Magda
22.05.2010 | 17:59 41

Joachim Gaucks totalitäre Aufklärung

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Magda

www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/es_gibt_ein_richtiges_leben_im_falschen_1.5776051.html

Als Freund von Recht und Freiheit wurde er Antikommunist,
schreibt die NZZ im Vorspann des Interviews mit Joachim Gauck, das gerade erschienen ist. Ich dachte an Thomas Mann und seinen Ausspruch über den Antikommunismus, aber der ist gegenwärtig nicht opportun.

Joachim Güntner spricht in diesem langen Interview mit Gauck über den Verein www.gegen-vergessen.de/ "Gegen das Vergessen - für Demokratie", der Aufgabe, der er sich als Vorsitzender nach der Pensionierung als Chef der Stasi-Unterlagen-Behörte zugewandt hat. Gegen das Vergessen, gleich ob es mit dem Hitlerfaschismus zu tun hat oder mit dem DDR-Unrecht. Ganz im Sinne der "Totalitarismusdoktrin" werden die beiden deutschen Diktaturen in einen Anti-Vergessens-Sack gepackt. Die eine Diktatur guckt noch oben raus, die andere ist darunter noch vorhanden, sonst kriegt man den Sack nicht voll finanziert, aber oben ist das DDR-Unrecht.

Was die DDR betrifft, so scheint es hin und wieder, als ginge es weniger ums Vergessen, als darum, ordentlich einzuteilen, was vergessen werden soll und was nicht, damit man das gültige politische Glaubensbekenntnis unfallfrei aufsagen kann.

Vor allem aber ist Gauck ein anschaulicher Beweis dafür, dass die beiden Diktaturen nicht mit dem behaupteten gleichen Abstand betrachtet werden, sondern das ihre Gleichsetzung, der scheinbar objektive Umgang mit ihnen, immer eine merkwürdige Favorisierung und „Entschuldung“ der NS-Diktatur mit sich zu bringen scheint. So findet sich in Gaucks Parteinahme für ein deutsches Zentrum für Vertreibung auch der Satz von den Deutschen, die neurotisch auf der Größe ihrer Schuld beharren. Da hat er keinen Abstand, da ist er auch mehr für Vergessen. Hilfreich waren seine Worte einmal für einen CDU-Rechtsaußen namens Hohmann, der sich mit der angeblichen Verstrickung von Juden in kommunistische Machtausübung beschäftigt hat. Es war eine wirre Rede, aber in aller Wirrnis dann doch eindeutig.

Das - auch für den Interviewer - "befremdliche" Verhalten der Ostdeutschen erklärt Gauck so: "Eine Folge dessen, was die historische Wissenschaft als Phänomen der longue durée kennt. Im Westen währte die braune Diktatur 12 Jahre, im Osten aber kamen noch 44 rote Jahre dazu. Die Länge der Dauer von Ohnmacht spielt eine Rolle."
Aha, viel schlimmer als die braunen waren die roten Jahre danach. Sie haben verheerende Folgen in den Mentalitäten der Ostdeutschen gezeitigt. Diese Jahre haben die Ossis zivilgesellschaftsfremd gemacht, den Diskursen der Zeit ferm und überhaupt - verformt. Das war bitter, denn bis heute ist ihre Sicht auf die Vergangenheit - zivilitätsfern "verklärt". Sie vergessen falsch, sie erinnern falsch.

Dass man auch anders sein konnte in der DDR, das hat Joachim Gauck - wie es scheint - als Einziger vorgelebt, obwohl auch er nicht zum Helden geboren war. Er wählte die Kirche als Wirkungsbereich, weniger weil er ein frommer Mensch war, sondern, weil sie Schutz bot: "Aber es stimmt, der Entschluss zum Beispiel, Theologie zu studieren, basiert letztlich darauf, dass ich Kirche als einen Raum größerer Freiheit erfahren habe - und Christen als vertrauenswürdiger als die, die in meinem Land das Sagen hatten."

Die Kompromisse machten andere
Dass unter dem Dach der Kirche allerlei möglich war, ist sicher richtig, aber auch das hatte seinen Preis, den andere zu zahlen hatten durch Verhandlungen mit den "Mächtigen". Manfred Stolpe war so einer. Von denen aber hält sich Gauck fern, er will schon immer ganz in der Gegnerschaft der widerwärtigen Roten Macht gewesen sein.

