Es hängt mir zum Halse raus

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Es läuft eine Talkshow, eine der vielen, die regelmäßig zu Verhören ausarten, sobald ehemalige DDR-Bürger unter den Gästen sind.Jeder Westdeutsche darf seinem ostdeutschen Landsmann öffentlich die Gesinnungsfrage stellen, das gehört zur politischen Korrektheit; jeder Exbewohner der DDR, der nicht damit aufwarten kann, dass er von der Stasi beschattet wurde, ist verdächtig, ein potentieller Angeklagter, der dem westdeutschen Rechtsstaat in Gestalt eines x-beliebigen Wichtigtuers und Medienschwätzers seine Unschuld beweisen muss. Niemand stellt den westdeutschen Inquisitoren die Gegenfrage nach deren Moral, nach deren Lebensläufen. Eine völlig verschüchterte ostdeutsche Lehrerin wird ins Kreuzverhör genommen, man unterstellt ihr allein aufgrund ihres Berufs Zusammenarbeit mit der Stasi. Man spricht so mit den Leuten, als hätte die einzige Dauerfrage ihres Lebens darin bestanden, ob sie für oder gegen den Staat waren, darüber hinaus will niemand etwas von ihrem Leben in der DDR wissen“.

(Natascha Wodin in ihrem Buch: Nachtgeschwister, das von ihremLeben mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig handelt.)

Es mehren sich dieser Tage erneut allerlei mediale Aufarbeitungen der Historie.Der 13. August steht vor der Tür, der Jahrestag der Deutschen Einheit rückt gnadenlos heran.

Aber es kommt kein Osten vor, sondern es kommen Menschen vor, die „für den Osten“ gekämpft haben, nachdem sie „aus dem Osten“ geflohen sind. Es kommen Autoren vor, die „über den Osten“ schreiben.

Leute im Osten aber kommen seltener vor und das macht mich langsam aber sicher ganz wütend und krank.

Nach der historisch völlig verlogenen „Frau vom Check Point Charly“ und anderen ähnlichen Werken, in denen der Osten als Ort des Schreckens mit allen Klischees vor aller Augen geführt wurde, berichtete die „Welt“ – und Printmedien haben es ebenfalls kolportiert – über Begegnungen zwischen zwei Fluchthelfern. Die erinnern sich und beglückwünschen sich für ihren Mut. Bitteschön.

Mutige Menschen

Kürzlich gab es auf 3SAT einen Beitrag über einen Mann – alle Jahre wieder Michael Gartenschläger - der die Todesschussanlagen an der Grenze abbauen wollte. Von der westlichen Seite her.

Gartenschläger

Hat der Westen
den Osten befreit?

Zunehmend wird aus der Geschichte der DDR und ihrem –durch ihre Bürger zumindest mit beschleunigtem Ende - eine Geschichte darüber, wie der Westen den Osten befreit hat.

Warum dieses Unbehagen? Nein, nicht weil ich mich nicht erinnern will, sondern weil es einen öffentlichen Diskurs gibt, der so tut, als hätten die DDR-Bürger selbst zu DDR-Zeiten nichts gewusst über ihr Land und behielten jetzt schon wieder das Falsche in der Erinnerung, als müsse man die Leute aufklären. Gartenschläger hat uns schon die ganze DDR-Zeit „begleitet“ immer wieder. Fluchthelfer gab es kommerzielle und idealistische. Weiß ich alles.

Die Mauer stand da, die Grenze war hermetisch abgeschlossen und alle wussten, wer dorthin geht, wird gestellt und kann erschossen werden. Das war bitter, aber damit leben mussten wir und das „erleichterten“ sich die Menschen mit sehr unterschiedlichen inneren Strategien und auch Einsichten. Andere nennen es Rechtfertigung.

Mir half die Rationalisierung, die nicht nur „Mauer“ dachte, sondern versuchte, politisch einzuordnen, dass diese Grenze in Berlin und die zwischen Ost- und Westdeutschland – eine auch von den Westmächten akzeptierte Trennlinie zwischen zwei Systemen, zwei militärischen Blöcken war. Ein solches Argument gilt heute als Verharmlosung.

