Feldpostbriefe (8)

Der Erste Weltkrieg Dies ist ein Blick auf einen Vorfahren, den ich nie kennen lernte und dessen Leben fast exemplarisch für den Beginn des "Jahrhunderts der Extreme" (Eric Hobsbawm) ist
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Der Krieg hinterlässt Spuren. Der erste Brief in dieser Folge macht es deutlich. Es scheint, als hätte Loepers Ehefrau in einem Brief Sorge um seine Gesundheit geäußert und gefragt, ob er Urlaub nehmen könne. Das aber weist er energisch zurück. Die Schlacht um Loretto, an der Wilhelm Friedrich Loeper teilnahm, wird in diesen Briefen umfassend geschildert.

Liévin, 27. April 1915

Mein inniggeliebtes Mädelchen!

Ich bin durch S. Maj. an die Spitze einer schönen und ruhmreichen Kompanie gestellt, um mit ihr dem Vaterlande in der schwersten Zeit zu dienen. Solange ich nicht verwundet oder derartig krank bin, dass ich meinen Posten nicht mehr nutzbringend wahrnehmen kann – und soweit ist es Gott sei Dank noch nicht – habe ich die Kompanie nicht zu verlassen, und ich müsste mich ja schämen, daheim herumzulaufen. Etwas anderes wäre es ja, wenn die Kompanie längere Zeit Ruhe hätte und man sich mit gutem Gewissen entfernen könnte. Das ist aber nicht der Fall. Wir stehen auf dem wichtigsten Punkte der ganzen VI. Armee, und es gibt alle Hände voll zu tun, um die heiß erkämpfte Höhe zu einem uneinnehmbaren Stützpunkt auszubauen. Dies mit allen Kräften zu fördern, ist meine Pflicht. Im Frieden würden die Verhältnisse anders liegen, im Kriege haben alle persönlichen Rücksichten zurückzutreten. Diese Auffassung fordere ich von allen meinen Untergebenen auf das Unerbittlichste, und ich habe ihnen mit gutem Beispiel voranzugehen. Ich weiß, dass leider auch viele Offiziere anders denken, aber laxe Dienst- und Pflichtauffassungen sind für mich noch nie maßgebend gewesen.

Wir sind keine Helden

Sondern Soldaten

Der preußische Offizier hat in dienstlicher Beziehung keine Vorrechte, höchstens dasjenige, dass er die Anforderungen an sich selbst höher stellen darf, als an seine Untergebenen. Diese Auffassung soll durchaus nichts Besonderes darstellen, die ist gottlob Allgemeingut, und Ausnahmen sind umso trauriger, werden auch entsprechend beurteilt.

Nun mögen ja genug Herren, geschmückt mit dem Eisernen Kreuz, bei der Etappe und den Kolonnen hinten herumlaufen, die in dem langen Stellungskriege Zeit und Muße finden, hier vorn liegen die Verhältnisse ganz anders. Und wir sind alle stolz darauf, vorn zu sein.

Vater schreibt, es würde mir doch keiner danken, ja, du lieber Gott, auf Dank darf man als Soldat nicht rechnen, man muß sich selbst Richter und zwar ein möglichst strenger sein. Ich weiß, dass Du mich verstehst, Liebling und dass Du das tust und mir hierin folgen kannst, das ist ja gerade mein Stolz auf Dich. Wir beide wollen es mit dem alten Spartanerwort halten:“ Mit dem Schilde oder auf dem Schilde.“ Gebe Gott, mit dem Schilde.

