelbayrischen Zeitung dagegen ist versöhnlich, um nicht zu sagen, abwiegelnd, bieder und zum Teil – wie ich finde – entlarvend.

„Ohne Groll oder Schaum vor dem Mund haben die beiden über 80-Jährigen in den letzten Tagen Auskunft über ihr Schicksal gegeben – als „Zeitzeugen“ im besten Sinne.“ Hat so ein Satz angesichts des berichteten Skandals nicht etwas Höhnisches, frage ich mich. Von dem erwähnten Zwischenfall war in dem Zeitungsbericht aber keine Rede.

* Das Städtedreieck sind drei Städte in der Oberpfalz, die mit Entstehung des Eisenwerks Maxhütte Mitte des 19. Jahrhunderts gewachsen sind:Burglengenfeld, Maxhütte-Haidhof und Teublitz.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (5)

BanaBab 16.11.2010 | 11:19

Der Text in der Mittelbayerischen Zeitung ist in der Tat entlarvend. Es ist die weit verbreitete Art sich dem seit 60 Jahren grundsätzlich mehrheitlich verdrängtem Thema ehrlich anzunehmen.
"Dass sich mit dem Stadtbild nun auch das Gros der Menschen hier gewandelt hat, wird ihnen hoffentlich ab sofort in Erinnerung bleiben."
Genau dieser Satz ist an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten, denn die unsägliche Diskussionen über "Migraten" und die Forderungen nach deren Anpassung an die vermeintlich kulturtragende Mehrheit zeigt die Lücken der Aufarbeitung der nationalsozialistichen Zeit.

poor on ruhr 16.11.2010 | 14:48

Ziemlich interessanter Blog. Ich denke, dass ist eine Thematik die in deutschland einfach nie vergessen werden darf. Klar, dass jede Generation anders damit umgeht, aber die deutschen Verbrechen im 2ten Weltkrieg zu vergessen, käme mir fast so vor ,als wenn die Opfer der nationalsozialistischen schreckensherrschaft ein 2tes mal sterben müssen.

Das"nie wieder" kann nur durch die fortwährende Erinnerung zu der auch solche Austellungen gehören erreicht werden.

Die Verhöhnung des 80jährigen Tadeuz Dworakowski und von Marian Wróblewski , die dort Zwangsarbeiter waren sind eine Beleidigung nicht nur für diese beiden Menschen sondern auch für alle Zwangsarbeiter und gleichzeitig verbrecherische Volksverhetzung.