Heute ist er dafür anderen "Mächten" recht nahe. So hat sich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten in NRW im Jahre 2005 gegen Gauck als Redner auf einer Gedenkveranstaltung in Dortmund-Bittermark gewandt. Unter anderen aus folgendem Grund:

Im April 1945 wurden in der Nähe von Gardelegen (Sachsen-Anhalt) von den NSDAP-Aktivisten Walter Biermann und Arno Brake gemeinsam mit weiteren Tätern über 1000 KZ-Häftlinge ermordet. Sie stammten aus den KZs Hannover -Stöcken und Mittelbau Dora.

Nach dem Einmarsch der US-Truppen floh der Haupttäter, NSDAP-Kreisleiter Gerhard Thiele, in die Bundesrepublik, wo er unter falschem Namen lebte. Erst nach seinem Tod gelang es einem Kriminalbeamten, Thieles Identität aufzudecken.

Walter Biermann und Arno Brake wurden im sächsischen Torgau zum Tode verurteilt, das Urteil wurde vollstreckt und sie sind anonym beerdigt worden.

Sie gehören zu jenen "Opfern", die Joachim Gauck im Jahre 2004 in einer Gedenkveranstaltung würdigte. Nachdem Anfang der neunziger Jahre in Torgau eine Gedenkstätte für die Opfer der Nazi-Militärjustiz geschaffen wurde, entstand eine Gedenkstätte auch für die nach 1945 eingesessenen Nazis, von denen eine Reihe wegen ihrer Verbrechen zum Tode verurteilt worden war. Das folgte der Logik des außerhalb Sachsens allgemein abgelehnten sächsischen Gedenkstättengesetzes und der Faschismus und Kommunismus gleichmachenden "Totalitarismustheorie". Er wurde eine Ausstellung für die Täter geschaffen, während die Ausstellung über die Opfer eingeschränkt wurde.

Der Vorsitzende der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, Ludwig Baumann, schrieb aus diesem Anlass an Joachim Gauck, den vorgesehenen Redner für die Eröffnung. "Diese Ausstellung ist für unsere Opfer eine Beleidigung,

Gauck ließ es sich jedoch nicht nehmen, dabei mitzuwirken, aus der Gedenkstätte für die Opfer der Wehrmachtsjustiz in Torgau eine Gedenkstätte auch für die NS-Täter zu machen. Er ehrte also damit auch Täter, die an Massenverbrechen kurz vor Kriegsende beteiligt waren, an sog. Kriegsendphasenmorden. An Untaten, die dem Massaker der Gestapo kurz vor Kriegsende in der Dortmunder Bittermark und im Rombergpark vergleichbar waren, so die Kritik der VVN/BdA Nordrhein-Westfalen.

Gaucks Abstand zur DDR-Macht war seiner Persönlichkeit sehr von Nutzen. Er findet dafür Worte, die was von dem Weihrauch haben, der jene umweht, die das Fass immer in die eigene Richtung schwenken.

Es dampft ordentlich: "Menschen können mehr, als sie selber denken. In der Distanz zum System entsteht eine Kraft. Du spürst plötzlich, dass du auch etwas bist, wenn du deinen Werten treu bleibst. Mag sein, dass du damit nicht aufsteigst in der Gesellschaft. Aber du bist in einer Weise bei dir, dass die anderen dich anschauen mit dem Gefühl: "Oh, der hat etwas." Und dann sind sie dankbar dafür, denn sie träumen davon, auch ein Ich zu sein."
Rumms, Mensch der Joachim Gauck. Mit anderen Worten: Eigentlich war er schon immer ein mündiger Bürger ohne Staat, eigentlich ein Wessi. Der war schon ein Ich, als wir noch nachgemurmelt haben "Vom Ich zum Wir". Das hat ihn so kompatibel gemacht mit der westlich-diskursfreudigen, ständig auf Autonomie achtenden Zivilgesellschaft. Für ihn ist das "Ende der Geschichte" erreicht, die Freiheit errungen. Jetzt kann man nur noch Aufarbeiten.
Dass seine Eltern beide Mitglieder der NSDAP waren, las ich in der NZZ zum ersten Mal. Sicher, sicher, das war nicht so gemeint, sie waren Mitläufer. Das konzediert er ihnen. Den Menschen in der DDR hält er ihr Mittun andauernd mahnend vor.