Das ist ja eigentlich auch alles so selbstverständlich und gar keiner großen Worte wert, wie alles, was wir hier tun. Wir sind samt und sonders keine „Helden“, wie es in den Zeitungen immer heißt, sondern Soldaten, die im Kampfe um die Heimat ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit tun.“

Die Schlacht bei Loretto

Liévin, 14. Mai 1915

Aus meinen täglichen Karten wirst Du wenigstens wissen, dass ich noch lebe. Laß Dir der Reihe nach berichten: Die vorige Woche war es verhältnismäßig ruhig. Seit Mittwoch setzte eine lebhaftere Artillerietätigkeit der Franzosen ein, desgleichen wurden zahlreiche Flieger bemerkt, die mit unglaublicher Frechheit herumflogen und erkundeten. Dies deutete auf irgendwelche Absichten. Unsere Flieger waren nicht zu sehen. So war es denn dem Armeeoberkommando völlig entgangen, dass der Feind gegenüber der Linie La Bassée –Loretto – Arras starke Kräfte versammelt hatte. Es müssen außer den Truppen, die schon in dieser Linie standen, mindestens sechs weitere Armeekorps gewesen sein. Am Sonnabendabend erfolgte plötzlich ein heftiger Angriff gegen das Regiment 40 rechts von Loretto. Dieser Angriff wurde mit blutigen Verlusten für den Angreifer abgeschlagen. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag war meine ganze Kompanie auf Loretto. Morgens kamen wir nach Hause, und ich hatte mich gerade hingelegt, da kam der Adjutant der 56. Brigade, zu der ich und unsere 2. Kompanie gehören, und sagte, es würde gleich ein Angriff auf Loretto erfolgen, wir wären alarmbereit und ständen – beide Pionierkompanien – zur Verfügung der Brigade als Reserve. Sofort hieß es, sich anziehen und die Kompanie, die die ganze Nacht draußen gewesen war, marschfertig zu machen. Schon hörte man ein rasendes Artilleriefeuer auf der ganzen Linie, das berühmte französische Trommelfeuer. Der ganze Loretto dampfte und qualmte, dazwischen zuckten die Blitze der zerspringenden Geschosse. Die Schlacht war im Gange. Ich hatte mir Patronen eingesteckt und meinen Karabiner umgehängt. Schon kam Befehl: abrücken, nach Angres und dort bereitstellen. Dort wurde befohlen, die beiden Pionierkompanien rücken sofort nach Givenchy und besetzen den Dorfeingang. In Angres empfingen uns die ersten Granaten, noch ohne Schaden anzurichten.

Ihr Krachen macht einen lähmenden Eindruck. Ich hatte den Befehl über beide Kompanien zu übernehmen.

Schon schwirrten wilde Gerüchte um: Loretto sei gefallen, die Franzosen seien bei Souchez durchgebrochen und dergleichen. Man muß staunen, wie so etwas sich verbreitet. Die Leute guckten ängstlich und ich machte auf Kommando einige Exerzierbewegungen, um Ruhe in die Mannschaft zu bringen.

Ich gab auf mein

Leben nichts mehr

Ich hatte das Gefühl, dass es die ernsteste Schlacht würde, die ich bislang mitgemacht, ich gab auf mein Leben nichts mehr. Da wollte ich wenigstens mit Anstand untergehen und den Leuten ein ruhiges Beispiel geben, wenn ich auch nicht leugnen will, dass mir bisweilen die Kehle wie ausgetrocknet war. Es war heiß und die Sonne stach. Am Eingang von Givenchy formierte ich Kompaniekolonnen und ließ die Kompanie hinter einer Hecke sich hinlegen und gegen Flieger mit Zweigen bedecken. Schon fuhren schwere Granaten mit betäubendem Krachen nach Givenchy hinein. Da trafen zwei versprengte Kompanien des Regiments 111 ein. Mit diesen zusammen wurde ein Bataillon formiert und wir stellten uns hinter einer Höhe bereit, auf der eine Feldbatterie aufgefahren war. Jetzt erfuhren wir, dass die Franzosen noch nicht in Souchez seien. Wir sollten jetzt von Givenchy einen Abhang herunter nach Souchez und dort den Park besetzen. Der Bataillonsführer, Major Förster, und die vier Kompanieführer, wir gingen nun erst allein bis zu der Batterie vor, um Umschau zu halten. Dies sollte uns schlecht bekommen. Wir waren entdeckt und schon sausten die Granaten heran. Wir sprangen in einen Hohlweg und in ein Erdloch. Aber das Feuer hörte nicht auf, und eine Granate nach der anderen platzte in unserer nächsten Nähe. Durch ein Wunder kamen wir alle davon. Das hatten wir nun schon heraus, den Hang kam das Bataillon nicht herunter, das war Selbstmord.

