Kinderheime II

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Auch ich habe eine „Heim-Vergangenheit, ich habe es schon einmal in einem Blog aufgegriffen.

Wenn mich nicht alles täuscht war ich zweimal im katholischen Kinderheim St. Gertrud in Leipzig-Engelsdorf. Meine Mutter war schwer krank, musste einmal monatelang im Krankenhaus liegen, anschließend nahm sie die Ärztin, mit der meine Mutter befreundet war, in ihrem Haus auf. Sie sollte strikt liegen und konnte uns deshalb nicht versorgen.

Ich erinnere mich dunkel, dass mein älterer Bruder bald in ein anderes, ebenfalls katholisches Kinderheim bei Leipzig kam, wo es ihm aber auch gut ging. Er wollte später gar nicht mehr nach Hause kommen, was auch seine Gründe hatte.

Ich blieb in Engelsdorf – erinnere mich an den großen Garten und ein kleines Schwimmbecken. Als ich ankam verschwanden meine eigenen Kleider, ich bekam aber keine Einheitskleidung, sondern sehr hübsche Kleidchen aus dem Heim, die hatten prima Westkontakte. Ich wurde – so hat es meine Mutter erzähltl – auf ein Schaukelpferd gesetzt und irgendwann war sie dann gegangen ohne dass ich das bemerkte. Genau erinnern kann ich mich noch, dass im Schlafsaal – wo wir mit 20 Mädchen lagen – ein blaues Licht brannte und eine Nonne dort Wachehielt. Ich hatte kein Taschentuch und wurde, weil ich ständig die Nase hochzog, ermahnt. Am nächsten Tag bekam ich ein entsprechendes Wäschestück in die Hand gedrückt. Ich hatte als Kind die Angewohnheit mich in den Schlaf zu „leiern“, also den Kopf andauernd hin und her zu bewegen – das sollte ich dort nicht tun . Ich weiß aber nicht, ob ich es mir dort abgewöhnt habe.

Ich war in dieser Zeit das, was man ein „liebes Kind“ nennt, pflegeleicht und wenig widerspenstig. In der Schule hatte ich auch keine Probleme. Ich freundete mich mit einem älteren Mädchen an, ich erinnere mich aber nicht an Genaueres. Nur, dass sie – eine Weile nachdem sie wieder aus dem Heim nach Hause kam - mich besuchte.

Ich spielte auch stundenlang gern ganz allein. Zum Beispiel schlitterte ich im Winter die schneebedeckten schrägen Wände des Schwimmbeckens herunter, und dann kletterte ich die paar Meter wieder hoch und wieder runter. Ich hatte schon als Kind eine Lust an der ständigen Wiederholung, mir hat das Gleichförmige Spaß gemacht. Hin und wieder jedenfalls.

Ich weiß auch noch, dass ein Mädchen aus dem Heim abends geröstete Haferflocken bekam, weil das gut gegen Bettnässen“ sei. Also muss es das Problem gegeben haben, aber es wurde kein Aufsehen darum gemacht. Ich weiß noch, dass ich keine Ziegenmilch mochte, die sie dort aus dem Stall holten. Niemand zwang mich, sie zu trinken, mir wurde immer feierlich versichert, dass in der Tasse Kuhmilch sei. Auch da keine Zwänge. Lästig war, dass wir Freitagsnachmitags schon ins Bett mussten. Wir wurden alle gebadet, das ging den ganzen Nachmittag und dann war eben Schlafenszeit. Die Sonne schien durch die Jalousie und wir durften nicht mehr raus. Es war dem Ablauf geschuldet.

Beim zweiten Heimaufenthalt erinnere ich mich noch an Sonntage, in denen ich auf eine Bodentreppe kletterte und vom Fenster auf die Straße blickte in der Hoffnung, dass meine Mutter dort unten geht und mich besuchen kommt. Das gab es auch, sie kam manchmal, aber lange lange Zeit nicht und ich blickte traurig von dort oben auf die leere Straße.

23:35 01.04.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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