Feldpostbriefe (5)

Der Erste Weltkrieg Dies ist ein Blick auf einen Vorfahren, den ich nie kennen lernte und dessen Leben fast exemplarisch für den Beginn des "Jahrhunderts der Extreme" (Hobsbawm) ist
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Des Kriegs Hundsgeheul

Wenn ich diese Briefe wiederlese fällt mir oft ein Lied aus dem II.Weltkrieg ein, das ich mit dem Schulchor früher gesungen habe.

Es stammt aus der Sowjetunion und trägt den Titel“:

„Ach Ihr Wege“.

Der Refrain ist eine Beschreibung dessen, was schon damals im I. Weltkrieg an allen Fronten das zermürbendste und seelenverzehrendste Erlebnis der Soldaten ist. Auch Wilhelm Friedrich Loeper berichtet darüber und wird verwundet.

„Schlamm regiert auf allen Wegen,
man watet und spatet,
ringsum Qualm und Feuerregen,
des Kriegs Hundsgeheul“.

Bieuxy, 16. September 1914

Mein Alles!

Heute ich bekam ich wieder zwei Briefe von Dir, vom 20. August und 6. September, und bin ganz glücklich, jetzt so oft von Dir zu hören.

Gestern bin ich verwundet worden, aber erschrick nicht, Liebling, als ich fast da war, sausten auf einmal etwa 30 schwere englische Granaten um mich. Die zweite zerriß einen Husar (tot), verletzte einen Artilleristen schwer, und mir sandte sie noch einen kleinen Brummer an den Hinterkopf. Ich wurde gleich verbunden, habe den Schädel in einer Binde, wenig Schmerzen, die Nacht Dienst getan. Nachts wurden wir stark von französischer Artillerie beschossen aus Soissons, aber sie trafen den Schweinwerferzug nicht. Ich kann von einem Wunder sprechen, so davongekommen zu sein.

Wenn wir mal ein Paket schicken willst, so wird es mit Dank angenommen. Schicke es bitte an Leutnant Dittmar, Ersatz-Pion.4 ,Magdeburg, der es mir als Dienstsache senden wird.

Ich tue natürlich weiter Dienst und hoffe, mir noch das Eiserne Kreuz zu holen. Die Nacht hat es wieder in Strömen geregnet, es ist schrecklich, man weiß nicht mehr, wo man die Wäsche hernehmen soll. Alles leidet darunter, die ganzen Sachen verkommen. Nach dem Feldzuge kann ich alles, was ich hier anhabe, wegwerfen.

Doch das sind schließlich nebensächliche Dinge.

Vorläufig stehen wir immer noch in einer Verteidigungsstellung bei Soissons. Heute sollen unsere Flügel angreifen, wir, das Zentrum einem Durchbruchsversuch standhalten.

Überall sieht man

schon Soldatengräber

Überall sieht man jetzt schon Soldatengräber, aber der Feind hat mehr gelitten, gegen unsere Artillerie kommt er nicht auf. Er liegt stellenweise wie hingemäht. Wenn wir doch erst vor Paris ständen.

Die Verpflegung ist recht mangelhaft, es ist nichts mehr aufzutreiben, Butter und Schmalz kennen wir schon seit Wochen nicht mehr. Brot ist selten, nur Fleisch und Gemüse gibt es noch. Wie sehnt man sich nach eine Schluck Bier, einem Bett, einem sauber gedeckten Tisch. Man wird das reinste Ferkel.

Über die Zeitungen, die Du mir schickst, freue ich mich sehr. Alles reißt sich darum.

Ich freue mich zu sehr, dass Du Dich meiner Eltern so annimmst, es ist doch direkt ein Trost für sie.

Was macht mein kleiner Terry? Er gereicht sicher allen zur Freude.

Ich denke ja so oft an die Heimat, an unsere schönen Sonntage, an alle schönen und zufriedenen Stunden, die wir zusammen durchlebt. Möge dem schrecklichen Kriege ein um so schönerer Frieden folgen, der uns alles das wiedergibt, was wir jetzt entbehren müssen.

Bieuxy, 21. September 1914

Meine liebe, liebe Elisabeth,

Immer noch in Bieuxy. Was werde ich an dieses Loch noch einmal denken. Es besteht aus etwa zehn Häusern. Darin liegen das Generalkommando, ein Feldlazarett, zwei Sanitätskompanien, zwei Munitionskolonnen, der Scheinwerferzug.

