Georg Schramm „Thomas Bernhard hätte geschossen“

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Letzte Vorstellung des Programms in der UdK

Der Konzertsaal der Universität der Künste war rappelvoll – die Akustiknicht toll und mit der Beleuchtung gab’s Probleme. Ohnehin war die UdK nur Gastgeberin für diese Unternehmung.

Es gehen halt in den Saal noch eine Menge Leute mehr hinein, als in die „Wühlmäuse“, wo Schramm ja eigentlich sein Programm vorführt und dort war es restlos ausverkauft.

Die bekannten Figuren tauchen auf

Er schlüpft – man kennt sie schon – in die bekannten Figuren:

Er hat da einen Stiftungsvertreter, der höchst schräge Programme für die Überführung von jungen Hartz IV-Empfängern in höchst produktive Mitglieder der Konsumgesellschaft hat.

Er grübelt als Oberst Sanftleben über den Krieg in Afghanistan herum und kommt u.a. zu dem beißenden Schluss: Dass der Arbeitstag eines Bundeswehrsoldaten mit seinem Ableben enden kann, liegt im Beruf begründet. Oder so ähnlich. Er meditiert – da ist der Wissenschaftler Gunnar Heinsohn im Hintergrund – über die hohe Geburtenrate in vielen arabischen Ländern und die Zunahme von Konflikten. Er hat auch allerlei geostrategische Überlegungen parat. Sehr schön seine Einlassung über die Bundeskanzlerin, die kürzlich Soldaten auszeichnete: Allein dies sei der Beweis, dass es sich um Krieg handelt, denn nur im Kriegsfall sei sie die oberste Herrin der Bundeswehr. Sonst wäre das eigentlich der Jung, der mit ziemlicher Verachtung gestraft wird.

Unerwünschte Aufklärung im Wartezimmer

Herrlich ist er als ein Aufklärer im Ärztewartezimmer: Da meditiert er über die Mafiastruktur der Kassenärztlichen Vereinigung und verschiedener anderer Gremien dieser Art und die Herstellung von Krankheiten mithilfe von Ärzten. Über die Pharmaindustrie ohnehin und über die Möglichkeiten, Pharmavertreter zu „erlegen“. Sehr makaber-traurige Anmerkungen machte er über die Verhältnisse in deutschen Pflegeheimen – da bleibt einem schon das Lachen im Halse stecken. Aber er sagt es eben.

Und er zitiert jenen Bericht einer Sonderkommission des Bundeskriminalamts: "Unser Gesundheitssystem ist systematisch korrupt und in den Händen der organisierten Kriminalität." Das ist kein Witz, das ist ja der Witz...

Querulierender Renter mit Wahrheitswert

Und dann gab er den bekannten querulierenden Rentner Dombrowski. Er tobte förmlich und der Saal mit ihm . Manches ging unter, weil die Leute gar nicht aufhörten zu jubeln. Es ist eine Stimmung in diesem Lande, die schreit nach dem Kabarett genauso wie er da gebrüllt hat– das muss man sagen. Und manchmal schlägt es ins Frösteln um, denn Schramm macht ja immer wieder bewusst, dass es nicht lustig ist, das alles.

Wenn er sich über die geschmacklosen Aktivitäten wohltätiger Kreise lustig macht, die Kartoffelsuppe mit Lachseinlage zur Unterstützung der „armen Neger in Afrika“ verteilen. Herrlich.

Mir war sehr wohl bei dieser Nummer, weil mir die offizielle „coolness“ in diesem Lande manchmal sehr auf den Wecker geht. Zorn ist eine produktive Kraft – coolness hat was Lähmendes. Manchmal wurde der Zorn bitter und das war noch besser. Ein Seismograph für die Stimmung im Lande. Die Leute lachen nicht nur, weil das lustig ist, sondern weil sie sich sagen: „So isses, verflucht noch mal.“ Dieses Land geht den Bach runter begleitet von den empörten und verzweifelten Beschimpfungen des Rentners Dombrowski.

Abseits öffentlich-rechtlicher Zwänge kann man auch mal ein bisschen subversiv über das Abschießen von Herrn Josef Ackermann von der Deutschen Bank nachdenken oder eine bissige Bemerkung über einen Märtyrer der Vergangenheit machen wie er es als hessischer Sozialdemokrat tut.Hans Martin Schleyer – was für ein mieser Kerl war das. Schramm erinnerte an dessen sehr aktive SS-Mitgliedschaft (der war kein kleiner Junge mehr damals). Er war nach dem Attentat gegen Reinhard Heydrich einer seiner Stellvertreter in Prag.

Seine Brachialdrohung, eventuell die Bundeswehr gegen Streikende einzusetzen. Und jetzt: Eine Ikone geworden.

Schramms Figuren – selbst der knackige, manchmal auch leicht besoffene Oberstleutnant Sanftleben – sind kleine Leute. Und das ist eine Welt, die mir ohnehin sehr vertraut ist. Sein Oberst meditiert an einer Stelle noch darüber, ob die deutschen Autofahrer wirklich die Menschenrechte vor die Benzinpreise setzen würden.

Wir kamen – als wir die Massenabfahrt der Automobile beobachteten – zu allerlei sehr skeptischen Überlegungen. Die höhere Mittelschicht – Der einstige Senatsbaudirektor Hans Stimmann war auch da – wie hört sie die beißenden Kritiken. Wie denkt sie, wenn er sich über FDP-Wähler belustigt?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, Schramm hat – drei Stunden lang – alles gegeben. Er war fertig am Ende, fix und...

Thomas Bernhard als Zugabe

Als Zugabe hörten wir endlich einen echten Thomas Bernhard, gelesen von Dieter Hildebrandt. Der handelte von einem Autor, der ein tolles Stück geschrieben hat, und sich bei der Premiere mit der MP an eine verdeckte Stelle setzt, um jeden abzuknallen, der an der falschen Stelle lacht. Es blieb niemand übrig, aber das Theater spielte unverdrossen weiter.

17:18 11.07.2009
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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