Kommatrinken in Moskau

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ermutigt durch die Furore, die mein Wortscherz gemacht hat, setze ich die Community über Teile meiner erschrecklichen Vergangenheit in Kenntnis. Der Text ist auch schon mal verlesen worden vor interessierten Freundinnen. Und ist lustig.

Also seid geduldig - wegen der Länge und macht Euch den Spaß.

Kommatrinken in Moskau

Als wir in diesen Tagen im Licht der Kneipensonne unseren Erinnerungen nachhingen, fiel unser Blick auf einen Zeitungsartikel, der in der Überschrift das Wort "Komatrinken" führte.

"Du liebe Güte seufzte Ruth, "Saufen die jetzt schon Satzzeichen". Nee, korrigierte ich sie, nicht Kommatrinken, aber ist schon was dran an Deinem Gedanken, die saufen wirklich ohne Punkt und Komma bis sie in Ohnmacht fallen oder so". „So ein morbider Begriff - diese jungen Leute. Sie wollen zwar immer Spaß haben, aber ihre Wortwahl ist ziemlich freudlos“. „Na, irgendwie tief innen, wissen die, dass das alles kein Spaß mehr ist" steuerte Anne die Moral bei. Das sei ja auch eine merkwürdige Sitte, zu wetten, ab wann man das Bewußtsein verliert beim Saufen. Aber, mal ehrlich Kinder, haben wir nicht auch verrückte Sachen gemacht. "Stimmt meinte ich, aber nicht mit Alkohol in der Jugend". Meine Alkoholphase hatte ich viel später und Komatrinken kommt da sogar auch vor. Allerdings mehr so als Betriebsunfall.


"Erzähl",forderten meine Mittrinkerinnen und ihr Wunsch ist mir immer Befehl.


Diese Geschichte gehört zu den Anekdoten, die erst so richtig lustig sind, wenn man mindestens ein halbes Jahr zwischen sich und das wirkliche Erlebnis gebracht hat, so peinlich ist es wenn es wirklich passiert.

Es war in Moskau vor vielen Jahren. Vier Wochen war ich da mit einem wilden Haufen von Kolleginnen und Kollegen. Die gemeinsame Arbeit führte zur Paarbildung und es hatten sich schon einige gefunden. Ich fand auch einen sehr nett, aber weil ich daheim schwer verliebt war und er sich mit einer bildschönen russischen Dolmetscherin zusammengetan hatte, blieb es bei freundschaftlicher Sympathie. Wir gingen sogar manchmal zu dritt aus. Zum Beispiel ins "Metropol", wo auch der legendäre Rasputin schon gesoffen haben soll, wenn er im Moskau war. Und wenn Natascha nicht da war, dann redete der verliebte G. mit mir über sie und die Liebe. Das tat ihm gut, denn für ihn war wichtig dass der Liebeswahn sein einziges Rauscherlebnis blieb.


Die Leiden eines Alkoholikers


Gleich am ersten Tag beim ersten Restaurantbesuch erzählte mir G. dass er Alkoholiker sei und aus diesem Grunde überhaupt keinen Tropfen tränke. Ich meinte, er habe es dann wirklich schwer in Moskau, wo alles in Wodka schwimmt. Er meinte jedoch, er sei mit Kaffee ganz zufrieden und überhaupt sei alles besser, als diese Abhängigkeit.

Problematisch war für ihn immer, die von Hochnäsigkeit und Schwerfälligkeit gelähmten Kellner dazu zu bringen, ihm den ersten Kaffee vor dem Essen zu servieren. Irgendwie war das nicht vorgesehen im Plan. So bekamen wir gleich ein Beispiel für die Schwierigkeiten des damaligen Alltages. Wir mussten uns selbst beköstigen und einkaufen - eine anstrengende aufwändige Erfahrung. Bald hatten wir jedoch raus, dass man ohne großes Anstehn und zu jeder Zeit gute Fischkonserven, Lauchzwiebeln, Brot sowieso, Speck meistens, und Wodka immer bekam. Damit bestritten wir unsere herrlichsten Prasdniki. Wir sangen dabei - weil sich darauf alle verständigen konnten - immer eine Art Metro-Rundgesang: Ostoroshno, storoshno, storoshno - dweri sakrivajutsa. Was nichts anderes heißt als - Achtung die Türen schließen. Dieser Gesang steigerte sich im Laufe des Abends, je mehr Wodka den Weg in uns hinein gefunden hatte. So war das.