Während das Bataillon noch im Grunde lag, machten wir marsch, marsch über die Höhe und fielen in einen niedrigen Schützengraben, in dem schon Leute vom Grenadier-Regiment 111 lagen. Nun war aber kein Bewegen mehr möglich, und wir mussten längere Zeit auf dem Bauche liegend verharren. Major Förster kroch vor und lugte aus dem Graben heraus, um zu erspähen, wie wir am besten nach Souchez kämen. Plötzlich bemerkte ich zu meinem Entsetzen, dass sich das Bataillon in Marsch gesetzt hatte und hinter der Batterie herum wollte. Auf eigene Verantwortung schrie ich aus Leibeskräften, es solle unverzüglich liegen bleiben. Gott sei Dank kam der Befehl durch. Nur die vorderste Kompanie, eine vom Regiment 111 erschien auf der Höhe.

Auf dem Berg des Grauens

Liegt eine tote Division

Schon saß eine Granate darin und zerriß einen Offizier und elf Mann in einer so grauenhaften Weise, dass ich es unmöglich beschreiben kann.

Es war nicht mehr möglich, aus dem Hexenkessel herauszukommen, und wir mussten die Dämmerung abwarten. Während wir so dalagen, schlug zehnmal hinter mir eine leichte Granate in unseren Graben und zerbeulte mir den Helm. Ich kann Dir sagen, es war ungemütlich. Als es dunkler wurde, sprangen wir wieder zu den Kompanien. Da schlug in meiner Nähe eine Granate in einen Munitionswagen und brachte den Inhalt zur Explosion. Es war furchtbar. Mehrere in meiner Nähe Befindliche wurden getötet oder verletzt. Die Kompanie fand ich in einer Mulde wieder. Bislang waren nur drei Leichtverletzte. 9 Uhr abends kam der Befehl: Sofort nach Loretto rücken und die Franzosen mit Handgranaten aus den Grabenteilen werfen, in die sie eingedrungen waren. Während nun überall noch die Geschütze dröhnten, schlichen wir uns in kleinen Trupps nach Souchez, holten Handgranaten und gelangten ins Schlammtal. Wie sah es aber unterwegs aus. Alles brannte, überall Tote, Sterbende und Verwundete.

Auf Loretto war die Situation die: Nachdem durch ein furchtbares Feuer fast alle Gräben eingeebnet, alles tot und verschüttet war, waren die Franzosen, von unserer Artillerie furchtbar zusammengeschossen, immer und immer wieder in neuen Massen vorgetrieben. Wir haben festgestellt, dass mindestens ein Armeekorps angerannt ist. Sie waren schließlich bis ins Schlammtal gekommen, aber wieder hinausgeworfen worden. Nun saßen sie in der hinteren Stellung, zum Teil saßen wir noch darin. Teile waren sogar bis Souchez vorgedrungen, sind aber dort niedergemacht. Jetzt sollten wir nun den hinteren Graben mit Handgranaten säubern. Dies Unternehmen misslang, weil die Franzosen Maschinengewehre in den Annäherungswegen aufgestellt hatten. Inzwischen war, da das Regiment 111 nur noch aus Bruchstücken bestand, das sächsische Jäger-Bataillon 13 eingetroffen. Ich sammelte schnell entschlossen eine Jägerkompanie, teilte Pioniere mit Handgranaten zu und schlug einen Angriff über freies Feld vor. Dies gelang. Wir kamen in den Graben, eroberten ihn zur Hälfte und machten alles nieder. Es waren französische Jäger und Alpenjäger, ihre besten Truppen. Wir keuchten vor Aufregung, auch hatten wir seit 24 Stunden nicht gegessen und getrunken. Alles lag voller Toter. Auf Loretto, diesem Berg des Grauens, liegt wohl eine tote Division.

