Magda
28.06.2011 | 16:54 19

Geschlechterdebatte im WZB

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Magda

Eine wissenschaftliche Veranstaltung war es nicht, zu der das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) eingeladen hatte. Aber – nachdem sich WTB-Präsidentin Jutta Allmendinger und Forschungsdirektor Jens Alber schon in den WZB-Nachrichten einen Schlagabtausch geliefert hatten, waren interessierte Akteurezur Frage ob die Geschlechterzugehörigkeit bei der Beurteilung von Ungleichheit noch eine wesentliche Kategorie ist , auf den Zug aufgesprungen. Z. B. Eckhard Kuhla vom Verein AGENS e.V., dem Gelegenheit gegeben war, ein Eingangsstatement abzugeben.

Kuhlas Klagen

Die anfängliche Verwunderung über diese Öffnung für AGENS e.V – der von Thomas Gesterkamp in seiner Untersuchung „Geschlechterkampf von rechts“ als reichlich konservativ eingeschätzt wurde, wich aber bald ziemlicher Gelassenheit. Denn Kuhla sprach zwar in moderatem Ton über nichts anderes als männliche Benachteiligungs-Befindlichkeiten, aber wirkliche Beleg dafür konnte er nachprüfbar nicht bieten. Was soll es denn bedeuten, wenn er meint, Männer verharrten in Schuldgefühlen statt eigene Interessen anzumelden. Was hat es auf sich mit dem „Schweigen der Männer“ oder dem „Mehltau“ auf der nach einem Reformprozess lechzenden Gesellschaft oder mit der Verhaltensstarre, die zu beobachten sei. Was es allerdings bedeutet, wenn die „junge“ Bundesministerin Schröder von ihm als progressiv belobigt und gegen die „alten Feministinnen“ in Stellung gebracht wird, kann man sich vorstellen. Sie hat ja endlich das „Gender-Kompetenz-Zentrums“ geschlossen, brav, brav.. Kuhlas Einlassungen trugen jenes Ressentiment, das in allen Internetforen zum Thema so deutlich zu spüren ist.

Fakten und Forschungen

Jutta Allmendinger beantwortete diese Einlassung mit nichts anderem als Fakten und Ergebnissen empirischer Erhebungen. Über die Umverteilung von Vollzeit- in Teilzeitstellen zu Ungunsten von Frauen, über die unveränderte schlechtere Einkommenssituation von Frauen, ihre Unterrepräsentanz in Führungspositionen usw. Nur ein interessantes Detail von vielen: Die Witwenrenten, welche Frauen im Westen beziehen, sind meist höher als die selbst erworbenen Rentenanwartschaften. Im Osten ist das reichlich anders. Da haben Männer und Frauen fast die gleichen Anwartschaften. Es ist einfach so, dass die „Verhaltensstarre“ eher bei denen liegt, die den Frauen Platz machen müssten, die nach wie vor ein stereotypes Frauenbild propagieren und „Gender“ als eine Teufelei ansehen.

Man kann sich darüber streiten, ob Frauen Teilzeitarbeit selbst „wollen“ oder ab sie das wollen, weil sie keine Kinderbetreuung für bestimmte Zeiten finden, ob ein GirlsDay wirklich immer effektiv ist, aber im Endeffekt ist das alles – pardon – pillepalle, der darüber hinwegtäuscht, dass Männer nicht befreit werden müssen, dass sie nicht vorwärts wollen, sondern eher wieder zurück zu alten Gewissheiten.

Was wollte Kelle?

