Frage oder Feststellung?

Machen Medien Politik Es ist nun mal so in der medialen Welt, dass alles, aber auch alles ganz schnell „Schnee von gestern“ wird. Das geht sicherlich auch so mit Büchern zu Medienfragen
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Die mit Thomas Meyers Buch „Die Unbelangten“ verknüpfte Frage „Machen Medien Politik?“ scheint in der öffentlichen Wahrnehmung eher eine gar nicht mehr umstrittene Feststellung zu sein. „Ja, Medien machen Politik“, das erlebt man doch ständig. Thomas Meyer belegt das in seinem Buch mit Beispielen, die auch schon wieder fast vergessen sind.

Bettina Gaus als

Anwältin der Medien

Z. B. die Christian Wulff Geschichte 1), bei der aber sofort Debattenteilnehmerin Bettina Gaus auf Anfrage von Moderator Thierse ihre absolut andere Auffassung kundtat. Es sei richtig gewesen, dass Wulff zurücktrat, ganz jenseits der juristischen Freispruches. Sein miserables Krisenmanagement habe das neben einer bodenlosen Kleinlichkeit belegt. Dass Journalisten unbelangbar seien, sei auch so richtig. Ein anderes Wort dafür sei „Pressefreiheit“. Uff.

Der Umgang mit Peer Steinbrück 2) eine Woche vor der Wahl 2013 fand ebenfalls wenig Gnade als Beispiel. Friedrich Küppersbusch z. B. meinte, er teile Meyers Einschätzung zu diesem Beitrag, aber nicht dessen Meinung über Steinbrück. Allerdings hätte kaum ein Politiker der 50er Jahre heute noch eine Chance in dieser MedienWelt, erklärte er, der sich vor Kurzem durch den Berg sämtlicher Bundeskanzlerreden zum Jahreswechsel, gearbeitet hat, mit Nachdruck. Ludwig Erhard z. B. sei eine Katastrophe gewesen.

Insgesamt aber, meinte Meyer, hätten die Medien die Macht Themen zu setzen, zu skandalisieren und aber auch das ließ Bettina Gaus – die den advocatus diabolus spielte – nicht gelten. Die Medien griffen nur auf, verstärkten was in der Öffentlichkeit schon vorhanden sei.

Die Frage, warum die veröffentlichte Meinung sich immer mehr annähert, spielte auch eine Rolle. Aber, auch da waren die Einschätzungen unterschiedlich. und immer wieder gibts dafür auch unterschiedliche Erklärungen.

Setzen Medien Themen

oder greifen sie sie nur auf?

Einigen konnte man sich darauf, dass es – abseits der Kampagnen gegen Personen – auf dem Gebiet der Sachfragen viel deutlicher wird, wie Medien Einfluss nehmen, Themen zwar nicht „setzen“, - dagegen war Bettina Gaus - aber doch zumindest so aufgreifen können, dass sie das Meinungsbild bestimmen. Aber, am Ende fehlte es hier auch noch konkreteren Beispielen.

Das hätte ein Blick vielleicht auf solche Medien, die sich jenseits des Mainstreams der politischen Aufklärung verpflichtet fühlen, leisten können. Medien wie carta.info z.B. , aber auch die Nachdenkseiten, auf die Novy solidarisch verwies. Sie widmen sich gründlich den Formen von Meinungsmache und politischer Einflussnahme und widerlegen Thesen, die den Mainstream bestimmen.

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Der Politikwissenschaftler Thomas Meyer, Chefredakteur der Neue Gesellschaft Frankfurter Hefte hat ein sehr kritisches Buch über die Medien und – besonders – die Journalisten in diesem Lande geschrieben. Die Unbelangbaren. Die Zeit nannte sein Buch ein Lamento aus längst vergangener Zeit.

Dieses Buch war Anlass und Aufhänger für die Öffentliche Debatte, die zusammen mit der Friedrich-Ebert-Stiftung im Konferenzzentrum Jerusalemskirche in Berlin stattgefunden hat.

Teilnehmer:
Kurt Beck - Ministerpräsident a. D.
Bettina Gaus - taz
Friedrich Küppersbusch - probono.tv
Thomas Meyer - Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte
Leonard Novy - carta.info

Moderation: Wolfgang Thierse Bundestagspräsident a.D.

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Dass Küppersbusch vom Internet pauschal nichts hält, tat er bei der Gelegenheit kund. Er hält das, was er da vorfindet, für eine Ansammlung von Irregeleiteten und verwies auf ein Google-Experiment. Man brauche nur ein Ereignis, einen Staat usw und dazu das Wort Lüge eingeben, so fänden sich die wirrsten Verschwörugnstheorien wie von selbst. Das war ein bisschen zu pauschal, obwohl ein Blick in die Weiten des Netzes dazu die nötigen Belege durchaus liefern kann. Die Debatte um mediale und politische Netzwerke wurde dabei aber nicht weiter vertieft.

Es ging um die konventionellen Printmedien, denen aber Bettina Gaus und die anderen Teilnehmer durchaus eine Zukunft prophezeiten, wenn sie sich der Tatsache anpassten, dass die aktuelle Meldung schon im Netz zu lesen war. Da wäre dann der breitere Hintergrund, die längere Reportage am Platze, aber – wer läse die noch.