Wir erfuhren, dass rechts von uns alle Angriffe abgeschlagen seien, Loretto haben wir gehalten, wenn auch die Franzosen zum Teil eingedrungen sind. Carency ist gefallen und Ablain haben die Franzosen zur Hälfte. Weiter links auf Arras zu sind alle Angriffe abgeschlagen. Damit war der Durchbruch zum Stehen gebracht. Die Schlacht tobt aber weiter und ist noch nicht beendet Jetzt aber haben wir eine Unmasse Verstärkung bekommen, und die Franzosen haben keine Aussichten mehr. Unsere Linien haben sie mit dem letzten Aufgebot ihrer Kräfte nicht durchbrechen können. Die Verluste der Franzosen gehen in das Grenzenlose. Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich sie auf 40.000 bis 50.000 Mann veranschlage. Die Stoßkraft ihrer Infanterie ist völlig gebrochen, die Leute werden von ihren Offizieren mit Gewalt vorgetrieben, ihre Artillerie schießt jetzt von hinten in sie hinein, um sie vorzubringen. Wir haben auch schrecklich gelitten, aber wir haben doch den Durchbruch zum Scheitern gebracht.

Wir sind fast

verrückt geworden

Am 11. morgens ist die Kompanie mit Teilen aus der Stellung gerückt, mit Teilen erst am 12. Ein großer Teil hat 72 Stunden im Gefecht gestanden und nichts zu essen und zu trinken gehabt. Wir sind fast verrückt geworden. Die Gesamtverluste meiner Kompanie betragen 67 Mann, darunter 13 Tote. Es ist ganz schrecklich. Auf dem Weg nach Souchez bin ich nur über Leichen gesprungen. Die erste Kompanie von uns hat noch 40 Mann.

In der Nacht zum Donnerstag hat ein Zug meiner Kompanie nochmals den letzten Grabenteil auf Loretto, in dem die Franzosen saßen, mit Handgranaten gesäubert, 20 Gefangene gemacht und 200 etwa niedergemacht. Die ganze Stellung meiner Kompanie ist jetzt wieder in unseren Händen. Dies haben wir mit dem guten Ausbau unserer Stellung zu verdanken, sonst säßen wir nicht mehr auf Loretto. Das Regiment 111, die 13. Jäger und meine Kompanie haben dem Ansturm von mindestens einem Armeekorps standgehalten. Die Verluste sind entsprechend. Heute habe ich zum erstenmal etwas Ruhe. Seit Sonnabend bin ich Tag und Nacht auf den Beinen. Ich bin sehr herunter, Liebling. In einigen Tagen kommen wir hier fort und nach hinten auf einige Zeit, um uns zu sammeln und zu erholen. Nach Aussage von Gefangenen hatten die Franzosen beabsichtigt, zwischen Souchez und Carency durchzubrechen, Loretto zu umzingeln und dann auf Lens vorzustoßen. Auch diese große Offensive ist gescheitert.

Du wirst in Sorge um mich gewesen sein, Liebling, und dieser Brief klärt Dich nun über alles auf, was in der letzten Zeit geschehen.

Liévin, 15. Mai 1915

Meine liebe Elisabeth!

