Feldpostbriefe (6)

Der Erste Weltkrieg Dies ist ein Blick auf einen Vorfahren, den ich nie kennen lernte und dessen Leben fast exemplarisch für den Beginn des "Jahrhunderts der Extreme" (Hobsbawm) ist
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Der Vorfahr berichtet hier von einer Versetzung an einen anderen Abschnitt der Front. Er beklagt diese ständigen, nervenzehrenden Wechsel.

Höhlentage

Geschrieben im Unterstand „Villa Lehmloch“, am 8. Februar 1915

Mein Mädelchen

Heute gehen meine Gedanken zu Dir und ich sende Dir meine innigsten Grüße aus obiger Villa, die ihrem Namen Ehre macht. Alle vier Tage muß ich 24 Stunden hier verbringen und es scheint, dass ich an diesen Tagen die meiste Zeit zu ruhiger Betrachtung finde. Wo will ich sie nutzen, da ich sonst doch wohl nicht sonderlich dazu komme.

Aus den seligen Gefilden von Boiry-Becquerelle bin ich in den Regen des sumpfigen Flanderns geraten, von dort aber in die hiesige Traufe.

Laß Dir erzählen. Am 4. abends bekam ich ein Telegramm vom Regiment, ich hätte sofort die Kompanie an Oberleutnant Laubert zu übergeben und mich am anderen Vormittag in Lille beim Oberst zu melden. Ich wusste nun gar nicht, was los war und verbrachte eine recht unruhige Nacht. Das Hinundherschieben im Kriege ist etwas Grässliches. Immer wieder in neue schwierigste Verhältnisse, Du machst Dir keinen Begriff. Ich hatte mich dort nun endlich hineingefunden, nun hieß es wieder weiter. Dabei ist es so schwierig, sich in die neuen Verhältnisse zu finden. Es wird sofort verlangt, dass man die Situation beherrscht. Kein Mensch nimmt Rücksicht, kann das auch nicht. Man muß mit seinen Vorgesetzten und den höheren Truppenführern Fühlung nehmen, muß die örtlichen und taktischen Verhältnisse an der Stelle beherrschen, wo man hinkommt, muß den Schriftverkehr erledigen, die Kompanie kennen lernen, die Regelung des Dienstes erforschen, sich um Unterbringung, Verpflegung und tausend Kleinkram kümmern. Da weiß man nicht , wo anfange, wo enden.

30 Meter vom Feinde entfernt

Obendrein liegen die Verhältnisse hier besonders ungünstig. Wir stehen im Minenangriff, der dringendste Förderung verlangt, 30 Meter vom Feinde. Alles Sinnen muß darauf gerichtet sein. Morgens um 5 Uhr fahre ich mit meiner Glaskutsche von Liévain nach Souchette und gehe von da zu Fuß in die Stellung. Dann laufe ich alles ab und krieche in die Minengänge, um nachzusehen, was geleistet ist. Abends noch einmal. Sonst hocke ich, ein lebender Erdkloß in meinem Erdloch. Das ganze Äußere ist mit einer Lehmkruste überzogen, Du würdest lachen, könntest Du mich sehen. Nachts schlafe ich auf Sandsäcken. Nahrung: Kaffee und Stullen. Morgens geht’s noch einmal in die vordersten Teile und dann nach Hause. Dort wohne ich ganz allein in einer verlassenen Villa, ganz leidlich, aber ich komme vor Arbeit nicht zum Genuß. Ich esse dort mit den Offizieren und Offizier-Stellvertretern zusammen, was mein Vorgänger nicht getan hat. Ich halte es aber für richtig.

Am Tage hat heute heftiges Artilleriefeuer auf der Stellung gelegen, doch ist mein Loch ziemlich sicher, da es hinter einem Steilabfall liegt. mit der Post wird es wohl nicht sonderlich funktionieren, aber ich will Dir doch täglich schreiben, Liebling, und bitte Dich um dasselbe.

Liévain bei Lens, 10. Februar 1915

Mein liebes, gutes Mädelchen!

Heute habe ich endlich etwas Ruhe und will nun gleich an Dich schreiben. Ich hoffe, dass Du inzwischen meine anderen Nachrichten erhalten hast und so über die Vorgänge der letzten Zeit orientiert bist. Wie froh ich bin, dass ich mich nun wieder in den neuen Rahmen gefunden habe. Die vergangenen Tage waren einfach schrecklich, es ist unmöglich, dass Du Dir ein Bild machst. Die Kompanie freut sich, dass ich hier bin und ich hoffe, mir ihr Vertrauen zu gewinnen, denn nur Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Taten und nichts anderes.

Mein Baade hat inzwischen die Villa gesäubert, und ich hause nun in einem reizenden Rokokozimmer mit prächtigem Kamin, auf dessen Sims unser Bild aus den Mobilmachungstagen prangt. Leider kann ich mich wenig der Annehmlichkeiten der Häuslichkeit erfreuen, das es zu viel Arbeit gibt. Wo mögen die Besitzer sein und welche Wesen haben hier gehaust? Die meisten Einwohner sind geflohen, da noch immer in den Ort ab und zu geschossen wird. Ich sitze jetzt in der Gegend der großen französischen Kohlenbergwerke, die meist in unseren Händen sind. Jetzt fehlt mir nur hier meine liebe, liebe Braut. Ach wenn wir nur erst in unserem eigenen Heim leben und uns des Lebens freuen können. Gott gebe, dass es dazu noch einmal kommt. Ab und zu überschleichen einen dumme Gedanken, aber ich verscheuche sie rasch. Ich bin so oft jetzt durch das Feuer gegangen und habe so oft jetzt auf wenige Meter vor dem Feinde gehockt und bin immer wieder herausgekommen, dass ich mir sage, die Gebete meines Mädelchens schützen mich.

