Fluch und Segen II

Frauen im Alter Ich dachte immer, eine Risikogruppe wäre ein Bergsteiger-Verein, der sich auf den Gipfel schleicht. Aber die Alten haben ihn erreicht, obwohl sie es gar nicht wollten
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Fluch und Segen II
Frau S.

Foto: Magda Geisler/Flickr (Public Domain)

Das ist die unermüdliche Frau S. hochbetagt, lange schon recht krank und mutig wie selten eine Person. Ebenso im Haus wohnt Frau P., die etwas älter ist als ich. Darunter wohnt eine Namensvetterin von mir, hoch in den 80ern und tapfer ihren Alltagsbesorgungen nachgehend. Und um die Ecke wohnt eine Dame, die mit einer Superdauerwellenfrisur, hochhackigen Schuhen, aber dennoch an einer Krücke gehend, der Straßenbahnhaltestelle zustrebt. Mein Mann, der sich auf dem Weg zum Einkaufen immer mal mit ihr unterhalten hat, sagte mir kürzlich, sie sei über 90, und ich wollte es kaum glauben. Ich sah sie öfter in Pankow vor einem Imbiss sitzend und schwatzend. Jetzt seltener wegen Corona. Und es wird jetzt auch schon recht herbstlich.

Kürzlich stürzten wir alten Damen, die sich noch nützlich machen wollten, auf die Möbelteile, die eine Nachbarin gerade geliefert bekommen hatte, und wollten helfen. Wir haben sie ziemlich verrückt gemacht, weil sie jetzt auf ihre Anlieferungsbretter und uns zugleich aufpassen musste. Hilfreich waren wir nicht, aber es war lustig.

Seltsam. Ältere Männer im Haus sehe ich viel seltener. Ich glaube, es gibt nur noch einen außer meinem Mann.

Und es gibt natürlich mich. Ich bin sieben Jahre jünger als mein Mann und war lange Zeit immer getröstet, weil er gut zugange war und noch ist. Wenngleich auch er das spürt, was man so „die Last der Jahre“ nennt.

Bei mir hält es sich – noch – in Grenzen.

Aber ich werde meist schon so halbwegs auf mein wahres Alter geschätzt. Bei meinem sonntäglichen Morgenspaziergang traf ich in Pankow kürzlich auf einen jungen Mann, der – restlos besoffen – versuchte, sein Fahrrad wieder aufzurichten, das dort rumlag. Er hatte eine Bierflasche irgendwo angeklemmt und ich wies ihn darauf hin, dass das ganze schöne Bier ausläuft. Er bückte sich, rettete den Rest und erklärte mir, wie das so ist mit jüngeren Leuten wie ihm, die doch auch mal was feiern wollen, und er wüsste nicht wieso und warum, aber er sei restlos hinüber. Ich tröstete ihn und meinte: „Das kenne ich, bei mir ist es nur schon eine Weile länger her mit den Besäufnissen“. Er sah mich freundlich an und meinte, auf seine trunken-verschwommene Weise nachdenklich: „Ja, bei ihnen war das vielleicht in den 70ern des vorigen Jahrhunderts? Kann das sein?“. „Ja, so ungefähr“, antwortete ich und ging dann meiner Wege. Immerhin hatte er das Fahrrad inzwischen wieder normal neben sich stehen und stützte sich darauf.

Auf dem Heimweg dachte ich nach: Wenn er gemeint hat, dass meine Partyzeiten in den 70ern lagen, dann hatte er schon so ungefähr richtig gerechnet. Jedenfalls sehe ich meinem Alter entsprechend aus – oder hatte der Suff ihm den Blick verklärt. Nee, glaube ich nicht. Ist schon o.k. so.

Der junge Mann gehörte zu der Art Betrunkener, die immer menschenfreundlicher und zutraulicher werden, je mehr Alkohol in ihnen fließt. Der war bestimmt ehrlich. Und dann fiel mein Blick gleich noch auf eine andere Mahnung:

Eingebetteter Medieninhalt

Die jungen Leute sind halt auch eine „Risikogruppe“. Es sind nur andere Gefahren, die auf sie lauern, wie das Foto zeigt, auf dem ich auch zu sehen bin.

11:47 19.10.2020
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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