Die schrittweise Erleichterung für Reisen in den Westen – viele Zehntausende sind in den 80ern zu Verwandten gefahren, die offiziellen Ausreisen nahmen zu – werden fast völlig ignoriert, weil dies die Dämonie der damaligen Grenzen schmälern könnte, dafür aber hilft, neue Grenzen bequemer zu errichten. In Erinnerung bleibt Chris Gueffroy nicht meine Bekannte oder ein Kollege, der viele Male zum Geburtstag der Mutter in den Westen reiste.

„Now we must suffer
and sell our secrets“

Seltsamerweise geht mir diese Zeile aus einem trivialen ABBA-Titel andauernd durch den Kopf. Die Bürger eines Staates, von dem die übernehmende Seite alles weiß, alles verwenden kann und mit Hilfe dieses Wissens, auch prima alles von sich selbst abweisen und anderswo hin entsorgen kann, sind im Grunde wehrlos.

Sie haben – wie Beitrage im Magazin der SZ belegen Geschlossene Gesellschaft in der Süddeutschen Zeitung belegen – auch nichts zu sagen. Kaum. Sie sind an den öffentlichen Debatten im Grunde nicht beteiligt. Stattdessen wird ständig über sie geredet, diese verstockten Ostbürger und sie werden mit immer sehr ähnlichen Fragen und Thesen konfrontiert:

- Wo ist sie, die zweite Welle der Aufarbeitung – nach zwanzig Jahren doch fällig?
- Wo ist sie – die Katharsis und Erkenntnis ohne die es keine Erleichterung gibt?
- Wie habt Ihr das nur ausgehalten und seid nicht abgehauen?
- Wer hier geblieben ist, muss irgendwie beschädigt sein.

Nichts da, tut mir Leid.

Ja, ich wusste Bescheid über alles bin Fragen aller Art gegenüber reichlich immun geworden:Man nahm sich im Osten nicht von früh bis abends andauernd so wichtig und fragte sich, wie man irgendetwas aushält. So kann man auch nicht leben.

Man fragte sich eher, ob es im Konsum heute endlich mal Süßkirschen gibt in der Kirschenzeit.

„Es gehört sich nicht, in
einer Diktatur gelebt zu haben“.

Man wendet sich an die in der DDR Gebliebenen wie eine verwöhnte Dame von der Wohltätigkeit, die ihre gut geschminkten Augen aufreißt, erstaunt, aber gütig lächelnd sagt: „Aber meine Liebe, man lebt nicht in einer Diktatur, das gehört sich einfach nicht, das ist stillos“. Und man selbst guckt hoch und denkt, „Mein Gott, die haben doch keine Ahnung“ .

Ich weiß alles über die DDR, im Guten wie im Schlimmen. Wir haben in den Siebzigern immer mal gedacht, die DDR geht den Bach runter, aber daran hatte damals keine politische Kraft – in Ost nicht und in West schon gleich gar nicht – irgendein Interesse.

Ich kenne die DDR. Ich bin in ihr von der entschiedenen Gegnerin zur mitlaufenden Desinteressierten, zur kritischen Parteigängerin geworden. Ich habe durchaus in ihr widerstanden und dafür bezahlt, aber auch Kompromisse gemacht, die mir nicht angenehm sind und die mich plagen. Auch dafür habe ich bezahlt.

Aber ich möchte, bitte, bitte - nicht aufgeklärt und erforscht werden von einer Medienwelt, die ihre Osterkundungen mit Überschriften versieht wie „Mein erster Ossi“ oder „Herr der Ostdeutschen Seelen“.

Danke, danke. Ich weiß wo ich gelebt habe aber – ärgerlich, wie ich zunehmend werde – denke ich hin und wieder: Wissen manche Westdeutsche eigentlich in was für einem System sie selbst leben? Auch die Bundesrepublik war und ist in vielen Aspekten ein schreckliches Land. Und alle, die das einst auch beklagten, sind merkwürdig lauwarm in ihrer Kritik geworden.

Von der Unterdrückung zur pausenlosen Überredung statt wirklicher Überzeugung sind wir gelangt und Repression nimmt - unter Verweisen auf die ostdeutsche Vergangenheit - in Gesamtdeutschland zu.

