Eine gelungene Silvester-Schlägerei

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(Vorsicht enthält gewaltverherrlichende Passagen – nicht für Kinder geeignet!!!)

Ach, das kennt man doch, das sagen sie alle, die Gutwilligen und guten Menschen: Gewalt ist keine Lösung. Ja ja, stimmt auch, natürlich löst sie nicht die Weltkonflikte, aber hin und wieder löst sie zumindest Alltagskonflikte ganz prima auf. Bei mir löste sie vor vielen Jahren die Frage, ob ich mit meinem Freund zusammenbleiben soll oder nicht. Und das für immer.

Vielleicht treiben mich die nostalgische Erinnerung an die damalige Prügelei und die Befriedigung, die mich damals erfüllte, zu diesen unkorrekten Einlassungen.

Allerdings war ich daran nicht aktiv, sondern – das ist das Frauenschicksal - nur als Ursache und zu schützendes Subjekt beteiligt. Das war aber auch sehr schön. Während der Kampfhandlungen selbst allerdings nicht so sehr. Ein reichlich reaktionärer Zeitbetrachter hat einmal verkündet, die Frauen hätten zwar nie was zu sagen, aber es ginge immer um sie. Sie seien der Preis und die Kriegsbeute und so. Sag ich ja.

Harmloser Beginn

Es war auf einem Silvester-Atelierfest tief in den 80ern des vergangenen Jahrhunderts. Unser Malerfreund Gerhard Hillich hatte in die Kopenhagener Straße geladen. Diese Feste waren beliebt, es war immer proppenvoll und man hatte vom Fenster der hoch oben gelegenen Räume einen wunderbaren Blick Richtung Wedding und konnte die Feuerwerke bewundern, die den Westberlinern lieb und teuer waren.

Als ich und mein damaliger Freund ankamen, waren schon mindestens 100 Leute da. Ein bis zwei „Verflossene“ weilten ebenfalls unter den Gästen und viele Bekannte. Die Zeit vertrieb man sich wie überall mit dem Trinken billigen Rotweins oder Wodkas und Gesprächen, Gesprächen. Ich redete und tanzte mit dem Gegenwärtigen, mit den Verflossenen und ihren neuen Begleiterinnen und so ging der Abend voran.

Mitternacht war überstanden, die entsprechenden „Ahs“ und „Ohs“ ob der zauberischen Feuerwerks-Illumination nebst allfälligen Bekundungen von Rührung und gutem Vorsatz waren verklungen, die Musik wurde vom Walzer wieder in Pop umgeschaltet und man hob erneut zu tanzen an.

Versuch, die Party zu entern

Die Fenster standen weit offen, so dass man von unten Rufe nach oben hörte. Zuerst meinten wir, sie seien nicht an uns gerichtet, aber man kündigte an, dass man jetzt nach oben käme. Es waren wohl fünf junge Burschen, die sich also auf den Weg machten. Sie waren – versicherte der Gastgeber – nicht eingeladen, sondern suchten eine Party, bei der sie unterkommen konnten. Es war damals im Grunde alles knapp. Auch Stätten des Feierns waren rar und so hatten die jungen Leute beschlossen, eine Party zu entern. Bald erschienen sie in der Tür und es wurde erst einmal hin und her parlamentiert. Man wollte sie nicht dabei haben, sie passten auch nicht so recht zu uns. So verließen sie erst einmal murrend die Räume.

Einer von ihnen aber hatte sich – unbemerkt - schon an einen Tisch gesetzt, der in der Nähe der Eingangstür stand. Ich stand ebenfalls dort, wollte etwas zur Befriedigung und Beruhigung beitragen und fing an mit ihm zu verhandeln. Warum sie hier so einbrächen, man müsste doch sehen, dass es hier was Privates sei, fragte ich und dachte, Verständnis zu erreichen.