Pinkeln in der Natur


Wie die Sowjetmenschen sonst so gestrickt waren, erfuhren wir, wenn wir über Land fuhren. Mal waren die Busse nicht da, mal fehlte eine der damals noch dringend notwendigen Genehmigungen für eine Fahrt nach außerhalb. Mal hatte der Bus eine Panne. Irgendwann aber saßen wir im Fahrzeug, fuhren durch Moskau und irgendwann jubelte der Fahrer "poslednij svetovor" (Letzte Ampel) und dann begann der Überlebenskampf auf der Landstrasse.

Immer wieder kam der Moment, da der Busfahrer anhielt - in Waldstücken oder auf strauchbewachsenen Feldern - und uns zum Pinkeln raus ließ. Die Männer nach Osten, die Frauen nach Westen oder welches Prinzip immer da zur Anwendung kam. Man suchte sich also seine Stelle. So hockte ich mich über eine Feldfurche, blickte sinnend auf die Erde und fand, dass man in freier Natur immer eine andere Beziehung zur Bedürfnisbefriedigung hat als unter einem Dach. Ich fühlte mich hier mehr im Einklang mit mir als biologischem Wesen. Man teilte dies ja mit allen anderen, die auch irgendwo hockten. Erleichtert stieg man dann wieder in den Bus und fuhr der nächsten Kolchose entgegen oder zur nächsten kleineren Stadt.

So waren es anstrengende aber auch anregende Wochen.


Normale Kneipe gesucht


Was mir wirklich fehlte zum Glück, das war neben den großen für Touristen bestimmten Gaststätten eine normale Kneipe in der Nähe. Immer musste man bis in die Stadt, immer lange Wege. Als ich eines Tages aus der Metrostation stieg, fiel mein Blick überraschend auf eine Kneipentür, die ich bis dato nicht gesehen hatte. Es gingen nicht nur Saufbrüder, die man sonst an jeder Ecke traf, dort hinein, auch normale ordentliche Bürger überschritten die Schwelle. Ich traute mich allein trotzdem nicht hinein und ging deshalb missmutig zum Bus. G. kam mir entgegen, träumerischen Blickes ganz offensichtlich von einer Begegnung mit der schönen Natascha kommend. Freudig überrascht trat ich auf ihn zu und bat "Geh mit mir in die Kneipe". Er wachte kurz aus seinem Liebeswahn auf und schränkte ein „Nur, wenn die Kaffee haben". Sie hatten welchen, aber den gab es nur mit Kognak karaffenweise. Das war in Ordnung, denn so trank er tassenweise Kaffee und ich karaffenweise Kognak. Diese Karaffen – also ich weiß nicht - die waren für ein Viertel Wein gedacht und so leerte ich sie auch in Weingeschwinigkeit, dabei mit großem Interesse G.s Ausführungen über Natascha und die Liebe lauschend. Er redete euphorisch über seine Gefühle, ich wurde euphorisch vom Kognak. Irgendwann musste ich mal aufs Klo - immer schrecklich in sowjetischen Gefilden. Auf den Rückweg kam mir das Parkett wie eine schwankende Schiffsplanke vor. Ich erinnere mich weiter an einen Taxistand, an merkwürdige leichte Schläge auf meinen Kopf und dann an nichts mehr.

Alles versank in einem Traum. Ich träumte, wie ich im Bus sitze, wie ich ein dringendes Bedürfnis befriedigen muss, wie ich erleichtert höre, dass jetzt gleich Pinkelpause ist und der Busfahrer uns nach draußen bittet. Ich träume von der Feldfurche über die ich mich hocke und.....



