Kleine Internet-Reminiszenz

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Text für einen Freudianer

Immer mal, wenn man sich im Netz herumtreibt, trifft man Leute, die einer bestimmten Denkrichtung oder - schule angehören.

Das kann interessant sein, aber auch furchtbar anstrengend oder lästig. Besonders kräfteverschleißend sind die Hobby-Freudianer. Die untersuchen jedes Posting und jede andere schriftliche Hervorbringung unter dem Aspekt der Lehre des „Wiener Würstchens“, wie der große Wissenschaftler mal in einem Hollywood-Streifen despektierlich genannt wurde.

So einen habe ich mal gekannt. Der erklärte auch mir immer alles und lotete dort Abgründe in mir aus, wo ich eher harmlose seelische Schlaglöcher diagnostizierte, er bohrte, bis er sie tief genug hatte.

Das war so einer, der sich in des Meisters großen Schuhen die Socken verschliss.

Nachdem es einen ellenlangen HickHack um die Frage gegeben hatte, ob ein Chirurg mit der Berufswahl seinen Sadismus sublimiert, habe ich einen kleinen Text geschrieben und ihm – seinen Nick verballhornend – Huffi genannt.

Der Chirurg und Huffi, der Herr der Unterwelt

Der Chirurg Dr. Alfred Knochenbrecher – ein ruhiger und besonnener Mann – stand gerade im OP über eine Patientin gebeugt und verschraubte ein künstliches Hüftgelenk, als er plötzlich ein Gefühl hatte, als tippe ihm jemand auf die Schulter.

„Was ist denn los“, fragte er, denn bis dahin war die Operation prima verlaufen. „Nichts“, antwortete eine Stimme, die er nicht zuordnen konnte. „Wie, was nichts?“, fragte er zurück.

„Ich bin der Herr der Unterwelt, Huffi ist mein Name. Ich bin hier, um Ihnen die Wahrheit über sich und die tieferen Ursachen für Ihre Entscheidung, Chirurg zu werden, zu sagen. Es wird jetzt Zeit, dass Sie Bescheid wissen". „Ja, wirklich?“, murmelte der Chirurg zerstreut, während er weiter an dem Knochen schraubte.

„Klar, Sie sublimieren damit ihren Sadismus, dass das mal klar ist. Jede Schraubendrehung – eine Sublimierung. Schon als Kind haben Sie den Fliegen die Beine ausgerissen und auch andere Tiere haben sie gequält. Der Puppe Ihrer Schwester haben Sie die Augen ausgestoßen, wissen Sie das nicht mehr?“ „Doch, doch“, antwortete der Professor versonnen, denn er war jetzt dabei, die feinmechanischen Bestandteile seiner Operation in Angriff zu nehmen. Als er fertig war, übergab er seinen Assistenten die Arbeit, schob sich den Mundschutz runter und verließ den OP. Hinter sich spürte er einen düsteren Schatten, der mit ihm aus der Tür ging. Der Schatten sagte nichts, während er sich am Waschbecken die Hände wusch.

Professor Knochenbrecher kam ins Grübeln. Es stimmte ja, in letzter Zeit hatte er andauernd merkwürdige Anfälle von Gelüsten, die ihn bis dato nicht heimgesucht hatten. So dachte er zum Beispiel darüber nach, was wohl los wäre, wenn er eine Patientin mal bei Bewusstsein operieren würde, was wohl geschähe, wenn er sie statt ihr ein künstliches Hüftgelenk zu verpassen, in eine eiserne Jungfrau presste. Bei der Beinoperation einer jüngeren Dame – es war ein Bruch zu vernageln – fühlte er mit Schrecken, dass er diese Nägel gern auch in andere Körperteile gehämmert hätte, wenn ihn nicht die dünne Decke der Zivilisation daran gehindert hätte, die er lästig spürte. Weil er die Nägel dann doch richtig applizierte fühlte er ein tiefes Unbehagen in der Kultur. Ihm war wie ohne Freud dabei.

„Hallo“ sprach „Huffi, der Herr der Unterwelt“, was grübeln Sie denn?“ Professor Knochenbrecher drehte sich um und blickte den Sprecher direkt an. Er erwartete eine dämonisches Gesicht zu sehen, eine abgründige Visage oder irgendeinen einen gespenstischen Anblick, wie ihn der Dichter schon oft beschrieben hat.

Aber seine Erwartungen wurden nicht erfüllt. Er blickte in ein Buchhaltergesicht, auf einen bebrillten Jüngling mit einem Notizblock in der Hand, der aussah, als wolle er sofort eine Bestellung ans Unbewusste aufnehmen, als rechne er kleinlich nach, welche Verdrängungsleistung heute am Professor zu verzeichnen war. Aber ein Professor ist eben kein Hochseedampfer, seine Verdrängungsleistung hat Grenzen.

Das muss der Grund gewesen sein, dass der Chirurg in Wut geriet und beschloss – jetzt an diesem Ort und an dieser Stelle – nichts mehr zu verdrängen. „Sie haben einen schwerwiegenden Haltungsschaden“, stellte er in Richtung des Bilanzfälscher-Mephistos fest. „Ja sicherlich“ antwortete das Jünglein mit einem Lächeln, das diabolisch sein sollte“. „Nichts da“, antwortete der Professor Knochenbrecher. „Sie haben keinen Hinkefuss“. „Wissen Sie was? Schon als Kind habe ich die Fliegen ja nur deshalb malträtiert, weil ich mich nicht getraut habe, die klassenbesten Besserwisser ordentlich zu verkloppen. Sie erinnern mich sehr stark an so ein Exemplar. Außerdem haben Sie einen Haltungsschaden, der nur durch das Streckbett zu beheben ist. Und während er so sprach, griff er sich den „Herrn der Unterwelt“ und stieß ihn vor sich her.

In einem Zimmer, wo sich die „schiefe Ebene“ - eine orthopädische Vorrichtung zur Behandlung von Wirbelsäulenverkrümmungen befand, warf er ihn auf das Gerät, schnallte ihn fest und stellte es so ein, dass der Herr der Unterwelt darauf lag und sich überhaupt nicht mehr rühren konnte ohne dass ihn die Riemen ordentlich ins Fleisch schnitten.

„Na“, donnerte der Professor, „jetzt ist mir besser. Ich habe meinem sadistischen Trieb wenigstens einmal nachgegeben.“

„Das ist ja gar nicht wahr“, lamentierte der junge Bleichwang, „ich hatte so gehofft, Sie befriedigen endlich meine unterdrückten masochistischen Wünsche, aber Sie, Sie......sind auch da nicht konsequent“.

„Doch, doch“ lächelte der Professor nun seinerseits diabolisch und blickte nach oben, wo ein scharfes Beil in einer Vorrichtung hing, der man das abgrundtief Morsche deutlich ansah. Bald würde der Zahn der Zeit es hinuntersausen lassen. Ich habe mich schon lange auf den Fall der Nichtverdrängung und unterlassenen Sublimierung vorbereitet, ha. Und deshalb weiß ich genau: „Hier kommt in den nächsten vierzehn Tagen niemand vorbei“.

20:37 19.03.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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