Ein Schlag in die Rippe

Noch während der heimliche Eindringlich spöttisch zu mir aufsah, ging die Tür auf, jemand näherte sich mit schnellen Schritten und schlug mir die Faust mit voller Wucht gegen die Rippe. Ich ging zu Boden und hatte das Gefühl, eine Art Slow Motion zu erleben. Die Luft war mir knapp, aber noch im Fallen sah ich, wie Bewegung aufkam, ich sah meinen Freund wie eine Kanonenkugel durch den Raum fliegen, hinter ihm unseren Gastgeber. Die anderen verharrten abwartend, wie ich noch mitbekam, auch die beiden „Ehemaligen“ standen erstarrt. Ich rappelte mich, gestützt von einigen Umstehenden. wieder auf - der ungebetene Tischgast war irgendwie außer Sichtweite - und verfolgte das Geschehen aus sicherem Abstand. Der Faustschläger wurde mit Hieben und Gerangel wieder aus der Tür gedrückt, wo seine Kumpane warteten und erneut versuchten, in das Atelier zu gelangen. Es begann ein Stellungskrieg, bei dem sich der Meine und der Gastgeber Gerhard Hillich als mutige und entschlossene Kämpen erwiesen. Einmal wurde es allerdings richtig ernst, weil eine große Fensterscheibe seitlich im Treppenflur zu Bruch gegangen war und die Gefahr bestand, dass jemand bei einem entsprechenden Stoß ganz durch die entstandene große Öffnung nach draußen befördert würde. Das hätte dem Abend eine tragische Wendung gegeben.

Aber, es ging alles gut, die Invasoren flogen immer weiter die Treppen hinunter, einer muss sich dabei doch ganz schön das Bein verknackst haben ,weshalb die Versuche, wieder Land zu gewinnen immer schwächer wurden und am Ende ganz unterblieben. Man hinkte abwärts und dann sahen wir sie langsam abziehen Richtung S-Bahn-Brücke. Ich hatte mir den eifrigen Kampf angesehen, hatte verfolgt, wie tapfer mein sonst so besonnener und ziemlich reservierter Freund und Gerhard, der Maler, sich ins Zeug legten, hörte die zögerlichen und besorgten Anmerkungen der anderen Gäste und stieß dann wieder auf jenen Eindringling, mit dem ich gesprochen hatte, als mich der Hieb ereilte. Er wollte noch einmal mit mir Kontakt aufnehmen, aber ich fühlte tief im Herzen, dass ein solches Gespräch nun zu spät und überhaupt der reine Verrat an den Kämpfern gewesen wäre, also überantwortete ich ihn den beiden und auch ihn trieben sie abwärts. Mission erfüllt.

Hochstimmung nach dem Kampf

Alles kehrte wieder ins Atelier zurück , die Gläser wurden gefüllt und das Ereignis besprochen. Ich war schnell wieder so halbwegs zu mir gekommen, aber blieb doch eine Weile angeschlagen. Meinen Freund hatte eine richtiggehende Hochstimmung befallen, er hatte zwar eine kaputte Brille zu beklagen, aber das tat dieser Aufgeräumtheit und Heiterkeit überhaupt keinen Abbruch. „Magda verteidigt“, freute er sich und fand das Ganze ermunternd fürs neue Jahr. Auch der Hausherr war guter Stimmung und meinte, nur ,die Aussicht, dass die durch das Seitenfenster fliegen würden, habe ihn sehr erschreckt. Sonst wirkten die beiden Kämpfer auf mich wie Sportsleute, die ihren Job gut gemacht hatten und sehr sehr männlich.

Die anderen schienen mir bedrückter, auch einer der „Ehemaligen“, der für seine Passivität von dem Meinen mit abschätzigen Anspielungen bedacht worden war, sprach wenig, während die Kriegsberichte immer ausufernder und ausgeschmückter wurden, noch während wir am Schauplatz des Kampfes weilten.

Durchaus willige Kriegsbeute

Als wir nach Hause kamen, schaute ich mir die Bescherung an meiner Rippe an. Es war dort die Landkarte von Afrika zu besichtigen, was meinen Freund nicht hinderte, mich heftig in seine Arme zu schließen. Ich war jetzt ein bisschen Kriegsbeute und – was soll ich sagen – es gefiel mir. Ich überließ mich dem edlen Ritter, allerdings mussten wir für die intime Siegesfeier eine für mich schmerzfreie Stellung finden.




16:31 28.12.2009
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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