Aber auch für die Hartnäckigen im Osten wird es bald soweit sein, meint er. Seinen historischen Optimismus - die Entwicklung der Ossis betreffend - hat er gekonnt mit einer Prise Gift versetzt.: "Wir werden über ein anderes Ostdeutschland sprechen, wenn alle, die hier im Osten leben, durch eine Schule gelaufen sind, in der man Klassensprecherinnen wählte und nicht mehr FDJ-Sekretärinnen. Hat sich das rausgelebt, wird es anders sein."
Na, das war doch ein zierlicher Florett-Hieb. Wie, was? Mag er Merkel nicht oder will er ihr persönliches Erinnerungsvermögen ein bisschen auffrischen? Hat sie die falschen Dinge vergessen? Ich finde ja auch, Merkel sollte endlich mal ein öffentliches Schuldbekenntnis ablegen. Große Geister machen das. Albert Speer zum Beispiel, der hat da schon was vorgelegt oder die Hitler-Sekretärin. Das sollte sie auch machen und dann wird er sie in einer Festrede "Gegen das Vergessen" - ganz gleich was - mit warmen Worten bedenken.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (41)

goedzak 22.05.2010 | 20:17

Der Ich-Achim - mir tut er ja doch ein wenig leid. (Ja, auch deformierte Wir-Menschen wie ich sind in Ansätzen empathiefähig!) Schau mal, Magda, da hat er nun schon 70 Jahre gegen den Kommunismus gekämpft, muss mit ansehen, dass der immer noch in unseren Köpfen herumkrepelt, und wird den Endsieg über ihn allerhöchstwahrscheinlich nicht mehr erleben. Einziger Trost ist, dass es vielen Helden schon so erging.

SiebzehnterJuni 23.05.2010 | 01:31

Ich liebe Joachim Gauck seit ich ihn zum ersten Male gehört und gelesen habe.
Und ich verstehe, warum Gregor Gysi an keiner Talkshow teilnehmen will, an der Gauck teilnimmt.
Er ist durch seine Westkontakte zu DDR-Zeiten durch die Kirche auch einer der ganz wenigen, der sich in westdeutsche Seelen einfühlen kann. Das gelingt nur ganz wenigen. Merkel hat viel gelernt, aber ein Gefühl für westdeutsche Gefühle, z.b. zu 68er Zeiten, geht der vollkommen ab.

Ich bin dankbar dafür, dass uns Joachim Gauck geschenkt wurde, aber auch dass uns Gysi und mein lieber Lothar Bisky geschenkt wurde!!

luggi 23.05.2010 | 01:36

schon komisch, das Geschichtsbewusstsein der FC. Ein Kommentar. Woran liegt es? Fehlende Geschichtskenntnisse? Ist das Thema nicht brisant genug? Passt es nicht, dass Nazis sich dem "Unrechtstaat" DDR der Verantwortung entzogen?

Wenn es EINEN Legitimationsanspruch der DDR gibt, dann ist es der, das gegenüber Naziverbrechern Recht gesprochen wurde.

SiebzehnterJuni 23.05.2010 | 01:38

"..."Menschen können mehr, als sie selber denken. In der Distanz zum System entsteht eine Kraft. Du spürst plötzlich, dass du auch etwas bist, wenn du deinen Werten treu bleibst. Mag sein, dass du damit nicht aufsteigst in der Gesellschaft. Aber du bist in einer Weise bei dir, dass die anderen dich anschauen mit dem Gefühl: "Oh, der hat etwas." Und dann sind sie dankbar dafür, denn sie träumen davon, auch ein Ich zu sein...."

Gauck ist wie kaum ein anderer fähig, seinen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen.Und es empfinden und empfanden viele Menschen so!! Meine Frau schon mit 16 Jahren in Rumänien! Schon in dem Alter erwuchs ihr die Kraft aus der Distanz zum System. Sie wusste, sie kann in diesem System nicht leben, nicht Mensch sein. Sie wollte darum in den Westen.
Das heißt aber nicht, dass das Leben der anderen weniger bedeutsam war und ist, die so nicht empfanden und noch empfinden.

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damian-bold 23.05.2010 | 01:41

"Was die DDR betrifft, so scheint es hin und wieder, als ginge es weniger ums Vergessen, als darum, ordentlich einzuteilen, was vergessen werden soll und was nicht, damit man das gültige politische Glaubensbekenntnis unfallfrei aufsagen kann." So sagt es Magda schlüssig und zielzeigend. - Gauck-Behörde, die hört sich schon so an, wie sie wirklich sein sollte: Ein Aufklärungsinstitut über Gaucks. Gysi hat dazu gehandelt!

h.yuren 26.05.2010 | 00:51

daher die redewendung: der oder das geht jmdm. auf den zahn. z.b. der mensch, der sich nach dem historischen datum der vorwegnahme von Wir sind das Volk nickt.

die gauckler sind schon vor jahrhunderten als leichtfüßig betrachtet worden. warum sollte mensch sie plötzlich seriös nehmen?

null verständnis für das ossie-wessie-zeugs. aber wenn jemand mit dem segen der kürche gauckelte, wars bestimmt was mit einem heiligenschein drumrum.

die reinen teutonen scheuen vor keinem aufwand zurück, wenn es darum geht, ihren laden im licht des heiligenscheins dastehen zu lassen. das hast du noch einmal mit hübschen details garniert, magda. danke.