Oberpfälzerin 16.11.2010 | 21:39

Liebe Magda,
in einigen Dingen möchte ich Sie gerne korrigieren.
Der Vorfall hat, so wie Sie ihn hier beschreiben, nicht stattgefunden. Bei der Ausstellungseröffnung am Freitag Abend im Beruflichen Schulzentrum Schwandorf waren keine NPD-Mitglieder/ Rechte/ Nazis anwesend.
Richtig ist, dass zu der am folgenden Tag stattgefundenen Podiumsdiskussion mit dem Thema: „Erinnerungskultur und die Causa Flick“ Rechtsextremisten, NPD-Mitglieder (so eindeutig konnte ich das nicht zuordnen) erschienen. Dies ist für mich ein großer Unterschied. Eingeladen wurde nämlich zur „Podiumsdiskussion mit Bürgerbeteiligung“ in einem Gasthaus, also einem öffentlichen Ort. Um die Situation nicht eskalieren zu lassen, wurde dieser Gruppe der Zugang zur Veranstaltung gewährt. Es kam während der Veranstaltung zu keinen Zwischenfällen oder Verletzung der Diskussionsregeln, also beispielsweise Zwischenrufen, sonst wären sie natürlich rausgeschmissen worden. Vielmehr mussten sie sich mehrere Stunden all die Argumente, die für eine Umbenennung sprechen und auch die Berichte der ehemaligen Zwangsarbeiter anhören. In dem einen, ihnen gewährten Redebeitrag machten sie sich mit ihren dummen Aussagen selbst lächerlich. Ich finde ein solches Vorgehen in dieser Situation besser, als wenn sie durch einen Rauswurf in ihrer Erwartung bestätigt worden wären und den gewünschten Eklat bekommen hätten.
Natürlich könnte man „solche Leute“ von vornherein von der Diskussion ausschließen, aber was bringt das denn? Damit wir dann einträchtig zusammen sitzen können und uns selbst beweihräuchern, wie aufgeklärt wir sind? Dass es junge Menschen gibt, die den verbrecherischen „Argumenten“ der Neonazis Glauben schenken und sich solchen Gruppierungen anschließen ist das Problem. Aber was ist die Strategie dagegen? Die Augen vor dem Problem verschließen? Sie von solchen Veranstaltungen ausschließen?
Weiterhin ist es während der Veranstaltung nicht dazu gekommen, dass einer der ehemaligen Zwangsarbeiter angesprochen und verhöhnt wurde. Auch nach dem Ende der Podiumsdiskussion konnte ich so etwas nicht beobachten. Dass „er sich dorthin schere solle, wo er hergekommen ist“, wurde wohl „nur“ zu dem Reporter gesagt, was natürlich schlimm genug ist.
Die Jugendlichen waren auch nicht „streng gescheitelt“, was mich sehr erschreckt hat, denn ich konnte sie so nicht auf den ersten Blick als Rechte einordnen. Keine Glatze, Bomberjacke oder Springerstiefel – vielmehr gekleidet wie ganz normale Jugendliche. Allein an ihrer Kleidung kann man sie also nicht ausmachen.
Auch wurde in der „Mittelbayerischen Zeitung“ im Zuge der Berichterstattung über die Podiumsdiskussion über den Vorfall berichtet. Man kann natürlich bemängeln, dass das Auftreten der Rechten nicht schärfer kritisiert wurde. Der verlinkte Artikel berichtet aber über die Zeitzeugengespräche an der Schule, welche am Montag stattfanden. Und dabei kam es zu keinerlei Zwischenfällen, die SchülerInnen waren vielmehr tief beeindruckt von den Berichten der Zeitzeugen.
Und zuletzt noch eine klitzekleine Anmerkung: die Kuratorin der Ausstellung heißt Constanze Wolk.
Schade finde ich, dass aufgrund der Vorkommnisse nicht die Ausstellung, sondern der Vorfall bei der Podiumsdiskussion im Gespräch ist. Schade deshalb, weil eine Handvoll Menschen hart daran gearbeitet haben, erstmalig die Geschichte und das Ausmaß der Zwangsarbeit in der Region zu präsentieren. Ein leider bisher vernachlässigtes Thema, v.a. im ländlichen Raum.

Mit besten Grüßen!

Magda 16.11.2010 | 22:16

Liebe Oberpfälzerin.
ich habe mich an der Reportage, die ich heute gehört habe und die hier auch verlinkt ist, orientiert. Daraus war dann doch nicht deutlich ersichtlich, wie die Zusammenhänge waren. Und ich nahm an, dass es die Eröffnung war.

"Weiterhin ist es während der Veranstaltung nicht dazu gekommen, dass einer der ehemaligen Zwangsarbeiter angesprochen und verhöhnt wurde. "

Auch hier verweise ich auf den Reporterbericht. Aber Ihr Einwurf gibt mir natürlich zu denken. Zum einen bin ich erleichtert, zum anderen frage ich mich, wie der Reporter dann darauf kommt, dass der polnische Gast seine Tränen nicht zurückhalten kann. Natürlich kann dies der Erinnerung allgemein geschuldet gewesen sein.
Es ist immer und auch für mich denkbar, dass hier medientauglich zugespitzt wurde. Einschließlich der "Frisuren" und der erfragten Statements für das Mikrofon.

Andererseits: Ich habe einiges zusätzlich zum Thema noch zusammengetragen,das die Problematik in der Region durchaus beleuchtet.
Was passiert, wenn Medien über ein Gebiet herfallen, weil sich alle plötzlich mit dem Thema befassen, kenne ich aus der Berichterstattung über Ostdeutschland.
So wichtig es ist, über rechtsextreme Gefahren zu berichten und zu warnen, so wenig wird das Ziel erreicht, wenn alles nur noch im Skandalisierungsstil erfolgt.

Von daher ist es gut, wenn Ihr kritischer Kommentar meinen Blogbeitrag ergänzt.