El Silencio. Leben in der kubanischen Provinz

Kuba-DDR Nicht nur die Empfehlung eines authentischen Buchs über alltägliche Erfahrungen in einem Land, das bald nicht mehr so sein wird, wie es darin geschildert ist
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El Silencio. Leben in der kubanischen Provinz
Meine Erfahrungen als DDR-Bürgerin hindern mich, die Kubaner besserwisserisch symbolisch zu warnen. Aber über den Tisch ziehen lassen, wie es so oft bei der "Übernahme westlicher Werte" ging, werden sie sich hoffentlich nicht

YAMIL LAGE/AFP/Getty Images

Es wird allerlei stattfinden in Kuba, wenn erst die Hürden gefallen sind. Der Besuch Obamas ist jetzt schon wieder Vergangenheit – ein historischer Schritt, so der einhellige Pressetenor. Abgesehen vom Architektonischen können auch die sozialen Verwerfungen bedrohlich werden, so jedenfalls die immer wieder geäußerten Sorgen.

Zu hoffen ist allerdings, dass die Kubaner aus den Erfahrungen anderer Länder, die genügend Kontakt mit den Machenschaften westlicher Glücksbringer und -ritter hatten, lernen und sich – anders als das Russland der 90er Jahre und die DDR – effektiver zur Wehr setzen.

Denn sie sind Patrioten, die ihre Heimat lieben und wenn sie „Cuba Si, Yankey No“ intonieren, dann weiß man, dass das einer hehren Vergangenheit gilt und wenig mit der so anstrengenden Gegenwart zu tun hat. Aber über den Tisch ziehen lassen, wie es so oft bei der "Übernahme westlicher Werte" ging, werden sie sich hoffentlich nicht.

Keine symbolischen

besserwisserischen Warnungen

Meine Erfahrung als DDR-Bürgerin hindern mich, die Kubaner am Ende noch besserwisserisch symbolisch zu warnen. Denn, ich höre sie schon, die enttäuschten Ausrufe der linken Romantiker – aus westlichen Gefilden – die noch nie unter Knappheiten gelitten haben, sondern eher dem "Konsumterror" ausgesetzt waren bis die revolutionäre Situation gediehen und das Kaufhaus symbolisch angezündet war. Und ich sehe, wie jene Romantiker, die mit dem „Buena Vista Social Club" ihr revolutionäres Erlebnis hatten, ensetzt sind, wenn die Kubaner sich wie verrückt freuen, dass sie jetzt auch Verbindungen in die verderbte, kapitalistische Welt haben.

Aus sicherem Abstand auf

einen bizarren Alltag blicken

Es war so schön und sicher, mit Abstand – ausgestattet mit schönen Devisen – auf sie zu gucken und ihren kubanischen, bizarren Alltag zu bewundern. Ich habe fast ein deja vue, wenn ich an die Streitereien mit einem niederländischen Freund denke, der nie in der DDR gelebt hatte und seinen Alltag nicht kannte und mich trotzdem dauernd belehrte, wie gut es bei uns sei, wo nie von Geld die Rede ist. Achja, er wusste nicht, dass dieses „Nicht Reden vom Geld“ die Leute trotzdem viel gekostet hat. Dabei war es in der DDR – im Vergleich zur SU und Kuba – noch verhältnismäßig komfortabel.

Muss der wahre Sozialismus unter Knappheit leiden, weil er sonst in der Gefahr ist, dem Konsumterror, der giftigen Warenverführung zu erliegen und: Aus ist es mit der sozialistischen Alternative? Keine Ahnung, aber manchmal schien es mir in der Vergangenheit so. Die Linke in Ostdeutschland hat da – wie ich hoffe – mehr Verständnis für die materiellen Bestrebungen der Kubaner. Sie helfen auf vielfältige Weise. http://cuba-si.org/

Kreativität und Improvisationsgenies

Die Kubaner sind ein verspieltes Volk, ein kreatives Volk immer gewesen. Eine Menge Kreativität ging in die ständige Wiederherstellung alter Gerätschaften aus dem kapitalistischen Ausland – z. B. Ami-Straßenkreuzer – gar nicht zu reden von irgendwelchen Traktoren oder Landmaschinen, die das Leben der Bauern vielleicht einfacher gemacht hätte. Gut – genug rückwirkend lamentiert.

Eine Buchempfehlung

Es war Mitte der 90er Jahre als mir eine Kollegin, die mit ihrem Mann einen kleinen Verlag betrieb, ein Buch empfahl, das bei ihnen erschienen war: „El Silencio“ von Kerstin Velasquez Reve.