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uwejuergenness 06.06.2010 | 15:54

Wie kann eigentlich ein Staat, dessen Öffentlichkeit Hans Filbinger als CDU-Ministerpräsidenten von Ba.-Wü. duldete, ihm sogar noch vor einigen Jahren durch den GRÜNEN Oberbürgermeister Dieter Salomon die Ehrenbürgerschaft Freiburgs verlieh und der keinen einzigen NS-Richter zur Verantwortung jemals gezogen hat, sich überhaupt anmaßen, mit dem Gift der STASI Politik betreiben zu dürfen, so wie es Joachim Gauck und Marianne Birthler seit 20 Jahren tun?
Am Schlimmsten finde ich - wie auch im Beitrag von Magda - immer so die Gleichsetzung von so genanntem „III. Reich“ und DDR, wie sie auch in zahlreichen Äußerungen der CDUCSUFDP erfolgt. Demnach hatten wir von 1933 bis 1989 im Osten Deutschlands als Staatsform eine „Diktatur“. Eine tiefe Erkenntnis, mit der dann gleich beide politischen Systeme auf eine Stufe gestellt werden. Gleichzeitig impliziert diese Vermengung, dass beide in ihren Wesenszügen und Ausprägungen sich nicht erheblich voneinander unterscheiden würden. Da hängt selbst mir als Wessi mein fiktives Frühstück im Hals, wenn ich das höre und diese Gleichsetzung im amtlichen Protokoll des Bundestages lese. 200 Tote an der Mauer sind schlimm, bleiben schlimm und sind auch nicht wegzudiskutieren, aber sind sie gleichwertig mit 25 Millionen toten Russen und der industriell betriebenen Menschenvernichtung in Auschwitz?

Man kann und darf kein Menschenleben gegen ein anderes aufrechnen, aber wo bleiben eigentlich noch die Maßstäbe? Bewegte ich mich vom südbadischen Lörrach in Richtung Schweizer Grenze, überschritte ich diese nach Anruf durch die Schweizer Grenzpolizei trotz des von ihr artikulierten Verbotes und bliebe ich dann nicht stehen, bekäme ich noch heute vermutlich eine Kugel in Kopf oder Rücken. Das heißt jetzt nicht, den Schießbefehl an der Mauer zu rechtfertigen, aber man sollte die Kirche im Dorf lassen. Im Jahr 2008 werden am 3. Oktober massenhaft Kränze niedergelegt für die Toten an der innerdeutschen Grenze, während gleichzeitig die japanischen Touristen sich auf die Stelen des Holocaust-Mahnmahls setzen, ihre Curry-Wurst essen und Cola-Dosen stehen lassen.

Magda 06.06.2010 | 16:34

Lieber UweJuergenNess - danke für diese abwägenden Worte.
Mir gehts auch so: Wer würde diese Toten an der Mauer "rechtfertigen", aber es ist ebenso verwerflich, sie zu instrumentalisieren, um damit so viel Unrecht Mord Vernichtung irgendwie in den Hintergrund zu drücken.

"Bewegte ich mich vom südbadischen Lörrach in Richtung Schweizer Grenze, überschritte ich diese nach Anruf durch die Schweizer Grenzpolizei trotz des von ihr artikulierten Verbotes und bliebe ich dann nicht stehen, bekäme ich noch heute vermutlich eine Kugel in Kopf oder Rücken. "

Vor allem, wenn man geschleuste Ausländer vermutet. Wie gesagt, auch ich will nichts beschönigen, aber manches kann man zumindest versuchen, einzuordnen.

SiebzehnterJuni 06.06.2010 | 23:54

".....Bewegte ich mich vom südbadischen Lörrach in Richtung Schweizer Grenze, überschritte ich diese nach Anruf durch die Schweizer Grenzpolizei trotz des von ihr artikulierten Verbotes und bliebe ich dann nicht stehen, bekäme ich noch heute vermutlich eine Kugel in Kopf oder Rücken. Das heißt jetzt nicht, den Schießbefehl an der Mauer zu rechtfertigen, aber man sollte die Kirche im Dorf lassen...."