Triumphalismus vernachlässigt
wichtige Hintergründe

Der neue merkwürdige Befreiungs-Triumphalismus macht mich krank, aber er sagt mir nichts Neues über die DDR. Im Gegenteil, er verschleiert Hintergründe, wie den schon im Zusammenhang mit den Grenzen erwähnten, nämlich, dass die DDR Mitglied eines anderen, größeren Zusammenschlusses war.

Dass sie darin die disziplinierteste Einheit war, wird mit symbolischem missbilligendem Augenrollen kolportiert. Der Unterton: Diese Ostdeutschen, zu feige, so deutsch, wie wir nicht sein wollen. Da belobigt man lieber die Widerständigkeit der Polen oder der Charta 77-Leute in der CSSR.

Aber und nochmals aber: Ein Grund für die ostdeutsche „Disziplin war ein völlig logischer und leicht zu verstehender: Weil die Deutsche Demokratische Republik für den Krieg in Verantwortung genommen wurde von der UdSSR. Das war immer präsent und wurde auch immer wieder ins Bewusstsein gehoben. Die Tschechen, die Slowaken die Polen, die Ungarn, die Bulgaren sie alle hatten eine Geschichte, die Deutschland verschuldet hatte und für die die DDR und ihre Bürger gerade stehen sollten, ideologisch und teilweise auch materiell.

Zusätzlich war die DDR mit ihrer direkten Grenze zum gleichsprachigen Westen unter besonders strenger Beobachtung. Nebenher: Auch die Grenzen zwischen der CSSR und Bayern waren schärfstens bewacht – zu allen Zeiten.

Trotzdem aber werden wir – wie mir scheint - doppelt verachtet. Für den Preis, den wir zahlen mussten und für den Gehorsam, den einige gezollt haben. Und jetzt erneut - ich spüre es an den Reaktionen gegenüber Christa Wolfs neuem Buch Stadt der Engel

- auch weil sich Menschen verleiten ließen, in der DDR eine Chance zu sehen, etwas gegenüber der Geschichte wieder gutzumachen.

Warum ich oft
an meine Mutter denke

Ich denke, es hat Ursachen, dass ich mich dieser Tage öfter an meine Mutter erinnere: Katholisch, im Gefängnis in der Nazizeit, danach allein mit zwei unehelichen Kindern. Sie verachtete die DDR in den fünfziger Jahren zutiefst, aber sie wäre nie und nimmer in den Westen gegangen. Die Leute im Pfarrhaus haben sie oft gedrängt. Sie wollte nicht. Es war leichter, in der DDR zu leben, wenn man keine Wurzeln hatte, wehrlos war und sich vor allem durch eine bigott-bürgerliche Gesellschaft verraten fühlte, wie es meiner Mutter ergangen war. Wir waren in dieser Zeit mal im Westen – in Unna in Westfalen – den einzigen Verwandten besuchen. Ich fands ganz abenteuerlich und spannend, ihr war es schrecklich. Diese durchaus fleißigen, aber schon wieder so zufriedenen Leute, die nichts aber auch nichts gelernt haben und mit leichter Süffisance auf die mitgebrachten kleinen Geschenke aus dem Osten wiesen, die sich so überlegen wähnten und so borniert waren. Es endete mit einem Riesendesaster, weil meine Mutter ihren Mund nicht halten konnte. Im Zug noch weinte sie und eine mitreisende Diakonissin dachte, es sei wegen der Grenze und der Trennung. Meine Mutter ließ sie in dem Glauben. Wenn sie bestimmte Entwicklungen der Deutschen Einheit erlebt hätte, hätte sie das sehr getroffen.

Ja, ich weiß, auch im Westen hat sich vieles geändert, die Menschen sind nicht mehr die aus den fünfziger Jahren. Wie schrieb Alexander Osang schon zu den Feierlichkeiten im vorigen Jahr im „Spiegel“: „Und so komme ich mir seit Wochen vor, als beobachte ich Vorbereitungen für eine Geburtstagsparty, zu der ich zwar eingeladen bin, aber wahrscheinlich nicht hingehe. Weil ich sowieso keinen kenne.“

(Foto: John Spooner)

10:13 11.08.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

Kommentare 192

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