Kleines Lamento über den Wunsch zu schreiben

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(Von der Festplatte gerettet aus gegebenem Anlass)

Sowohl meine Arbeitsstelle als auch unsere Wohnung lagen so zentral, dass der Weg kurz war und ich auf vielen Wegen von Haus zu Haus gelangen konnte. Unterwegs - wenn ich an der Osloer Straße von der Straßenbahn in die U-Bahn wechselte, an der Schönhauser Allee auf die Straßenbahn wartete oder durch die Unterführungen am Alexanderplatz eilte - fiel mir Ingeborg Bachmanns Erzählung "Drei Wege zum See" ein. Mit ihr trat für mich eine Erzählweise ins Leben, die wie ein Echo auf die Fragen anmutete, die auftauchten, wenn in mir der Wunsch, selbst zu schreiben zu einer Art von leidenschaftlicher Sehnsucht anwuchs. Ihre Erscheinung war in meinen Augen die personifizierte Warnung vor solchen riskanten Abenteuern. In allen Aufnahmen, die ihre öffentlichen Auftritte dokumentieren, sieht sie stets so aus, als ginge sie in den nächsten fünf Minuten zugrunde am Elend der Welt und der eigenen Schutzlosigkeit.

Die Filmaufnahme von Ingeborg Bachmanns Lesung des Gedichts: "Erklär mir, Liebe" mit gebrochener Stimme und der durch die Möglichkeit des Scheiterns erzeugten Spannung scheint mir wie eine Mahnung. Oft wurde ihr vorgeworfen, sie inszeniere das nur. Das trifft aber nicht die Wahrheit. Seit ich sie so lesen sah, weiß ich, dass dies untrennbarer Bestandteil ihrer Arbeiten ist. Schreiben ist keine Kleinigkeit, die mit ein wenig Talent, ein wenig gutem Willen, ein wenig Fleiß und einem etwas größerem Ego zu bewältigen wäre, so scheint es mir. Es ist eine Selbstauslieferung. Und andauernd habe ich die Sorge, mein Inneres läge bloß, ich müsste jeden Tag neue Schutzwälle aufbauen, entschlösse ich mich, wirklich zu schreiben. Ist Leiden der Preis dafür dass Schreibende das Leben mit der Kunst betrügen? Ich weiß nur, dass es mehr Menschen gibt, die vorgeben an der Kunst zu leiden, als solche, die wirklich Kunst zustande bringen. Und meine Furcht vor Schreiben, die Furcht vor dem Erfinden und Finden von Abgründen, die ich vielleicht gar nicht finden will, begleitet mich schon mein ganzes Leben.

Etwas aus meinem Leben aufzuschreiben, damit es nicht der Vergessenheit anheim fällt, das kann ich ganz ordentlich. Tatsachen kolportieren, Bericht erstatten, das habe ich gelernt. Aber ich habe nie gewagt, allzu weit von dem abzuweichen, was das wirkliche Leben vorgibt. Die Illusion der Realität, der „ganzen Wahrheit“ ist eine verlässliche Stütze und verdeckt, was ich eigentlich sagen will. Was ich eigentlich sagen will aber verschwindet jedes Mal, wenn ich am Anfang einer Seite sitze. So kann ich nicht von dem Gedanken lassen, dass wirkliches Schreiben etwas von einer Opferhandlung hat und mit der Bereitschaft , sich auszusetzen. Man muss bezahlen, wenn man etwas schaffen will. Ich werfe mir vor, dass ich dieses Opfer nicht bringen will.

Vielleicht ist alles auch ganz anders - vielleicht bringen andere, die schreiben wollen, dieses Opfer voll Eifer und Freude, weil es für sie nur eines von vielen Hindernissen ist, das sie auf dem Weg zum eigenen unbeirrbar verfolgten Ziel überwinden müssen. Vielleicht machen sie daraus auch einen Bestandteil ihrer Kreativität wie die mir so eingeprägte Bachmann. Ich weiß es nicht, aber ich denke schriftlich lieber darüber nach, als vor einem leeren Bogen zu sitzen. Täte ich das nicht, müsste ich ja anfangen wirklich zu schreiben.

14:14 27.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

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seering | Community
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