„Alle Sachen reißen,

faulen, verdrecken“

Es starrt von Schmutz Lehm, Dreck, Regen, Abfällen verwesenden Pferden, faulendem Stroh und anderen ekligen Sachen. Ich habe noch ein Dach über dem Kopf, Manche liegen seit zehn Tagen in einer Ackerfurche mit etwas nassem Stroh, können sich nicht waschen, nichts, nichts, dazu gießt es in Strömen. Die armen Pferde. Meine habe ich teils in einer Scheune, teils in einer Höhle, gottlob. Eins ist trotzdem schon so herunter, dass ich es werde erschießen müssen, es kann nicht mehr laufen. Alle Sachen reißen, faulen, verdrecken. Verpflegungen gibt es nur durch Nachschub. Wir haben nichts als schlechtes Brot, Kaffee. Priemtabak und Kalbfleisch. Es wird einem schon ganz schlecht. Alle haben schon die verschiedensten Magenzustände gehabt. Alles Heizmaterial ist aufgebraucht, wir haben schon ein Dach abgedeckt und heizen mit den Sparren. ´Heute abend um 7 Uhr rückte ich die sechste Nacht in Stellung. Jeden Morgen kommt man naß und halb erfroren zurück, dann wird bis 2 Uhr geschlafen.

Das schreckliche ist, man weiß nicht, was nun eigentlich los ist. Die ganze 1. Armee steht nördlich der Aisne plötzlich in einer Verteidigungsstellung. Man weiß nicht, wo die anderen Armeen sind, und was beabsichtigt ist. Der Feind (Franzosen und Engländer) steht uns auf zwei bis drei Kilometer gegenüber, hat sich kolossal verstärkt. Seit 14 Tagen donnern die Geschütze Tag und Nacht, aber es geht nicht vorwärts und nicht rückwärts. Überall tauchen die abenteuerlichsten Gerüchte auf, günstige und ungünstige, bei Licht besehen, weiß keiner was. Darüber vergeht die Zeit und man wird verdrießlich.

Die feindliche Artillerie trifft nicht viel, wir haben jetzt verhältnismäßig wenig Verwundete. Für die Infanterie-Regimenter ist Ersatz eingetroffen, Kriegsfreiwillige. Sie haben den besten Willen, aber der Wille allein tut es nicht, sie sind noch keine rechten Soldaten und beeinträchtigen die aktive Truppe.

Morgen in acht Tagen sollte unser Hochzeitstag sein, Liebling. Nun, das Schicksal hat es anders gewollt. Vorläufig geht jetzt mein ganzes Streben dahin, mich auszuzeichnen und mir das höchste Ehrenzeichen des Soldaten, das Eiserne Kreuz zu holen.

22. September. Heute die Fortsetzung. Ich weiß nicht Liebling wie und wo ich anfangen soll, Dir zu schildern, was mich bewegt.

Eine ausgefallene Hochzeit

Und ein „Eisernes Kreuz“

Heute früh um 7 Uhr kam ich aus der Stellung zurück, in der wir nun die sechste Nacht waren. Ich trank Kaffee und legte mich hin. Um 9 Uhr wurde ich zum Generalkommando befohlen. Brummend, weil übermüdet, machte ich mich auf den Weg. Aber welche Überraschung! Der Kommandeur erwartete mich, Major Degen, und teilte mir mit, Dass S. M. der Kaiser und König die Gnade gehabt hat, mir wegen Auszeichnung vor dem Feinde (Bertry, Peronne, Aisne) das Eiserne Kreuz zu verleihen. So trage ich denn als einer der ersten, die höchste und schönste Auszeichnung, die den Soldaten schmücken kann. Ich bin selig und weiß, dass Ihr alle und Du besonders an meinem Glücke teilnehmt. Schon schmückt da schwarz-weiße Band und das so unscheinbar und doch von Tausenden so heiß begehrte kleine Kreuz das Knopfloch. Was ich gestern noch heiß begehrt, ist heute überraschende Gewißheit geworden. Und ich weiß noch einen, der stolz darauf sein wird, mein Vater. Außer mir haben noch der Gefreite Bankwitz und Pionier Obst (schwer verwundet, Lungenschuß) vom Scheinwerferzug das Eiserne Kreuz erhalten.. Nun leb wohl für heute, ich wollte, ich könnte wenigstens heute bei Dir sein. Meine Wunde heilt gut.

28. September 1914

Meine liebe Elisabeth!

