Gerechtigkeit und Gleichheit

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Das war abzusehen. Auch die Zeitgenossen aus dem politisch-akademischen Milieu fühlen sich herausgefordert, den epochalen Koalitionswechsel intellektuell zu durchdringen und zu begleiten.

Gestern zum Beispiel war es Herfried Münkler

www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/1005/feuilleton/0003/index.html

von der Humboldt-Uni mit einer Überlegung zum Thema SPD-Milieu und -Niedergang. Es bricht weg, das Milieu, die Unterschicht kämpft gar nicht mehr um den Aufstieg. Es hat sich im Untergeschoss „eingehaust“. Und die Mittelschicht will die Unterschicht nicht alimentieren, sondern setzt auf Steuersparmodelle. So sieht’s nämlich aus.

Heute kommt ein Soziologe namens Alexander Schuller bei Deutschlandradio www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1045548/

zu Wort und meditiert über die Frage, ob soziale Gerechtigkeit nicht eine Art von geistesgeschichtlichem Sündenfall ist.

Solch ein Satz kommt da zum Beispiel vor: Jedes mit jungen Afrikanern vollgepackte Ruderboot, das an der italienischen Küste landet, verlangt es, die in Europa gültige Theorie von sozialer Gerechtigkeit in die Praxis umzusetzen.“

Schwankende Ruderboote aus der falschen Richtung bringen alles ins Wanken. Sie wecken offensichtlich den Willen zur Bildung von geistigen Antikörpern gegen die Idee von menschlicher Solidarität.

Wenn man Alexander Schuller zuhört, dann ist der Keim des Elends schon bei Jean Jaques Rousseau und John Locke zu suchen. Sehr verkürzt meint er, dass in deren Vorstellungen von Rechten als gesellschaftlichen Verträgen schon der totalitäre Unterdrückungsstaat am Horizont aufscheine. So etwas konnte man in den letzten Jahren öfter lesen. In einschlägigen konservativen Blättern.

Ich will und kann das nicht widerlegen oder Stück für Stück zerpflücken, ich kann nur feststellen, dass ich den Braten rieche, den die auch riechen:

Egalité ist Igitt, taugt heute höchstens noch als Werbespruch für eine Klonfabrik. Soziale Gerechtigkeit ist eine totalitäre Illusion.

Wer will denn heute noch gleich sein. Um Himmelswillen, mit wem denn?Die „eingehausten“ Unterschichten legen sich – zwecks Unterscheidung - eine tätowierte Kennung zu. Elitär orientierte Eltern vermuten bei ihren zappligen Kindern hoffnungsvoll eine seltene Hochbegabung und nicht, die massenweise auftretende – den Zeiten und dem Schulsystem geschuldete - allgemeine Unruhe.

Man braucht Unterschiede, Unterschiede. Und man braucht Unterschichten – „eingehauste“, „zugezogene“ und beides in einem - damit so eine Art von geistigem Schichtkäse sich entwickelt und die Leute glauben, sie müssten sich in ihrer Schicht ordentlich eingraben, verteidigen und nicht das Verbindende suchen. Nicht zu anderen Schichten und nicht zu anderen Menschen.

Apropos Gleichheit: Ich wäre nicht gern so wie dieser fachidiotische Sarrazin, der von sich annimmt, er blickt über den Tellerrand und dabei sofort in das nächste Fettnäpfchen tritt. Nicht jeder Querkopf ist ein Querdenker.

Mir sind diese selbsternannten Vordenker alle ziemlich gleich – um nicht zu sagen wurscht. Schön wäre es, wenn es gleich wäre, woher jemand kommt in diesem Lande – ob von unten nach oben oder von draußen nach drinnen.

10:54 06.10.2009
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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