Schreckliche Entgleisung


„Mensch, das kannst Du doch nicht machen", riss mich eine Stimme aus meinen Träumen. "Du kannst doch nicht auf den Teppich pinkeln", rief mir meine Zimmergenossin zu. Ich kam langsam zu mir und registrierte, dass ich in der Tat auf dem Boden hockte. Allerdings- und darauf bestand ich rechthaberisch - nicht auf den Teppich war ich im Begriff mich zu erleichtern, sondern zwischen die Kanten von zwei aufeinanderstoßenden Läufern hatte ich mich begeben, die als Feldfurche fungierten. Irgendwie muss der Pinkeltraum mein Verhalten beeinflusst haben. Noch rechtzeitig aber riss sie mich hoch und führte mich auf die Toilette. Ich tat was zu tun war und sank anschließend wieder in den komaartigen Schlaf aus dem ich erwacht war.


Schläge vom Klodeckel


Am nächsten Morgen lag ich sinnend im Bett. War das alles wirklich passiert oder war auch der Versuch zum Teppichpinkeln ein Alkohol-Koma-Traum gewesen? Leider, leider nicht. Meine Zimmerkollegin bestätigte mir, dass alles real war, was ich gern in die Gefilde des Traumes verwiesen hätte. „Und was waren denn das für merkwürdig leichte Schläge auf meinen Kopf?“, fragte ich“ oder habe ich wenigstens das geträumt?“. „Nee, das war der Klodeckel“, Du hast ganz schön gekotzt und irgendwie hast Du den Deckel dabei mehrmals abgekriegt, blau wie Du warst“. „Oh Gott“, seufzte ich und beschloss „sanitarnij djen“ abzuhalten, zu dösen, zu bereuen, zu fasten und zu beten und wenn das alles nichts half, mir das Leben zu nehmen. Als meine Kollegen am Nachmittag wiederkamen, lebte ich noch und fragte nach dem Rest der Geschichte. G. berichtete, er habe mich mühsamst vom Taxi ins Hotel gebracht, dort hätten die bei meinem Anblick gleich die Miliz holen wollen, er aber habe stimmgewaltig und in energischem russisch auf irgendeinen Schicksalsschlag plädiert, den er für mein weinerliches Gebrabbel und den Kognakgeruch verantwortlich machte. Es sei ihm gelungen, Strafmaßnahmen zu unterbinden, mich nach oben zu bringen und mich zusammen mit der verblüfften Mitbewohnerin ins Bett zu verfrachten. Immer wieder sei ich kleine Person ihm aus den Armen nach unten gerutscht, immer wieder hätte er mir gut zugeredet, mal einen Schritt allein zu versuchen und am Ende hätte ich versucht mich auch noch sängerisch zu entfalten mit „ostoroshno........na und so weiter“.


„Es ist schon ein Ding, meinte er“, dass ich, ein völlig trockener Alkoholiker, eine völlig besoffene Person wie Dich vor den sowjetischen Ordnungsorganen schützen und vielleicht vor der Miliz bewahren musste. Naja, aber auch ich hatte in meiner aktiven Zeit freundliche Kollegen, die mir aus der Patsche geholfen haben.“ Ich bedankte mich mehrmals bei ihm, wir mieden die Kaffee-Kognak-Kneipe und ich mäßigte mich reuevoll für den Rest des Aufenthalts. G. ist noch heute trocken, er hat sich jetzt sogar das Rauchen abgewöhnt. Ich auch, aber ich trinke hin und wieder gern einen. Das Schicksal ist hart. Die einen dürfen nie mehr trinken, ich bin – von kleinen Entgleisungen abgesehen – noch immer ganz gern am Tresen. Darauf wollen wir trinken.

Motto: „Aber, nie wieder Komatrinken: Na sdorovje“.

20:10 14.06.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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