Ich will Euch was erzählen - eine Blogger-Selbstermutigung

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das Internet: kulturbedrohender oder fruchtbarer Kommunikationsraum?

„Abtauchen in die Blogosphäre“ überschrieb die „Berliner Zeitung“

www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0630/medien/0038/index.html

einen Beitrag zum Medienforum NRW und hob – neben dem Verweis auf allgemeines Gejammer in der Branche und eine Heroisierung der Printmedien und Überlegungen zur Einbindung der Leser– besonders das BloggerBashing hervor, das auch bei dieser Veranstaltung eine Rolle spielte. Die Blogger sind nicht mehr so der umworbene oder diskutierte Aspekt. Im Umfeld von Printmedien sollen sie – wie es mir scheint –eher wieder Leser heißen. Ein bisschen Entschärfung oder Einordnung kann nicht schaden.

Mir Gelegenheit, noch mal über die eigene Intention für das Bloggen nachzudenken.

Eine Kindheitserinnerung

Als ich noch ein Kind war, ist einmal Folgendes passiert. Mein Bruder, dem ich damals auf Schritt und Tritt folgte, weil mir schien, als sei das Leben genau dort, wo er ist, und nicht in der Puppenstube, vor der ich saß, hatte sich mit einem Freund getroffen. Und - wie es so ist bei Kindern - ich erlebte, wie aus Freunden auf einmal erbitterte Feinde wurden, wie der eine mit Steinen nach dem anderen warf. Der andere war mein Bruder, wie der sich an die Stirn fasste und wie er da blutete.

Mein Bruder, der mich immer nur duldete, aber nicht wirklich mitspielen ließ, rannte in eine Richtung weg und ich in eine andere: Auf dem Wege erzählte ich allen Leuten, dass mein Bruder ein großes Loch in der Stirn hätte von einem Stein. Ich fand, diese Ungeheuerlichkeit sollte die Welt erfahren.

Die Leute - erinnere ich auch noch - lächelten mich an. Eine so brutale Neuigkeit und dann das. Vielleicht hatte ich mit meiner Aufgeregtheit das Elend verharmlost? Aber ich wollte es mitteilen.

Dem Bruder ist nichts weiter geschehen. Er kam heim, da blutete er schon nicht mehr. Mir aber blieb in Erinnerung: Mitteilungen und Neuigkeiten werden gern entgegen genommen. Vor allem, wenn sie auf interessante Weise verbreitet werden. Ob das der Ursprung meiner eigenen Lust am Journalismus war, weiß ich nicht, aber ich erlebe, dass die Erweiterung der Möglichkeiten des Internets mich erheblich in einer Haltung bestärkt hat, die mit dem Motto: „Ich will Euch was erzählen“ am besten beschrieben ist. Mal besser, mal schlechter.

Bildungsbürgerliche Verdikte

Und damit falle ich gleich in ein aktuelles bildungsbürgerliches Verdikt in diesem Lande.

"Die meisten Blogs sind Geschwätz," verriet der Sprachwissenschaftler Wolf Schneider dem „Tagesspiegel“.

www.tagesspiegel.de/medien/die-meisten-blogs-sind-geschwaetz/1814164.html

Dann aber würdigte er trotzdem an einem Beispiel das Twittern, weil die erzwungene Kürze zu "Verdichtungen" und zu interessanten neuen Formen führe. Im Klartext schien es ihm um etwas anderes zu gehen: Wenn schon die Sitten so verwildern, will der Wissenschaftler wenigstens dabei sein, einer von denen, die diesen ganzen Wildwuchs überblicken und ordentlich jäten und einordnen. Es mangelt nicht an Gärtnern in diesen Internet-Pflanzungen.

Außerdem scheint in diesem Deutschland das obrigkeitliche Zensoren seit vielen Jahren entbehren muss, das wechselseitige Zensieren ein beliebter Sport zu sein. Alle Menschen, die sich gern äußern, neigen dazu, die eigene verbale Hervorbringungen als brillant und unverzichtbar für den weiteren Bestand der menschlichen Gemeinschaft zu betrachten. Auch bei Experten ist das so.

Also warnt man und mahnt man ausufernd alle anderen Teilnehmer der Internet-Veranstaltung - mit wechselndem Tenor und bei eingeschaltetem Mahnungs-Tremolo - vor den Gefahren des Mediums – wie eben auch der erwähnte Sprachwissenschaftler.

Noch ein Beispiel für erziehungsbeflissene Warnungen: Ein pädagogisch beseelter Autor warnt mir aufgestelltem Zeigefinger vor dem Verlust der Stille, der Unfähigkeit, mit sich allein zu sein, die mit dem Gebrauch des Internets einhergehe. Von dieser Sorte sind einige Experten im Internet zu finden, die nachdrücklich und laut zur Stille mahnen wie der empfindliche Nachbar im Haus, der auch immer die Tür aufreißt und "Ruhe" brüllt.

jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/478609

Mit der Lawine dieser Zivilisationsklagen geht noch allerlei Bildungsgeröll mit zu Tal. Bei Alex Rühle von der Süddeutschen sind es Blaise Pascal und Michel Focault.