Am 17. oder 19. wird die Kompanie nach hinten verlegt, da sie am Ende ihrer Leistungsfähigkeit ist. Während auf Loretto während meiner Anwesenheit bereits sieben Infanterie-Regimenter gewechselt haben, ist die Kompanie noch nie von diesem Berg des Todes heruntergekommen. Von Pionieren wird immer das Unmögliche verlangt. Nun können wir nicht mehr. Seit Januar haben wir hier 75 Tote und etwa 125 Verwundete gelassen. Gestern sind wieder drei Mann gefallen, macht 16 in diesen Tagen. Meine arme Kompanie ist ein Trümmerhaufen. Es sind eine Menge neuer Pionier-Kompanien eingetroffen. Immerhin haben wir mit dem Regiment 111 und dem 13. Jäger-Bataillon allein den rasenden Ansturm von mindestens einer Division aufgehalten und abgeschlagen. Ehre den Toten!

Gestern sind wir von Loretto heruntergekommen, bis zum Abrücken bauen wir nur noch an einer hinteren Stellung. Im allgemeinen haben die Angriffe aufgehört, wenn auch hier und da noch Vorstöße erfolgen, das Artilleriefeuer ist noch immer bedeutend. Die Amerikaner haben gut für Munition gesorgt, und sie verstehen sich auf ihr Geschäft. Wenn jetzt Italien nicht losschlägt, sind, glaube ich, nach den riesigen Verlusten die Franzosen alle. Gott gebe das Beste.

Nun bist Du über mich wieder beruhigt, mein Liebling und das ist auch zugleich für mich eine Beruhigung. Sage Mutter alles Nötige, denn die Eltern sind natürlich auch in großer Sorge. Doch das besorgst Du schon.

Der Tod von Leutnant Franke ist mir recht nahegegangen, trotzdem so etwas ja jetzt für uns eine alltägliche Erscheinung ist. Schließlich scheint das Herz auch mit einer Summe von Grausigem gesättigt werden zu können, dann nimmt man nichts mehr auf. Was ist hier ein Menschenleben? Möge doch unser Vaterland stets eingedenk sein, mit welcher Summe von Blut und Opfern all diese großen Siege erkauft werden, möge doch nie vergessen werden, um welchen Preis unser Heer das Glück und die Größe unserer Heimat erkämpft.

Liévin, 20. Mai 1915

Mein inniggeliebtes Mädelchen!

Nach all den schrecklichen Tagen finde ich einige Muße, Dir zu schreiben. Was sich hier ereignet hat, darüber habe ich Dir schon einen Bericht gesandt. Das übrige weißt Du aus den Zeitungen. Völlige Ruhe ist noch nicht wieder eingekehrt. Ja, es ist möglich, dass die Franzosen nochmals einen Durchbruch versuchen werden, trotz ihrer viehischen Verluste. Es steht für sie eben alles auf dem Spiel, denn haben sie jetzt keine Erfolge, haben sie sie später erst recht nicht.

Was wir hier erlebt und durchgemacht und ausgehalten haben, das kann keine Feder beschreiben und kein Mund erzählen. Die Verluste allein meiner armen Kompanie sind auf 20 Tote und 60 Verwundete angeschwollen. Schon sind 50 Mann Nachersatz eingetroffen, neue Schlachtopfer. Der Weg von hier nach Loretto ist ein Weg des Grausens. Der Toten sind so viel, dass wir sie nicht bestatten können. Wir sind nun hier geblieben und bauen die zerschossene Stellung wieder aus. Von Ruhe ist für Pioniere keine Rede.

Mir selbst geht es nicht sonderlich, doch brauchst Du nichts zu befürchten. Man ist eben recht herunter, vor allem kann ich nichts essen, alles schlägt mir auf den Magen. Das ist ja auch weiter kein Wunder. Wenn die Dinge hier so stehen, dass keine neuen Angriffe zu erwarten sind und die Stellung wieder verteidigungsfähig ist, muß ich doch an Urlaub denken, denn ich kann einfach nicht mehr und würde in dem Zustand nichts nützen können. Dabei täglich neue Aufgaben, neue Dispositionen, nicht einen Moment Ruhe und nachts meist draußen.

