Hohenschönhausen oder: Der Osten im Osten

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich sitze und blicke auf ein fantastisches Wolkenfeld, gemäldeartig, dramatisch grau-schwarz und darinnen die Lichter der jetzt wieder anfliegenden Flugzeuge. Ich blicke genau dorthin, wo ich heute auch schon mal war. Nach Hohenschönhausen nämlich. Man läuft über die Heinersdorfer Brücke und steigt in den X Bus, der einen in 20 Minuten zum Prerower Platz bringt. Dort gibt’s ein Einkaufscenter, woselbst ich nach einer blauen Weste sehen wollte. Das „Lindencenter“ ist immer gut besucht, weil es sonst wenig interessante Ecken gibt. Es steht an einer der Riesenkreuzungen mit Hochhausbebauung und davor stehen jene drei Häuser die ich von meinem Schreibtisch immer im Blick habe. Mir fiel der Busch-Vers ein, den ich manchmal innerlich repetiere, wenn ich das Fernglas in die Ferne richte: „Schön ist es auch anderswo und hier bin ich sowieso“. Nun war ich aber dort wo anderswo „hier“ ist – na ja man kann schon reichlich philosophisch werden.

Hohenschönhausen, das ist – wie Marzahn und noch mehr Hellersdorf – der Osten im Osten. Schwer zu erklären, aber der Umgangston zum Beispiel, den das Verkaufspersonal mit Kunden pflegt, hat was Typisches, etwas, das ich kenne und das sich gehalten hat, obwohl die Bedingungen dafür entschwunden sind.

Als ich in einem Laden eine ganz gute Weste erspäht hatte, wollte ich sofort bezahlen, aber die Verkäuferin trug mir auf, die Weste doch anzuprobieren, denn diese Teile fielen sehr „kastenförmig“ aus. „Na“, meinte sie, „auch wenn sie preiswert ist, „Sie wollen sich doch drinnen wohlfühlen, nicht wahr?“ Ich stimmte zu, besiegt von dieser Übermutter. Das Kleidungsstück aber passte sogar ganz prima und ich ging amüsiert von hinnen.

Dann wollte ich noch eine Flasche Wein kaufen. Diesen Wunsch erfüllte ich mir in einem Reformhaus, weil ich da noch eine Gesundheitsbrühe mitnehmen wollte und keine Lust mehr hatte, woanders rein zu gehen. Die junge Frau an der Kasse erklärte mir, dass diese Weinflasche ohne Pfand sei. Ich probierte ein Allerweltsnicken. Aber das genügte ihr nicht. Sie zeigte mir mit ihren gut manikürten Händen die Rechnung, „Ja, das sei hier extra ausgewiesen, dass diese Flasche keine Pfandflasche sei“. Es ist also wichtig für mich, zu wissen, dass keine Chance besteht, diese Flasche – wenn der Wein ausgetrunken ist – in dem Geschäft abzugeben und dafür Pfand zu verlangen. Wahrscheinlich geschieht dies andauernd in dieser Welt umlaufender Wertbons und Flaschen. Aber es war der Dame wichtig, dass ich das jetzt endgültig weiß und beherzige und nicht enttäuscht und entsetzt vor ihrem Tresen stehe, eines Tages mit der Flasche in der Hand.

Absorbiert von diesen Fragen stieg ich in die Straßenbahn. Drei Stationen später stieg eine ganze Berufsschulklasse ein. Die Mädchen fast alle sonnenbankgebräunt und in ununterbrochenem Gedankenaustausch. Kurz vorm S-Bahnhof Greifswalder Straße blieb die Straßenbahn stehen. Der Fahrer hatte Probleme mit den Türen. Zwar öffneten sie sich und schlossen sich, aber irgendwas war nicht so wie es sein soll. Er rannte die Wagen entlang mit gehetztem Blick, dann stieg er wieder in seine Kabine, aber er fuhr nicht an.

Das neben mir sitzende Mädchen, das mir andauernd seinen Zopf um die Ohren haute, diskutierte mit den anderen Umstehenden darüber, ob eine von ihnen, die ganz still geworden war, jetzt vor lauter Platzangst durchdreht. Die Türen waren inzwischen zu, aber die Bahn stand eisern. „Meine Güte“, dachte ich bei mir, „ es werden hier alle Debatten geführt, die in meiner Jugendzeit überhaupt nie zur Sprache gekommen wären, es sei denn, als Defizit oder als Problem, das sonst niemand hat“. Denn auch ich hatte mal Platzangst, was aber lange her ist. Unter all diesen Erörterungen fuhr endlich die Bahn wieder an und fuhr die wenigen Meter bis zum S-Bahnhof. Ich sprang raus und rannte nach der S-Bahn Richtung Birkenwerder, weil ich dann nicht noch einmal umsteigen muss.

Ich war im Besitz einer preiswerten Weste, einer Weinflasche, auf die kein Pfand erhoben wird und im außerdem noch im Besitz wichtiger Einsichten über Hohenschönhausen als Reservat DDR-archaischer Verhaltensweisen, über junge Mädchen und deren Umgang mit Klaustrophobie. Na, das ist doch was.

21:25 21.04.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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