Hier erst merkt man, wie wenig der Mensch ist und wie er ganz in der Hand eines höheren Wesens ist. Wenigstens glaubt man es zu sein, soweit man schrankenlos glauben kann, wofür der Verstand keine Aufklärung mehr gibt. Es gibt wohl hier im Feld niemand, der nicht, selbst unbewusst alle Skepsis hat fahren lassen und dem sich nicht schon in höchster Lebensgefahr ein Stoßgebet entrungen hat. Und sollte es Gottes Wille sein, dass ich hier auf Frankreichs Erde bleibe, so wirst Du mein Mädelchen, es als tapfere Soldatenbraut tragen und überwinden, und ich bitte Dich nur, Dich dann meiner alten Eltern anzunehmen, der Gedanke würde es mir leichter machen. Vorerst aber denke ich nicht an so etwas und hoffe, dass wir uns wiedersehen. Letzthin erhielt ich Deine lieben vom 31., 1., 2., 4., auch die vielen Paketchen. Ich danke Dir für alles, Liebling.

Von Freitag früh zu Sonnabend früh bin ich wieder in Stellung, jeden vierten Tag. Teile doch den Eltern alles mit, ich kann wirklich jetzt nicht weiter ausführlich schreiben, ich täte es sonst gern. Heute beginne ich mit der Rücksendung der Briefe, es ist doch besser, sie fallen sonst noch jemand in die Hände. Hebe sie mir gut auf, ja? Da meine Zigarren sich jetzt ihrem Ende nähern, so bitte ich Dich, mir gelegentlich ein paar beizulegen, wofür ich im voraus danke.

Es wird Dich interessieren, etwas von der Tätigkeit der Kompanie zu hören. Ich wirke hier beim Badischen Korps, dem 14.

Westlich der Chaussee Souchez-Aix-Noulette (westlich Lens) zieht sich über Notre Dame de Lorette ein Höhenrücken hin. Dieser Höhenrücken ist in unserem Besitz, der Feind (1. französisches Korps, Sitz Lille) behauptet sich aber auch noch darauf, und es kommt uns darauf an, ihn herunterzuwerfen, bis an die Waldstücke bei Aix-Noulette, damit wir mit Infanteriefeuer das Tals bestreichen können. Da der Gegner starke Hindernisse vor der Front hat, wäre ein einfacher Sturmangriff nur mit großen Opfern möglich und selbst dann noch fraglich. Es heißt also wieder, wie so oft: Pioniere vor! Wir unterminieren nun die vordere feindliche Linie, sprengen sie an vielen Stellen mit starken Ladungen in die Luft und brechen dann gleich in die zweite französische Stellung ein. vornweg Pioniere mit Handgranaten und Drahtscheren (zerstören feindliche Minenleitungen), dann die Infanterie-Sturmkolonnen, dann wieder Pioniere mit Sandsäcken und Stahlschilden, um die genommene Stellung sofort auszubauen. So soll die Sache vor sich gehen.

So hast du nun ein kleines Bild, wie es hier zugeht.

Schlammteil bei Notre Dame de Lorette. im Unterstand, 12. Februar 1915.

Mein liebes, herziges Kindchen!

Wieder mal ein Höhlentag. Früh Schnee, abends Regen, knietiefer Matsch. Man ist naß und fröstelt. In Dunkelheit heute früh bin ich hierher gerückt, denn sowie es hell ist, kommt man nicht mehr über die Höhe in Stellung.

Dann bin ich wieder überall umhergekrochen und hocke nun wieder auf meiner Kiste zwischen Sandsäcken, Handgranaten, Leuchtpistolen und anderen netten und nützlichen Dingen, Beleuchtung: eine Kerze in einer Weinpulle. Leider haben wir heute sehr starkes Artilleriefeuer gehabt, ein Mann ist schwer im Rücken und am Bein, einer leicht am Arm verletzt. Sonst hat mir zur Freude, die Kompanie seit meiner Anwesenheit noch keine Verluste gehabt, die vorher recht schwer waren.

„..es rührt einen nicht mehr“

Wenn man hier so im Feuer hockt, da kommt man sich vor, als ob man ein ganz anderer Mensch wäre, man kann sich kaum noch vorstellen, dass es auch mal eine andere Zeit gab. Man kann kaum noch glauben, dass es auch mal wieder anders werden wir. Man hockt in Nässe, Kälte, Lehm und Dreck, zählt die zerkrachenden Granaten, hört auf das Bienengesumm der Infanteriegeschosse oder auf ihr helles Anklatschen gegen einen Gegenstand, plötzlich schaut einer auf, fällt hin, alles voll Blut, es rührt einen nicht mehr, man ist wie im Traum, es ist so alltäglich. So kann es nun noch Ewigkeiten dauern, denn wann hat dieser Krieg ein Ende? Welche Opfer hat er gefordert, welche wird er noch fordern?

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

15:05 02.06.2014
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Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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