Keine Lust auf Bußfertigkeit

nach dem Bußtag

Das Publikum, die Rezipienten, die Leserschaft bekamen bei der Gelegenheit ihr Fett weg, so wie überhaupt immer wieder Verantwortungen und Verfehlungen reihum gingen wie bei einem Kinderspiel: Die Politiker fühlen sich in der Abhängigkeit der Medien sagte Thierse, auch Kurt Beck hatte schmerzlicheh Erinnerungen an den medialen Umgang mit ihm. Die Medienvertreter verweisen auf die geschickte Instrumentalisierung durch Politiker, die Durchstecherei und Hinweisgeberei. Die an diesem Abend "vorgeladenen" Medienvertreter hatten keinen Bock auf verspätete Bußfertigkeit einen Tag nach dem kirchlichen Feiertag. Das verunglückte Interview Marietta Slomka - Sigmar Gabriel zur Mitgliederbefragung über den Koalitionsvertrag war mal kurz ein Thema. Aber, da ging es – zurecht – eher darum, wieviel Fragemöglichkeiten Slomka mit ihrem fünfmaligen Insistieren auf immer der gleichen Sache, verschenkt hatte. Es ging auch um das kürzliche Interview von Anne Will mit Angela Merkel zur Flüchtlingskrise bei dem Merkel erkärte, sie habe einen Plan und Wolfgang Thierse meinte, er habe händeringend darauf gewartet, dass Anne Will fragt: Welchen denn?

Es ging - natürlich – auch um den Hang zum Skandalisieren, darum, dass „Aufmerksamkeit“ so schwer zu erhalten ist, es ging um Talkshow-Betrieb, bei dem immer die gleichen Akteure zugange sind. In dieser Zeit jetzt gerade Thilo Sarrazin.

Das Muster der

Talkshow-Besetzung

Küppersbusch nutzte das und erklärte den inoffiziellen Besetzungsplan solcher Runden: Kasper, Gretel, Zauberer, Schutzmann und Krokodil. Wenn man davon ausgeht, dass der „Schutzmann“ der Moderator oder die Moderatorin sein sollen, kann man zu den Typen eigene Assoziationen entwickeln. Der Zauberer in Küppersbuschs Beispiel war Hans Werner Sinn, der immer so auftritt, als habe er Lösungen in der Tasche, die von den anderen nicht gesehen und nicht erkannt und darum nicht genutzt werden. Das Krokodil war Alice Schwarzer

Die Frage, ob die Jugend überhaupt noch an diesem offiziellen Medienzirkus teilnimmt, wurde mal gestreift. Nein, sie sei nicht komplett im Netz verschwunden. Überhaupt, bloß keine Untergangsszenarien, mahnte Kurt Beck. Und Wolfgang Thierse verabreichte das Allgemeinplätzchen, dass die Medien die Aufgabe hätten Politik verständlich zu übersetzen. Darauf schnappte Bettina Gaus, das täten sie ja, die Medien, aber es gefiele halt nicht allen. Eine Rolle spielte – mal wieder – die Forderung, auch die Positive in den Medien abzubilden usw. usw.

Aufklärung, Wahrheit

und Gegenaufklärung

Im Zusammenhang mit den kaum behandelten alternativen Informationsquellen und -medien ging mir durch den Sinn, ob deren Bemühung um Aufklärung und „Wahrheit“ nicht auch deshalb immer mehr in den politischen Aktivismus hinein gerät, weil sie dem Einfluss, der von den Mainstream-Medien auf die Politik ausgeht, mehr entgegenzusetzen wollen als Kommentare und Beiträge? Das kann allerdings Bündnisse schaffen, die schnell angreifbar werden. Und – auch sie sind hin und wieder manipulativ und setzen auf Meinung statt auf Aufklärung. Etwas, das Kurt Beck in seiner Eingangsrede generell beklagte: Den kommentierenden Ton, der den Berichtston ersetzt hätte .

Am Schluss gab es noch eine Publikumsrunde, bei der einer der Debattierer nachdrücklich feststellte, dass Journalisten überhaupt keine Ahnung hätten, Politiker sowieso nicht und sich alle erstmal Sachkenntnis aneignen sollten, dann könne man weiter sehen. Hätte er noch angehängt, die Öffentlichkeit werde auch ziemlich belogen und habe deshalb auch keine Ahnung, dann hätte er verständlich zusammengefasst, was das gegenwärtige politische Klima bestimmt.

Anmerkung : Auf meinem Weg durch die Friedrichstraße zur Lindenstraße kam ich an einem Hotel vorbei, das von einer Polizistin und einem Polizisten mit Gewehr bewacht wurde. Ich könne die nächsten Minuten hier nicht vorbeigehen, sondern müsse die Straßenseite wechseln oder warten, wurde mir erklärt. Es kamen dann unbekannte Leute raus, aber offensichtlich so gefährdet, dass man sie schützen muss. Ein bisschen ein Menetekel schien mir das für das Klima, das jetzt zu herrschen scheint. Am nächsten Tag haben sie in der gleichen Gegend an der Leipziger Straße ein verwaistes Gepäckstück gefunden und es gab wieder Alarm.

Das kalte Büfett am Schluss war gut.

Und – mir ging immer die Frage durch den Kopf, woher das Sprichwort stammt: „Der lügt wie gedruckt“.

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1) Die monatelange Pressekampagne gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff war ein Tiefpunkt der medialen Kultur.

2) In einem Reportage für den Spiegel hat der Journalist Dirk Kurbjuweit den Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück faktisch demontiert.

12:30 22.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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