Von denen verstehe ich – Schande, Schande -nicht soviel Zitierfähiges, aber ich weiß - Dank des Internets - wer sie sind und kann mich darum zumindest mit der Frage beschäftigen, wem ich unbedingt„bildungsaneignungsbeflissen“ nähertreten sollte. Wenn ich eine Aufschneiderin wäre, könnte ich sogar Kenntnisreichtum vortäuschen. (Wird gern gemacht)

Faszinierende Erweiterung des eigenen Ichs

Meine erste Erfahrung mit dem Internet war das Empfinden einer unglaublichen, sehr faszinierenden Erweiterung meiner Möglichkeiten und meines Wissens - besser der Wissensmöglichkeiten. Eine Empfindung, die ich nicht mehr missen möchte.

Wenn man eine Grundbildung hat, eine Fähigkeit, halbwegs Seriosität von Scharlatanerie zu unterscheiden, ist das Internet nicht nur eine Informations- und Servicequelle, sondern eine hervorragende Bildungsquelle. Ich war mal - in einer kurzen Spanne meines Lebens - Dokumentarin und habe heute noch immer viel Freude, wenn ich im Internet, dank ausgeklügelter Abfragworte, am Ende doch noch die Dokumente, Sachverhalte oder Infos finde, die ich gesucht habe. Es klappt meist. Natürlich ist die Voraussetzung, dass sie vorhanden sind.

Ganze Vorträge habe ich dank des Wissens aus dem Netz schon zusammengestellt, alle Mühen, die sonst der Informationsbeschaffung dienten, kann ich jetzt auf ordentlicheFormulierungen verwenden. Dafür brauche ich dann auch Stille.

Später dann fand ich durch ein reichlich frequentiertes Literaturportal, eine Menge an Kontakten. Ich fetzte mich um etwas, was wir ein bisschen hochtrabend „Texte“ nannten. Manchmal waren es auch Texte, bei mir blieben es meist Mitteilungen, Meinungen, die auch Literarisches betrafen. Nicht immer objektiv, aber doch immer bewegt. Dann wollte man sich natürlich auch kennen lernen - einmal reiste ich ins ferne Frankfurt/Main um dort in einem Hotel in einem Doppelbett mit einer Dame zu nächtigen, mit der ich mich einige Wochen zuvor noch heftig gestritten hatte. Wir alarmierten einmal die Polizei einer Stadt, mühten uns um die realen Koordinaten einer Dame, die einen sehr bedrohlichen Selbstmordtext ins Netz gestellt hatte.

Zunehmendes Trollen

Immer mal wieder blieb die Literatur auf der Strecke. Das Trollen nahm zu. Vielleicht hat das den Betreiber der Seite bewogen, das Forum zu schließen. Ich denke aber eher, dass es die Furcht vor irgendwelchen juristischen Konsequenzen war, die zunehmende Besorgnis, für verlinkte Seiten juristisch mit verantwortlich zu sein. Die Disclaimer-Geschichte beendete die Lust am Experiment bzw. verstärkte beim Betreiber die Gleichgültigkeit gegenüber dem Treiben in seinem Forum, das uns so lange freie Hand gelassen hatte.

Heute denke ich manchmal, das war auch Ignoranz gegenüber einem Kulturgut, das es nirgendwo anders gab. Ich habe dort gelernt, die Erfahrungen und Urteile der anderen zu nutzen, damit ich dann in Ruhe und Stille was zustande bringe.

Internet kann Einsamkeit verringern

Was wollte ich jetzt eigentlich? Ach ja, ich wollte mich gegen die Behauptung wehren, die Menschen verlernten durch das Internet mit sich allein zu sein. Ihnen käme die Stille abhanden. Mir scheint, wenn mehr einsame Menschen – oft auch Ältere – noch mehr Möglichkeiten hätten, sich das Internet zu erschließen, wären sie weniger einsam. Medienkompetenz brauchen nicht nur junge Leute. Gerade auch Ältere brauchen sie und sie erwerben sie zunehmend, um eine Stille zu vertreiben, die sie dem Leben entfremdet.

Ermutigende Beiträge

Andere Internet-Theoretiker sind positiv auf genau diese Tendenz orientiert. So fand ich in jener „Süddeutschen“, die immer mal wieder so kritisch über das Netz schreiben lässt, auch einen ermutigenden Beitrag, der nicht so von der Netzhierarchie angeweht war, die sich jetzt beginnt durchzusetzen, nicht mit der arrogante Ablehnung menschlicher Mitteilungen, die einen selbst gerade mal nicht betreffen.

www.sueddeutsche.de/digital/2.220/internet-debatte-das-netz-ein-tal-vertrauter-fremder-1.956452

Allerdings beginnt auch dieser Beitrag mit entsprechend sauertöpfischen kritischen Anmerkungen.