Völlig uninteressant war die eingeladene Birgit Kelle von einem Verein namens „Frau 2000plus“, die sich gegen Kinderkrippen einsetzte und das Geld dafür lieber allen Müttern geben will. Und die nirgendwo eingeschränkte Wahlfreiheit für ihre Lebensentwürfe erkennen kann, weil das „Privatsache“ sei. Sogar Jens Alber, der seine Thesen vom Bedeutungsverlust der Geschlechterkategorie bei der Einschätzung von Ungleichheit wiederholte, widersprach ihr dabei mehrmals. Alber bestand aber darauf, den Fokus mehr auf die Zugehörigkeit zu bestimmten unterprivilegierten Schichten oder zu Migranten zu richten. Und er wandte sich gegen die Quote als obrigkeitsstaatliches Instrument. Dazu gabs dann aus dem engagierten Publikum auch entsprechende Repliken.

Amendts Thesen

Erschreckend fand ich Prof. Gerhard Amendt, Gründungsmitglied von AGENS, der mit seinen Thesen über Gewalt zwischen Männern und Frauen nicht überzeugen konnte. Dass er veränderte Mentalitäten statt Zahlen forderte oder konstatierte, mutete seltsam an. Immerhin ist er es doch, doch, der mit Zahlen und Statistiken nachweisen will, dass Gewalt in der Partnerschaft zu gleichen Teilen von beiden Geschlechtern ausgeht. Damit sich auseinander zu setzen wird einen extra Beitrag erforderlich machen. Sonst hielt er sich aus den Debatten ziemlich raus.

Monika Ebeling

Die abgewählte ehemaligen Gleichstellungsbeauftragte von Goslar, Monika Ebeling, plädierte für mehr Geschlechtergerechtigkeit, forderte eine „Modernisierung der Gleichstellungsarbeit und auch Evaluierung der entsprechenden Stellen. Dass Kuhlas Buch über Männerbefreiung eine Offenbarung für sie war, die sie zur AGENS-Mitgliedschaft bewogen hat, kann ja sein, aber das klärte nicht, warum gerade sie auf dem Podium saß, was später in der Diskussion Heike Gerstenberger, Gleichstellungsbeauftragte von Berlin-Pankow, nachfragte. Zur Modernisierung ihrer Arbeit erklärte Gerstenberger, es sei für sie ganz normal, dass sie mit Männern und Frauen zusammenarbeite.

Wie es weitergehen sollte, war zwar am Ende nicht geklärt, aber es wurde ziemlich klar, wie viel Ressentiment und – was das allgemeine Verhältnis zu Genderfragen, zu Genderforschung usw. betrifft – blanke Ignoranz und Unkenntnis die Debatte bestimmen. Am Ende machte Prof. Allmendinger noch mal deutlich, dass sie die Schärfe der Angriffe, denen sie im Vorfeld dieser Veranstaltung ausgesetzt war, so nicht erwartet hatte. Sie warnte vor einem Backlash, der mit reinen Befindlichkeitserklärungen einhergeht und weniger mit der Realiät zu tun hat.

War das nötig?

Ob es notwendig war AGENS e.V. die Tür zum WZB zu öffnen, ist eine Frage für sich. Es ist zu vermuten, dass Jens Alber mit seinem – schon im März in der FAZ veröffentlichten -Beitrag eine Debatte erzwingen wollte, die Jutta Allmendinger fair austragen wollte. Das Publikum hat das honoriert.

Dass eine kürzlich in Hannover von AGENS e.V. gemeinsam mit der Friedrich –Naumann-Stiftung angebotene Veranstaltung zum gleichen Thema wegen zu geringer Teilnehmerzahl abgesagt werden musste, sei hier nur am Rande bemerkt. Und natürlich wurde das den Feministinnen „angerechnet“. Deren Gegner versammelten sich vergangenes Wochenende in der Schweiz beim Antifeminismus-Treffen. Monika Ebeling war auch dabei.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (19)

