Leibesvisitationen

Fronleichnam Es geht scheinbar sehr körperlich zu in der Gegenwart. Der Körper wird vermessen und optimiert, gestaltet und geschmückt bis zum Exzess
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Leibesvisitationen
Foto: Körperwelten, Andreas Rentz/Getty Images

Mit Piercings, Tattoos und Bemalungen aller Art und an allen Stellen wird der Körper gefeiert und überhöht. Bei den jungen nackten Frauen von „Femen“ fiel mir jüngst die Frage ein, ob die ihre Mitsteiterinen nach der „Protestfähigkeit“ der Körper aussuchen.

Beim Fronleichnamsfest geht es um den Leib. Ich erinnere mich an die religiösen Rituale in meiner Kindheit. Die Prozession schon war ein faszinierender und befremdlicher Anblick im atheistisch oder höchstens protestantischen Leipzig. Der Baldachin, unter dem die Monstranz umher getragen wurde, erschien mir wie ein kleines Karussell und der Rest wie eine Mummenschanzerei.

Es wird keine frohe Leiche gefeiert

Später, als ich katholisch eingeübt und belehrt wurde, erfuhr ich: Es wird keine frohe Leiche gefeiert, sondern der lebendige Körper, der wahrhaftige Leib und das wahrhaftige Blut Jesu Christi. Das ist einer der erzkatholischen Glaubenshintergründe. Der Körper ist immer richtig und blutig vorhanden, nicht symbolisch „verharmlost“ wie im Protestantischen. Alle Kreuzigungsdarstellungen verweisen brutal und realistisch bis obszön darauf.

Tröstlich oder erschreckend?

Ist diese Verkörperungsobsession nun ein tröstlicher oder ein erschreckender Glaubensinhalt? Ich bin mir nicht sicher. Aber alle wissen, wie „endlich“ der individuelle Körper ist. Die Religion stellt schon die richtigen und ängstigenden Fragen, aber die Antworten sind für viele Leute nicht befriedigend oder gar in die Irre führend.

Orgiastisches Abschiedsfest

Schon seit geraumer Zeit scheint es, als feiere der „natürliche“ Körper gerade ein höchst orgiastisches Abschiedsfest. Und nicht nur das, es ist, als sei die gesamte Körpervorstellung an ihr Ende gelangt. Nach außen sieht es anders aus, aber die Körperinszenierungen haben etwas von verstärkter Künstlichkeit und Unlebendigkeit und damit auch von Abstieg oder Abschied, fast von Verzweiflung. Was tritt an seine Stelle – etwas Überkörperliches, Virtuelles, ein „Cyborg“ oder ein Körper, bestehend aus den Ersatzteilen anderer Körper? Erweiterung oder Zusammenbruch? Der eigene Körper ein Fremdkörper? Die moderne Medizin wirft solche Fragen auf.


Leib meint mehr als reiner Körper

„Das Verschwinden des Leibes“ ist der Titel eines sehr anregender Essay von Linus Geisler, der meint, der Begriff „Leib“ sei mehr als reiner Körper, sondern umschließe Körper und Seele. „Leib sind wir, während wir den Körper nur haben.“, so einer seiner prägnanten Sätze.

Ich stieß auf seine Arbeiten, weil ich dieser Tage wieder Christa Wolfs „Leibhaftig“ gelesen habe. Darin schildert sie ihr Schweben - ein unerkannter Blinddarmdurchbruch ist die Ursache - zwischen Leben und Tod. Es ist der Leib, der auf die Brüche, die Konflikte und die Verwundungen der Seele so vehement reagiert, dass er seine Abwehrkraft verloren hat. Auch in ihrem letzten Tagebuch-Band „Ein Tag im Jahr 2001-2011“ verweist sie auf Linus Geisler und seine Überlegungen.

Nach einem historischen Exkurs kommt Geisler auf die christliche Leibesvorstellung zu sprechen: „Im Christentum ist der Leib ebenfalls mehr als reine Physis. Er wird spirituell und mystisch verstanden als das Ganze, das eigentliche Ich, die Person, wie es auch in der Abendmahlszene deutlich wird ("Dies ist mein Leib ...", Mk. 14. 22). Er steht aber auch allegorisch als Symbol für die Kirche, den Staat oder die Familie.“

Besorgte Blicke wirft er in die Zukunft: „Informationswissenschaften, Molekularbiologie und virtuelle Realität zeichnen Körperkonzepte, die bereits die Aufgabe des leiblichen Körpers signalisieren.“, schreibt er. „Die feministische Politologin Donna Haraway [7] schlägt in ihrem Essay über den postmodernen Körper vor, Frauen sollten sich als Cyborgs erleben, als synthetische Geschöpfe, bestehend aus kybernetischen Systemen und Organismen.“

Der Körper im Schwinden? Alle Bewahrungsbestrebungen, alle grellen Beschwörungs- und Optimierungsversuche können nicht darüber hinwegtäuschen: Er scheint immer anfechtbarer und verfügbarer der menschliche Körper, immer weniger „leiblich“, immer mehr Material.

Fronleichnam – ein vielleicht passender Tag, darüber nachzudenken, wie sehr alles gegenwärtig so im Unklaren, Ungeklärten und darum auch Unsicheren ist.

Nachsatz. Erst jetzt, da ich mich – aus aktuellem Interesse und Unbehagen - mit diesem Thema befasse, muss ich noch erklären, dass es darüber natürlich eine eine langandauernde philosophische, ethische und naturwissenschaftliche Debatte gibt. Im Grund schon seit der Mensch sich seiner bewusst wurde. In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war der Diskurs darüber mehr von Euphorie bestimmt, hatte etwas von Überwindung und Hinauswachsen und Gottgleich werden. Aber jetzt ist eine gesunde Skepsis eingekehrt.

Meine Idee war – angesichts des so befremdlichen Feiertages – einen Denkanstoß zu geben. Mehr wäre vermessen.

Was feiern die Katholiken an Fronleichnam http://www.ndr.de/kultur/kirche_im_ndr/fron100.html

Hier schon etwas ältere, aber sehr komplexe Überlegungen zu dem Themahttp://www.heise.de/tp/artikel/2/2025/1.html

Kultkörper und Körperkult – ist der Themenschwerpunkt der Internationalen Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik aus dem Jahr 2010 – sehr interessant und auch verständlich zu lesen.

http://www.izpp.de/34.html

Und in diesem Spezialheft auch ganz aktuell im Zusammenhang mit Körperkulten und –ritualen.

KÖRPER im KULT. Reflexionen über die „Reinheitsbestimmungen“ der Bibel

Dorothea Erbele-Küster

17:48 29.05.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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