Hast Du eigentlich irgendwann in Deinem Leben die Mauer aus der Nähe gesehen, den gesamten Grenzstreifen durch das Land gesehen? Hast Du Dir irgendwann einmal die Schulungsfilme der DDR-Grenzpolizei, der NVA angesehen? Hast Du mal die Radioaktivitäts-Apparate gesehen, deinem bei der Passkontrolle unter den Wagen geschoben werden konnten? Fuchs hat seinen Krebs davon bekommen...

Oh Mann, mir wird schlecht, wenn ich Deinen Text lese!!

Der Vergleich DDR-Nazizeit ist absurd und unsäglich, aber der Vergleich des Mauerregimes mit der Schweiz?

Magda 07.06.2010 | 12:05

"Fuchs hat seinen Krebs davon bekommen..."

Das sind alles so Behauptungen, die man offensichtlich, wenn es um Stasi geht, überhaupt nicht mehr beweisen muss.
Es war aber - nebenbei - Fuchs, der in seinem Roman über die Stasi "Magdalena", Gauck ziemlich hart kritisiert. Er fragt da mal deutlich, was der denn vor der Wende gewagt hat. Und - er kritisiert die Arbeit der Behörde massiv.

"Oh Mann, mir wird schlecht, wenn ich Deinen Text lese!!"

Das ist höchst bedauerlich.
Mir scheint aber, lieber SiebzehnterJuni, dass Ihre Ressentiments immer nur aus irgendwelchen zusammengelesenen Beiträgen rühren. Nebenher: Ich rede immer gern mit Leuten auch über ostalgischen Anwandlungen, auch über Beschönigungsversuche, mit Ihnen aber nicht, weil Sie einerseits immer ihre guten Kontakte zu Leuten im Osten betonen, andererseits aber vor Ekel würgen, wenn es gerade mal nicht so in Ihren Kram passt.

Nickname 07.06.2010 | 16:05

"Wie gesagt, auch ich will nichts beschönigen"

Doch, wollen Sie. Und wenn Sie das wenigstens zugeben würden, wäre es eine diskutable Position (nicht, dass ich ihr zustimmen würde.)
So ist aber bloss eine Aussage nach dem Motto "Ich habe nichts gegen Ausländer, aber..."

Der Vergleich mit der Schweiz dagegen ist nicht nur verdruckst verharmlosend, da weiß man wenigstens, mit welcher Art von Nostalgie man es zu tun hat. Wieviel Tote auf die beschriebene Art und Weise gab es übrigens in letzter Zeit an der deutsch-schweizerischen Grenze?

Nickname 08.06.2010 | 11:11

"Wird es der übliche SED=NSDAP=LINKE=STASI-Vergleich? "

Wo wäre der üblich? Na, Sie werden es uns wissen lassen.

Die Nostalgie ist die Stimmungslage der Leute, die ernsthaft die Mauer mit fiktiven Erschießungen an der deutsch-schweizerischen Grenze vergleichen. Das riecht doch sehr nach "so schlimm war's auch nicht".

Im Übrigen krankt der ganze Anti-Gauck-Schwung hier daran, dass es eben nicht heißt, SED=NSDAP=LINKE=STASI zu sagen, wenn man die DDR in der gebührenden Deutlichkeit als das bezeichnet, was sie war: eine Diktatur. Insofern wird hier auf einen Pappkameraden geschossen - und der fällt, wie alle Pappkameraden leicht um.

Umgekehrt wird auch ein Schuh draus: Wer die NS-Zeit benutzt, um die DDR halb so schlimm zu finden, instrumentalisiert deren Opfer auch.

Nickname 08.06.2010 | 12:30

Für mich nicht. Als Konsequenz aus der Erfahrung DDR (Sozialismus der Prägung Lenin / Stalin / Post-Stalin) möchte ich mindestens die demokratischen Freiheitsrechte der "BRD" nicht angetastet wissen. Und finde die BRD auch in jeder Hinsicht der DDR vorzuziehen.

Das finden Sie wahrscheinlich nicht - diese Differenz wird heute hier, in Wahlen etc. ausgetragen. Und eben nicht vor Gericht und für (mindestens) einen von uns durch staatliche Verfolgung.

Das finde ich kein Instrumentalisieren der Opfer der DDR. Solche Opfer sollte es nämlich nicht mehr geben.