Baphomed 28.06.2011 | 19:41

Hallo Magda,

wenn wir schon bei subjektivem Männlichen Befindlichkeiten sind sei hier noch eine angehängt. Seid bald 25 Jahren arbeite ich mit Menschen in Schwierigen Lebenssituationen Ehrenamtlich. Hierzu gehören auch Familien von Berufsunfall Opfern, beispielsweise Gerüstbauer die von selbigen abgestürzt sind. Das bedeutet Krankenhaus, Verlust des Arbeitsplatzes, Reha, ggf. Umschulung und so weiter. Meist dauern solche Phasen für eine Familie 5 – 7 Jahre. Vor 25 Jahre war es bei der Hälfte der Fälle so das es zu Trennungen der Familie kam meist mit der Begründung die Krankheit zerstört die ganze Familie. Ein grossteil der Männer damals in der Regel Alleinverdiener für die ganze Familie flüchteten oft ob Ihrer gefühlte Unfähigkeit die Familie zu ernähren in Alkohol oder Schmerzmittel Abhängigkeit.

Heute sieht die Situation erheblich besser aus. Durch die fast durchgängig vorhandene Doppelverdiener Tätigkeit haben die Frauen die Chance auch außerhalb Ihrer Familie neue Kraft zu tanken. Die Männer stehen unter einem viel geringeren Erfolgsdruck Ihre Familie auch in Krisen allein durch zu bringen. Die Quote der jetzt noch sich aufgrund der Unfall Folgen trennenden Ehefrauen ist nicht mehr erwähnenswert.

Ein zurück zu alten Geschlechter Rollen hätte heute katastrophale Folgen für die Unterschicht.

Liebe Grüße
Baphomed

Popkontext 28.06.2011 | 20:48

Danke für den Bericht!

Das könnte für mich übrigens allgemein eine gute Zusammenfassung des Status Quo in der Geschlechterdebatte sein. Ich dachte, Frau Allmerdinger wäre auf Angriffe auch emotional besser vorbereitet - aber sie hängt wahrscheinlich nicht so viel im Internet rum.

"aber es wurde ziemlich klar, wie viel Ressentiment und – was das allgemeine Verhältnis zu Genderfragen, zu Genderforschung usw. betrifft – blanke Ignoranz und Unkenntnis die Debatte bestimmen. Am Ende machte Prof. Allmendinger noch mal deutlich, dass sie die Schärfe der Angriffe, denen sie im Vorfeld dieser Veranstaltung ausgesetzt war, so nicht erwartet hatte. Sie warnte vor einem Backlash, der mit reinen Befindlichkeitserklärungen einhergeht und weniger mit der Realiät zu tun hat."

Nietzsche 2011 28.06.2011 | 23:48

Danke für den Bericht. Bin ja oft zu Podiumsdiskussionen im WZB, aber diesmal gabs noch eine bessere - ich weiß , ist relativ - Veranstaltung für mich. Aber ich kann mir jetzt ein gutes Bild vom Ablauf machen.
Dennoch, liebe Magda, stört mich der Eingangssatz: "Eine wissenschaftliche Veranstaltung war es nicht". Entscheiden jetzt Kolumnisten, was eine wissenschaftliche Veranstaltung ist? Ich hab eine Podiumsdiskussion im WZB mit Herrn Kolek erlebt, der alles andere als Seriosität ausstrahlt. Dennoch würde ich dem WZB deshalb nicht das Recht absprechen, wissenschaftlich zu debattieren.
Auch wenn bei diesem Thema immer Herz und Bauch mitreden werden.

Baphomed 29.06.2011 | 01:06

Hallo Nietzsche,

von einer Wissenschaftlichen Institution erwarte ich das Sie Wissenschaftlich arbeitet, aber nicht das Jede Podiumsdiskussion Wissenschaftlich zu seien hat.
Eine unwissenschftliche Podiumsdiskussion kann auch der beginn sein in bestimmte Richtungen zu forschen. Alles was ich bisher dazu gehört habe gibt es da durchaus viele ansätze daher auch mein Beispiel am anfang das auch keine Wissenschaftliche Grundlage hat aber meine Gefühlte meinung ist wie die einiger anderer in diesem Bereich langjährig tätige. Nur wirklich eine Wissenschaftliche aufarbeitung dazu gibt es halt nicht.

Liebe Grüße
Baphomed