Die Narren schreien nach Krieg

und wissen nicht, was Krieg heißt

Dass wir unsere Quartiere behalten haben, ist mir ganz lieb, denn in Harnes sollen sie schrecklich sein. Eine Kompanie war schon dorthin gekommen, aber sie hat nichts davon, denn sie wird jeden Abend mit Autos geholt. Jetzt, nachdem wir den Stoß aufgehalten haben, haben wir noch eine Masse Verstärkungen bekommen. Es ist eine neue Armeegruppe, Lochow, Sieger von Soissons, gebildet. Was mit dieser beabsichtigt ist, weiß ich nicht.

Es tut mir leid, dass Du Dich so hast ängstigen müssen. Aber bis jetzt bin ich gut durchgekommen und Gott wird weiterhelfen. Habe Dank für alle Deine treue Liebe , meine liebe Elisabeth. Pfingsten steht vor der Tür, aber hier ist ein Tag wie der andere. Wie schön war Pfingsten vor einem Jahr!

Italiens Eingreifen wird den Krieg verlängern, aber das Schicksal nicht wenden. Diese Narren schreien nach Krieg und wissen nicht, was Krieg heißt.

Liévin 22. Mai 1915

Meine heißgeliebte Elisabeth!

Es ist eine Freude und Beruhigung für mich, dass Du meinen Brief nun erhalten hast und ungefähr weißt, was sich hier zugetragen hat. Augenblicklich ist noch sehr viel Artilleriefeuer von beiden Seiten die Infanteriestürme haben allgemach aufgehört. Man kann wohl sagen, dass auch diese große französische Offensive unter schwersten Verlusten gescheitert ist. 30.000 bis 40.000 haben sie sicher gelassen und nichts Nennenswertes erreicht. Jetzt sind wir hier so stark, dass sie nicht mehr durchkommen. Wir aber, die wir die Stürme der vier bis sechsfach überlegenen Kräfte ausgehalten und abgewiesen haben bis Verstärkungen eintrafen, haben auch schrecklich gelitten und sind am Ende unserer Kräfte. Die 28. Division ist herausgezogen und durch die 117. ersetzt nur die 19. Pioniere sind geblieben. Von uns verlangt man eben Wunder.

Ich habe zehn zu sächsischen Auszeichnungen eingegeben, weil wir mit den Sachsen die Gräben wiedererobert haben, und zwanzig zu Eisernen Kreuzen. Die besten und schneidigsten Leute sind leider gefallen, leider viele Familienväter. Das ist wieder eine traurige Korrespondenz für mich. Und wie mag es da aussehen, wo meine Briefe hinkommen. All das Leid ist gar nicht auszudenken

Die Zivilbevölkerung in meinem Bezirk – ich bin ja leider auch Ortskommandant – hat sich während der Kämpfe außerordentlich frech betragen, gestohlen, Verwundete verhöhnt, sich an Gefangenentransporte gedrängelt usw. Ich habe aber jetzt aufgeräumt. Einen Teil habe ich abgeschoben, einen Teil tagelang in Keller gesperrt, ihnen die Passierscheine entzogen usw. Sie fürchten mich jetzt. Mir geht es so leidlich, wenn auch das Allgemeinbefinden nicht sonderlich ist, da man aus den Arbeiten und Aufregungen nicht herauskommt. Kopf und Magen sind nicht ganz in Schuß, auch ist das seelische Gleichgewicht reichlich gestört. Ich hoffe, mich aber wieder zu erholen. Jetzt kann ich jedenfalls nicht fort. Aus den Arbeiten vorn habe ich einen interessanten Auftrag, drei Fabrikschornsteine zu sprengen, die das ganze Gelände für die feindliche Artillerie markieren. Das machen wir gern.

Ich bin übrigens von der Infanterie zum „Zähringer Löwen mit Krone und Schwertern“ eingegeben, ob ich ihn bekomme, weiß ich nicht, jedenfalls dauert es mindestens ein Vierteljahr. Der Zähringer ist ein badischer Kriegsorden.