Heut nacht sind wir heimlich abgerückt, niemand weiß wohin. Nun wird wohl bald zum großen Tanz aufgespielt. Ich bin so froh, dass wir wieder marschieren. Bieuxy ade, scheiden tut weh. Den alten Hundestall haben wir mit Trara verlassen. Zehn Enten und Hühner, Käse und Pfirsiche hben wir uns unterwegs einverleibt, jetzt beginnt wieder das bessere Leben. Das ist morgen ein netter Hochzeitstag, wer hätte ihn sich so vorgestellt. Aber es wird alles nachgeholt. Tausend Grüße von

Deinem Fritz

Bis-en-Artois, 4. Oktober 1914

Meine liebe, liebe Elisabeth,

Heute habe ich keine Nachricht von Dir. Langsam aber sicher geht unser Angriff vorwärt. Die Franzosen wehren sich verzweifelt, aber wir werden ihrer doch Herr. Es ist ein heißes, heißes Ringen. Auf unserer Seite auch viele Verluste. Hier sind Feldlazarette, daher weiß ich es. Gestern und heute sind allein durch dieses Dorf etwa 500 gefangene Franzosen geführt, darunter fünf Offiziere. Generalmajor Reichenau, Kommandeur 15. Infanterie-Brigade (Dessau-Halle) ist gefallen. ein Bataillon 93 hat nur noch zwei Offiziere. Auch der zweite Regimentskommandeur soll schwer verwundet sein,. doch alles wird ertragen, wenn wir nur siegen, und das werden wir. Hier ist keine Stimmung mehr für Kleinmütigkeit. Es geht das Gerücht von einem großen Sieg der Österreicher bei Lemberg. Ferner geht die Kunde, Antwerpen sei gefallen; das wäre von großem Werte. Zehn schwere Schiffsgeschütze, die uns schon viel zu schaffen gemacht haben, sollen den Engländern genommen sein. Das schwirrt so als Gerücht umher, man erfährt ja nichts Genaues.

Jedenfalls geht es vorwärt, das steht bombenfest.

Der Kaiser fuhr an uns vorbei

Vorhin fuhr der Kaiser an uns vorbei. Es kam Generalkommando des IV. A.-K. und fuhr ganz nach vorn zur 8. Infanterie-Division, die ziemlich nahe am Feinde ist. Leider habe ich ihn nicht gesehen. Es waren zehn Autos in rasender Fahrt, im vordersten saß S. Mejestät. Derweil sitzt Herr Poincaré in Bordeaux.

Die französischen Gefangenen sehen schrecklich mitgenommen aus. Wie ist es nur möglich, dass ein Staat seine Armee in solche verlumpter Ausrüstung ins Feld schicken kann.

Heute ist wieder Sonntag, Liebling. Ich möchte wissen, wie Du ihn wohl verbringst. Ich freue mich von Herzen, dass Du so ruhig und tapfer bist, wie es sich ja auch für eine Soldatenbraut ziemt. Vor zehn Wochen sahen wir uns zum letzten Mal. Wie viele Wochen werden noch verrinnen, bis wir uns wiedersehen?

Was macht die Mutter, meine Eltern und die brave Emma, nicht zu vergessen, mein Terry? Von Herta habe ich kürzlich zwei Karten bekommen. Grüße sie herzlich.

Es ist lächerlich, den Gegner

zu unterschätzen

Silvester 1914

Boiry-Becquerelle, 31. Dezember 1914 (Silvester)

Meine liebe, liebe Elisabeth!

Nun geht heute das weltgeschichtlich so bedeutungsvolle Jahr 1914 zu Ende, ein neues bricht an, und mehr als je drängt es, den Schleier zu lüften und in die Zukunft schauen zu können. Wird es uns den Frieden bringen oder werden wir an der nächsten Jahreswende noch mit dem Schwert in der Hand dastehen? ob es uns den Sieg bringen wird nach vernichtenden Schlägen, das können wir wohl jetzt schon mit einem Ja beantworten. Die feindlichen Heere sind zu erschüttert, als dass sie noch auf den Enderfolg rechnen können. Aber heiße Arbeit steht noch bevor, es ist lächerlich die Tüchtigkeit und Zähigkeit des Gegners, auch der englischen Armee unterschätzen zu wollen. Da wird noch mancher sein Leben lassen müssen, zu des Vaterlands Ruhm und Ehre. Und wer weiß, ob man nicht selbst zu denen gehört, die hier in Feindesland ihr Grab finden. Wer fortgesetzt in Lebensgefahr steht, muß auch damit rechnen. Nun, wir stehen alle in Gottes Hand und müssen mit dem schönen Soldatenliede sagen: „Darum still, darum still, füg’ ich mich wie Gott es will.“

Wir alle haben ja mehr oder weniger abgeschlossen, und doch leuchtet einem jeden immer wieder die Hoffnung. An diese wollen auch wir uns halten, nicht wahr, Elisabeth“

Gestern traf Dein lieber Brief ein, den Du mir am Heiligabend geschrieben hast, Liebling. Jede Zeile von Dir ist für mich eine große Freude, das kann ich Dir nur immer wieder versichern. Hoffen wir, dass das nächste Jahr uns ein gemeinsames Weihnachten beschert.

(wird fortgesetzt)

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

10:09 22.05.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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