Kerstin und ihr Mann – der Kubaner Vladimir Velqasquez Reve – gerieten in die Unwägbarkeiten der Zeit nach der Deutschen Einheit. Vladimir war in die DDR zur Ausbildung in einem Metallberuf gekommen. Sie hatten 1988 geheiratet und bereits zwei Töchter als sie erfuhren, dass ihr Mann zurück nach Kuba muss. Sie entschlossen sich, gemeinsam zurückzugehen.

Hinein in die periodo especial

Es begann für Kerstin das kubanische Abenteuer. Sie geriet mitten hinein in eine Zeit, in der die Sowjetunion und auch die anderen ehemaligen sozialistischen Länder ihre Unterstützung einstellten. Damals begann in Kuba die sogenannte „periodo especial“ (1990 – 1994). Sie lernte einen Alltag kennen, in dem Improvisationstalente und Kreativität alles bedeuten, wenn man ihn halbwegs meistern will und zwei Kinder und bald schon ein drittes zu ernähren. Die ersten Wochen in Kuba – noch nicht einbezogen in ein bürokratisches Verteilersystem – waren nah am Hunger. Später wird KerstinVelasequez Reve zu einer absolut perfekten Meisterin eines oft kafkaesken Alltages. Jede zusätzliche Kanne Milch für die Kinder, jedes Brot mehr muss ertauscht, erstritten und vor allem „erstanden“ werden. Und trotzdem wachsen dort auch Freundschaft, Hilfsbereitschaft und unendliche Lebensfreude. Man freut sich, wenn das Schwein auf dem Balkon gedeiht, wenn die gesammelten Wurzeln wieder eine Weile die Ernährung sichern, wenn es gelingt, das Motorrad – trotz fehlender Originalersatzteile – wieder hinzukriegen. Aber, es ist trotzdem ein ständiger Kraftakt, der alles abverlangt: Wenn man drei Tage unterwegs ist, weil keine Busse fahren, wenn man um einen Platz im Zug kämpfen muss und nicht weiß, ob und wann man jemals ankommt. Lähmung macht sich breit im Land. ...

Zurück nach Deutschland

Am Ende entscheidet sich das kubanisch-deutsche Paar, wieder zurück nach Deutschland zu gehen. Auch das ein Akt des Kampfes gegen bürokratische Hürden und Vorschriften – da sind sich Kuba und Deutschland gar nicht so fremd, wie ihr Bericht so anschaulich schildert. Damals schrieb sie ihre kubanischen Erfahrungen nieder.

Und die sind heute wieder zu haben. Aus gutem Grund. Es ist mal wieder Abschiedszeit. Vielleicht auch von romantischen Illusionen über dieses Land, dessen Menschen nach wie vor in einer Situation äußerster Knappheit und ständiger Herausforderungen leben und die sich nach ein bisschen mehr alltäglichem „Tinnef“ und Kram ebenso sehnen, wie man es einstmals den DDR-Bürgern angekreidet hat. Die Knappheit wird hoffentlich bald aufhören. Es wird vielleicht bald nicht mehr nötig sein „eine Reihe zu machen“ (lesen Sie nach, was das bedeutet) oder sie entstehen an anderen Stellen als bisher.

Wird aber auch ein Gesundheitssystem bestehen bleiben, das – so halbwegs – funktionierte, obwohl Kerstin Velasquez Reve da schon Kritisches zu anmerkt. Was wird mit dem Bildungswesen? Was wird mit den Menschen, die auf ihre Weise hoffen und an "Fairness" glauben, wenn erst die Investoren kommen. Noch ist ja alles erst am Anfang.

Die Erinnerung an das Kuba von heute und seinen Alltag hält dieses Buch wach. Es ist der Alltag, an dem sich die Fortschrittlichkeit einer Gesellschaft am besten belegen lässt. Der Alltag in Kuba hat dem Fortschrittsglauben der Menschen viel abverlangt. Wie wird es in der Zukunft werden? Viele Fragen.

Anmerkung: Kerstin Velasquez Reve machte immer mal wieder Lesungen. Z. B. vergangenes Jahr im EWA-Frauenzentrum .Eine davon fand auch in der Praxis ihres Mannes Vladimir Velasquez statt, der - gar nicht weit von mir- in Pankow eine Physiotherapeutische Praxis betreibt.

Kerstin Velasquez Reve: El Silencio. Kuba ist so schön, oder; was braucht der Mensch? Tausche Jeans gegen Flugticket.

Hier ist es als e-book zu erhalten – aber auch über andere Buchverteiler.

11:02 22.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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