Das Eiserne Kreuz I. Klasse

Liévin, 29. Mai 1915

Das Telegramm, das ich gestern absenden wollte, ist nur bis zum Armee-Oberkommando gekommen. Von da kam es zurück, ich müsse dazu erst die Erlaubnis des Generalkommandos haben. Auf so viel Umständlichkeiten hin habe ich es dann lieber gelassen. Nun erfährst Du zum Verlobungstage die Verleihung der allerschönsten Auszeichnung wie zum Hochzeitstage damals vom Eisernen zweiter.

Welch merkwürdiges Zusammentreffen! Ich bin ja so unendlich glücklich und stolz, Du lieber Kerl, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen. Das Eiserne Kreuz 2. Klasse hat ja bei der schrecklich langen Kriegsdauer mehr oder weniger jeder Offizier bekommen, selbst Ärzte, Zahlmeister, Kriegsgerichtsräte, Geistliche. Aber die 1. Klasse erwirbt man sich nur vor dem Feinde, in blutigem Ringen, in großem, persönlichen Verdienst oder durch entscheidende Tätigkeit seiner Truppe, deren Führer es dann als Anerkennung für die ganze Truppe erhält. Nur das letztere trifft natürlich auf mich zu. Ich bin mir voll bewusst, wie wenig ich es selbst verdient habe, wie viel die unvergleichliche Tapferkeit, Zähigkeit und Todesmutigkeit meiner Kompanie zum Erfolg getan hat. Ich kann ja nur die Gedanken, die Anleitung und Überwachung geben, das andere ist Sache der Kompanie. Diesen Orden trage ich nun zum lebenden Gedächtnis an die furchtbaren und blutigen Maiwochen des Jahres 1915. Du und Mutter sowie meine Eltern, Ihr werdet ja sicher auch meine Freude von Herzen teilen, was wird der alte Herr stolz darauf sein. Das schöne Kästchen habe ich Dir heute früh schon geschickt. Das Kreuz ist auf der Rückseite glatt und ganz aus Silber, vorn aus schwarzem Eisen mit Krone, W und 1914. Nun könnt Ihr Euch am 3. Juni zusammentun und einen kräftigen Umtrunk halten.

Es geht mir schon bedeutend besser, das Fieber ist weg, nur noch etwas Husten. Dienstag melde ich mich gesund. So kann einem die Freude auf die Beine helfen.

An Urlaub kann ich natürlich erst denken, wenn hier wieder Ruhe eingekehrt ist. Es würde sonst so aussehen, als wolle ich mich nun schleunigst aus dem Staube machen, nachdem ich das Kreuz habe. Aber ausspannen muß ich eine Zeit, das sehe ich jetzt ein, sonst steht die Maschine eines Tages ganz still. Und dann heiraten wir, ja Liebling? Den Konsens habe ich jetzt hier, habe ihn mir vom Ersatzbataillon kommen lassen. Herrgott, wenn doch nun bloß bald der Krieg zu Ende wär’.

Die Loretohöhe (das ist die gängige Schreibweise) wurde nicht gehalten. Nach dieser Schlacht ist Loeper offensichtlich so sehr traumatisiert – ob mehr psychisch oder auch körperlich, ist nicht deutlich – dass eine lange Pause eintritt.

Erst ab Oktober 1915 meldet er sich wieder.

Das Internet hat manchmal gespenstische Überraschungen bereit.

Auf diesem Webportal „Denkmalprojekt, das sich von allen Arten der Kriegsverherrlichung distanziert, sondern der Ahnenforschung gewidmet ist, gibt es auch zu der Schlacht von Loreto eine Verlustliste. Auf ihr ist der Name Wilhelm Friedrich Loeper verzeichnet. Ich weiß, dass er dort nicht gefallen ist. Seine weitere Geschichte ist eine ganz andere.(Letzter Teil folgt)

Teil 1 Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5Teil 6Teil 7

11:56 17.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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