Feldpostbriefe (3)

Der Erste Weltkrieg Dies ist ein Blick auf einen Vorfahren, den ich nie kennen lernte und dessen Leben fast exemplarisch für den Beginn des "Jahrhunderts der Extreme" (Hobsbawm) ist.
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„Die erhaltenen Feldpostbriefe an seine Frau aus den Jahren 1914 und 1915 können durchaus als ein reales Gegenstück zu Remarques’ Erzählung „Im Westen nichts Neues“ gelten.“

(Der Historiker Torsten Kupfer in einem Beitrag der Zeitschrift des Vereins für Anhaltische Landeskunde )

Magdeburg 31. Juli 1914

Es ist nicht zu verkennen, dass die Lage äußerst ernst ist. Die nächsten Stunden bringen die Entscheidung, die für uns Soldaten nicht mehr zweifelhaft ist.

Für unser Volk setzt der Kampf um seine Existenz ein. Das weiß ein jeder. Ebenso weiß aber auch ein jeder die Größe und Tüchtigkeit unserer Armee zu schätzen, und die Furcht vor ihr diktiert vielleicht doch noch den Frieden.

Die Mobilmachung, die wir stündlich erwarten, besagt noch nicht Krieg, wenn auch die Hoffnungen gering bleiben: sie kann noch die äußerste Drohung sein.

Wir wollen das Beste hoffen, und wenn es sein muß, stark sein. Schließlich sind wir alle in der Hand des Schicksals und müssen uns ihm beugen. Aber wie schwer ist es, wenn man einen geliebten Menschen zurücklassen muß. Gebe einem Gott die Kraft, in vollstem Maße seine Schuldigkeit zu tun.

An dem Sieg unseres Heeres zweifle ich nicht eine Sekunde, ich weiß, welche Kräfte, auch moralischer Natur, in ihm stecken. Und nun wollen wir uns das Herz nicht weich machen, sondern voll festen Vertrauens, auch für unser Schicksal in die Zukunft blicken.

Gestern und heute habe ich alles vorbereitet, Sattelzeug geordnet, Karten pp., Säbelschleifen, Kiste bereitstellen. Ich brauche nur noch zu packen. auch mein Scheinwerferzeug ist bereit, Wagen verladen und was da alles ist. Ich habe vier Tage Mobilmachungszeit, vom ersten Tag an gerechnet.

Magdeburg 3. August 1914

So schwer mir die Abschiedsstunde geworden, es hat geheißen, auch das ertragen zu müssen. Feste Hoffnung für die Zukunft und auf gemeinschaftliches Leben, Freudigkeit und und unbedingte Zuversicht in den Sieg unser Waffen sind mir ins Herz gezogen. Jetzt wünsche ich nur: hinaus, je eher um so besser, um so schneller auch die Entscheidung. Ich weiß, Du wirst mutig sein und ich weiß mich auf allen Wegen von Deiner Liebe und Deinen Gebeten umgeben.

Gestern abend ist die 3. K. abgerückt, das Offizierskorps hat sie zum Bahnhof begleitet. Die Straßen waren schwarz von Menschen, wir sind mit Blumen fast überschüttet worden. Die Musik spielte die Wacht am Rhein und tausendstimmig pflanzte sich der Gesang fort. Gerüchtweise verlautet von günstigen Erfolgen unserer Flotte, weiter soll König Peter mit 20 000 Mann gefangen sein, aber es ist noch nicht amtlich.

Magdeburg 5. August 1914

Gestern Nachmittag war Feldgottesdienst auf dem Kasernenhof und heiliges Abendmahl. Ich habe in meinem Leben noch nicht eine solch ergreifende Feier mitgemacht. mitten zwischen Wagen, Pferden, Kisten und Kasten ein Volk in Waffen voll Mut und eiserner Entschlossenheit und doch voll Demut vor dem Höchsten. Dann ging es gleich wieder an die Arbeit. Die Mobilmachung geht ohne jede Stockung vor sich, sie ist auf das glänzendste vorbereitet, aber sie legt auch Zeugnis ab von dem Ordnungssinn und der Vernünftigkeit unseres Volkes.

Magdeburg 6. August 1914

Nun bin ich noch eine Nacht in der Heimat, und dann heißt es scheiden. Gottlob, dass es nun hinausgeht zu Kampf und hoffentlich auch zu Sieg. Seit Tagen rollt jetzt auf der Bahn in unterbrochener Reihenfolge Zug auf Zug. Gestern ist das Eiserne Kreuz erneueert, hoffentlich bietet sich Gelegenheit, es sich zu erwerben. Gestern vor acht Tagen kauften wir noch ein, mir ist, als läge eine Welt dazwischen. In was für einer Zeit leben wir. Und doch wollen wir dankbar sein, dass wir in ihr leben.

Magdeburg 7. August 1914

So ist denn der große Tag gekommen, wo es hinausgeht ins Feld und Abschied nehmen heißt von allem, was einem lieb und teuer ist. Das sind noch einmal schmerzliche Stunden und man glaubt schier, man könnte es nicht tragen, ist doch die ganze Zukunft in Dunkel und Ungewissheit gehüllt. Man zieht hinaus wie ein Abenteurer, und ein Leben beginnt, so schwer und ernst, dass alles, was man sonst im Leben durchgemacht hat, dagegen zurücktritt.

Dann aber soll es heißen, Kopf hoch und dem einen großen Ziel zugestrebt, dem Kampf und dem Sieg fürs Vaterland. Das Vertrauen zu unserer Heeresleitung ist das denkbar größte, der Geist der Truppe unvergleichlich, das Können der sorgfältigen Friedensarbeit entsprechend. Also voller Zuversicht und voller Vertrauen geht es hinaus. Möge die Weltgeschichte, die wir jetzt eisern schreiben, zum ruhm und Gedeihen unseres Vaterlandes sein. Die Fahnen, die schon in vielen Schlachten sich Ruhm erworben, werden neuen Lorbeer tragen.

Ich bin doch auch wieder dem Schicksal dankbar, dass es mir Deine Liebe beschert hat und dass ich nun hinausgehen kann, mit dem Bewußtsein, dass Du zu Hause meiner gedenkst. So oft ich kann, schreibe ich Dir, und wenn es nur ein paar Zeilen sind. Ich reise im Stabe des Generalkommandos IV, Armee-Korps oder im Stabe der 7. oder 7. Division, das wird noch befohlen. Die nähere Adresse teile ich Dir noch mit. Meine Wünsche um das Wohlergehen der Brüder vereinen sich mit den Eurigen. Mögen wir alle drei noch einmal die Füße gesund unter Euren Tisch stecken und Euch von den Erlebnissen dieser großen Zeit erzählen können.

Anmerkung

Beim Wiederlesen fällt mir erneut auf: Ganz "original" sind die Feldpostbriefe nicht. Sie stammen aus dem Erinnerungsbuch "Unser Hauptmann Loeper", das nach dem Tode des Großvaters 1935 herausgegeben wurde. Er war ja ein prominenter Mann. Sie müssen nachträglich - von ihm selbst oder den Autoren des Erinnerungsbuches - bearbeitet worden sein. Es herrscht schon in einigen Passagen ein ziemlich "öffentlicher" Ton. Das ändert sich mit dem wirklichen Kriegseintritt. Dennoch bieten die Briefe einen tiefen Einblick, sowohl in seine Erlebnisse und seine Denkweise in jener Zeit und später.

1. Teil

2. Teil

(wird fortgesetzt)

11:12 10.05.2014
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Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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