Aber er verweist auf einen – wie anders – US-amerikanischen Autor, Steven Johson, der sich mit solchen Einordnungen von Geschwätz oder Flachsinn gar nicht aufhält. Das Netz lebt vom Interesse an anderen Menschen. Vom Austausch. Und das ist genau das, was auch mir restlos einleuchtet und worin für viele Leute der Reiz des Bloggens liegt. Wenn Menschen Fotos von Geburtstagsgästen ins Netz stellen, dann werden sie beim Betrachten zu „vertrauten Fremden“, die einem zwar nicht bekannt sind, deren Leben man aber kennt. Das sind neue Beziehungen, die die Privatheit durchbrechen und ein neues Verhältnis der Menschen zueinander begründen können, so Johnson.

Wenn es darum geht , dieses Verhältnis zu definieren, dann verlange das Publizieren von Privatem im Netz nach Antworten, die weiter reichen als die abfällig gemeinte Frage: Wen interessiert das?“, meint Johnson.

Erfreuliche Demokratisierungen

Manchmal frage ich mich, ob es mit meinen persönlichen Hintergründen zu tun hat, dass mir viele Verhaltensweisen, die an der Internet-Generation beklagt werden, so einleuchten. Mit meiner Lust am Erzählen, die aber – wie bei vielen –nicht bis nach Klagenfurth führt? Und mit der Freude an Demokratisierung nach den DDR-Erfahrungen?

Das Erzählen, das Internet, das Bloggen, das Mitteilen – mir gefällt es, aber ich fürchte, wenn ich nicht dauernd nach „Höherem strebe“ gehöre ich hierarchisch schon wieder zu jenen, die andauernd belehrt und ungebeten gewarnt werden.

Die Warnung, dass das Bloggen das Leben verdränge oder gar ersetze, geht völlig an mir vorbei. Es muss ja erst mal was passiert sein, in einem selbst oder im Leben bevor man es erzählen kann.

Bei mir ersetzt das Bloggen nicht das Leben. Es ist eher umgekehrt: Ich erzähle gern von meinem realen Leben. Es durchmischen sich hochinteressant immer das Reale mit dem Virtuellen. Und ergänzen sich aufs Beste und sehr gewinnbringend.

Neue kreative Impulse

Es erweitert meinen Lebenskreis und meine Erfahrungen - ich habe neue interessante Menschen getroffen, die versuchen allerlei Kreatives, bei dem ich gern dabei bin. Ich komme auch mehr herum zwischen den Generationen, was ich sehr schön finde. Und - ich komme mit einigen Beiträgen - auch ganz schön im Netz rum, wie ich kürzlich mal wieder festgestellt habe. Werde ein bisschen zitiert. Als einsame Bloggerin wird einem diese Aufmerksamkeit nicht zuteil. Man muss sich vernetzen, man muss eine Gemeinschaft finden.

Was ist die Freitags-Community

Ob die Freitags-Community diese Gemeinschaft ist? Manchmal habe ich meine Zweifel. Es sind zu viele Modelle über die Gemeinschaft im Hintergrund. Einer sieht – wie schon angemerkt - da einen Garten sprießen, den man pflegen muss. Das ist ein schönes Bild, dessen Umsetzung mir nicht ganz klar ist. Die Meritokratie – die Orientierung an den reinen Verdiensten – wie der Herausgeber das artikulierte, ist auch so eine Sache. Was sind Verdienste? Der schöne und gute Text, allein kann es nicht sein. Es gibt Blogger, die sich auch in anderer Weise in der Community „verdient“ machen, es gibt solche, die einen vielleicht guten, aber gerade nicht passenden Text bloggen oder einen, der ein schon mal behandeltes Thema aufgreift. Überhaupt die Orientierung an der „Belohnung“– auch Meritokratie ist ja am Ende eine Herrschaftsform - geht nicht auf. Ein lupenreiner Meritokrat zu sein, das ist doch auch eine höchst ironische Vorstellung. Und in kritischen Beiträgen zum Thema, die ich natürlich im Internet ergoogelt habe, meinen sachkundige Leute: Die Meritokratie sei eigentlich ein Sollzustand, aber wenn sie institutionalisiert wird, verkommt sie schnell zum Euphemismus für im Grunde oligarchische Systeme. Das erinnert mich sehr an den real existierenden Sozialismus.

Schwierige Beziehung: Redaktion und Community

Was die Verknüpfung Redaktion-Community betrifft: Naja. Ich habe gerade wieder gelernt, dass man, wenn man was journalistisch absetzen will, das vorher, der redaktionellen Planung folgend, beizeiten abliefern sollte und nicht auf Beachtung hoffend bloggen. Dann kann man weiter sehen. Man muss trennen zwischen Bloggen und Artikel schreiben.

Ich blogge wieder, obwohl es mir in letzter Zeit ziemlich vergällt worden ist. Hin und wieder auch mal über Politik.

Und nach wie vor gibt es dafür ein Motto, das ich ein bisschen abwandle von: „Ich will Euch was erzählen“ zu „Ich muss Euch was erzählen.“

19:57 06.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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