Und es ist doch wohl völlig selbstverständlich, dass es nie wieder Opfer geben darf, wie es sie unter und durch die Nazis gab. Das ist die Geschäftsgrundlage jeder Diskussion über diese Themen.

Magda 08.06.2010 | 12:34

@ SiebzehnterJuni -
Hier ein Link zu einer Rezension
www.zeit.de/1998/13/magdalena.txt.19980319.xml

Zitat daraus: "Und auch die Nummer eins im Amt, der Bundesbeauftragte Joachim Gauck, ist Jürgen Fuchs nicht recht geheuer. Zu sehr scheint er sich in seiner Rolle als oberster Aktenaufarbeiter zu gefallen. "Macht schmeckt mitunter", stichelt Fuchs. "Da steht man vor dem Spiegel und legt die Orden an. Und telefoniert oder läßt telefonieren: mit oder ohne, was sagt der Herr Staatssekretär, mit oder ohne beim nächsten Empfang. Ohne. Der Herr Staatssekretär lächelt. Der Herr Bundespräsident läßt grüßen." Gauck neigt zur Eitelkeit, trägt Seidenhemden und pflegt einen gravitätischen, mitunter öligen Charme. Und überhaupt: "Wie mutig war Gauck vor 1989?" Die Frage stellen heißt bei Jürgen Fuchs, sie schon beantwortet zu haben."

Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Von den politischen Ansichten Gaucks mal ganz zu schweigen. Da hat einer die Akten entdeckt als Chance eigener Machtillusionen, denn wirkliche Macht hatte er nicht. Hinter ihm stand der Stellvertreter aus dem Westen, Hansjörg Geiger. Und der wurde dann auch sehr schnell BND-Chef. Und das ist alles so in Ordnung?

Nickname 08.06.2010 | 12:58

"Was soll das? Wer will das schon."

OK, doof formuliert. Ich störte mich an der "BRD-Propaganda" bei Claudia.

"Die DDR dient doch nur noch als Buhmann, damit man genau diese Angriffe auf die Freiheitsrechte nicht bemerkt oder vernachlässigt."

Glaube ich nicht. Die DDR kann IMO schon deswegen kein "Buhmann" sein, weil sie eben wirklich eine Diktatur war und das nicht nur angehängt bekommt. Die Freiheitsrechte heute zu verteidigen hat damit wenig zu tun.

Magda 15.06.2010 | 19:33

Lieber mahung,
diese Geschichte geistert schon seit Anfang der 90er herum. Gauck hatte, weil sie ihn als IM anwerben wollten - es gab darüber sogar in der taz eine Veröffentlichung des Vorgesprächs - ziemlich viele Privilegien, die er genutzt hat, aber er hat sich am Ende nicht anwerben lassen. Und dann kam ja auch bald die Wende.

Das ist das eine und das ehrt ihn auch.
Die andere Seite ist ebenso wahr: Natürlich war Gauck ein angepasster, vorsichtiger Mann. Und auch das wäre nicht tragisch, wenn er nicht alle anderen Ossis als "angepasst" verunglimpfen würde.
Eigentlich war das Elternhaus von Merkel viel DDR-affiner, als Gaucks. Der Vater gehörte zu den linken Christen in der DDR, das hat ihr zu DDR-Zeiten sicherlich auch genützt, aber sie ist heute viel darum reichlich rechtskonservativ. Und da könnte sie sich eigentlich mit Gauck treffen, wenn er ihr nicht den "Spiegel der Anpassung" vorhalten würde.

Lafontaine - ich kenne nicht alles Details - sollte sich vorsehen, dass er nicht ungesicherte Sachen in die Welt setzt.

SiebzehnterJuni 15.06.2010 | 19:54

So weit ich weiß, gab es zwischen den Partnergemeinden der evangelischen Kirchen in Ost und West einen regelmäßigen Austausch.
Bei uns war in regelmäßigen Abständen ein Pfarrer aus Lutherstadt-Wittenberg Weihnachten zu Gast. Der sagte damals - soweit ich mich erinnere - er dürfe nur kommen, weil er Pfarrer sei, verheiratet sei und Kinder habe. Es alos quasi eine Garantie für seine Rückkehr gab. Später erfuhr ich im Landeskirchenamt in Bielefeld, dass die ev.Kirche in NRW ihrerseits noch gewisse Garantien für die Rückkehr gab - Nichtübernahme in eine Pfarrerstelle bei Verbleib im Westen !!!