Links die Burschen, rechts die Mädchen...

Sprache und Denken Das Interview mit Lann Hornscheidt erklärt noch einmal, worum es ihr geht. Aus dem Anlass einige Gedanken über das Spannende an der Sprachwissenschaft.
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https://www.freitag.de/autoren/rotebrezel/ich-haenge-nicht-an-der-x-form/

Schon vor vielen Jahren einmal hat ein Wissenschaftler zum Thema Sprache und Gender angemerkt: Mit der Geschlechtszuweisung sei irgendwie für die Menschen wohl eine ontologische Versicherung verbunden. Nicht ohne Grund gäbe es das Sprichwort: "Ich war so verwirrt, ich wusste nicht mehr ob ich Männlein oder Weiblein bin."

Das mag der Hintergrund sein für die Aufregung, die mit Professx Lann Hornscheidts sprachlichen Experimenten verbunden ist. Es soll alles bleiben wie es ist:

Links die Burschen rechts die Mädchen...um mal den Refrain aus einem DDR-Aufbaulied zu verwenden.

Ich erinnere mich gerade an meine eigenen Seminare in der allgemeinen und englischen Sprachwissenschaft.

Der US-amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, der heute weltweit bekannt ist durch seine Kritik an Neoliberalismus und Globalisierungspoltik war in den 60ern mit seiner generativen Transformationsgrammatik überall auf der Welt im philosophisch-linguistischen Diskurs. Befremdlich war er vielen, aber er bereicherte die Sprachwissenschaft, die damals am Beginn der Computerisierung der Welt neue Horizonne brauchte.

In den sechziger Jahren war z. B. Adam Schaff mit seiner kritisch betrachteten sehr angefeindeten Allgemeinen Semantik ein Gegenstand der Debatte.

Schon immer - schreibt er - seit Herder und Humboldt bis zur modernen Sprachtheorie - sei im Blick, dass die Form des Denkens mit der Form der Sprache zusammenhängt. Und er bezog sich auf semantogene Störungen und Erkrankungen, die mit einem entfremdenden Sprachgebrauch verbunden sind. Diese Erkenntnisse braucht man heute in der Therapie.

Vor über einem Jahr wurde des 100. Todestages des berühmten Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure gedacht.

Dessen "Cours de linguistique générale" war das Epochenwerk der Philologie. Und was war das für ein "verrückter" und exaltierter Mensch, der aber genau deshalb so anders an die Sprache heranging. Der eine der Grundlagen des Struturalismus schuf, auf dies sich später Claude Levi-Strauss berief. De Saussure experimentierte in viele Richtungen. Er hatte höchst obskure Ideen z. B. über das "Farbenhören" . Trotzdem ist sein Hauptwerk - eigentlich nur entstanden, weil Studenten die Mitschriften zusammentrugen und edierten - epochemachend und revolutionierte das Denken.

Und nun experimentiert eine Frau hierzulande mit der Sprache. Sie lässt sich, weil sie die Zusammenhänge zwischen Sprache und Denken und ihre Auswirkungen auf die Praxis ernst nimmt als Professx bezeichnen. Sie blickt sich um in der Welt, will eine Art Stolperstein errichten, der die Richtung ändern das Denken in andere Bahnen lenken und damit auch die Sicht auf die wirkliche Welt beeinflussen kann. Ob das gelingt, ob und wie man darüber diskutiert, das kann kritisch und offen sein, aber was passiert ihr?
Sie erntet einen geistfeindlichen, höchst barbarischen Hohn, der an finstere Zeiten erinnert. Weil sie - in der Sicht der feindseligen Öffentlichkeit - eine Frau zu sein oder zumindest eindeutig zu bleiben hat.

Wenn ich die Kommentare - überall im Netz und auch hier beim Freitag - lese, dann frage ich mich, wo es wenigstens eine gewisse innere Offenheit, ein Interesse und - wenn einem Themen fremd sind - innere Bereitschaft gibt, sich einem Thema zu nähern. Es wird richtig kalt und böse. Wo ist die Neugier, diese produktive menschliche Eigenschaft?

Ludwig Wittgenstein schreibt: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Es scheint, als seien hier Menschen in die Mauern verliebt, die sie um sich selbst gezogen haben.

Das oben verlinkte Lied geht weiter und der Refrain endet mit: "Und ich selber mittendrin".

So geht es vielleicht mehr Menschen als man denkt. Lann Hornscheidt verweist darauf - über das sprachliche Experiment - Sie ist damit genau "mittendrin" im wirklichen Leben.

11:14 27.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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