Lucky Man (Für einen alten Freund)

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He had white horses

And ladies by the score

All dressed in satin

And waiting by the door

Uhhhhhhhhhhhh, what a lucky man he was.


(Emerson Lake and Palmer)


Wenn ich diesen Titel höre, denke ich an einen Hinterhof in der Schliemannstrasse 8 oder war es die 10? Damals die verkommenste Gegend, die man sich denken kann. Dort wohnte mein Freund Ulli, d. h. eigentlich war er nicht mein Freund, sondern ein Rivale, ein ärgerlicher Mensch. Ein bisschen war er auch ein Lebensgefährte.


Er war schwul, er war hässlich wie die Nacht, was mich allerdings nicht störte, denn seine Art von Hässlichkeit hatte was Charaktervolles. Er hatte einen glasklaren Verstand. Aber er war nicht ganz bei Trost, weshalb ich ihm hin und wieder welchen spendete. Wieso es dazu kam weiß ich auch nicht mehr. Wir waren mal bei einer Party, die sein Bruder veranstaltet hatte, erst übrig- und dann zusammengeblieben. Ich hatte die ganze Nacht durch gesungen, besser gegrölt, aber gerade das hatte ihm imponiert. Wahrscheinlich fand er diese Art der Selbstentäußerung mutig, obwohl sie von keinem Stil gelenkt war. Und er war jemand, der auf Stil hielt, obwohl er ein höchst unordentlicher, liederlicher Zeitgenosse war. Es sah immer bei ihm aus, wie bei einem „Messie“. Die Küche war eine Katastrophe, der Gaskocher völlig verklebt, aber seine Schmorbraten waren trotzdem klasse. Man aß dann von stilvollen Tellern beleuchtet von Kerzen in stilvollen Leuchtern und mit stilvollen Servietten aber in einem ansonsten völlig verkramten Zimmer.


Ulli nahm mich hin und wieder mit auf seine Egotrips. Er liebte die Klassik und ich- damals jedenfalls - immer nur Popmusik. Plötzlich hatte er eine Schubert-Periode. Er hatte eine Aufnahme von „Die schöne Müllerin“ gesungen von Fritz Wunderlich und ich fand Schubert-Lieder auf einmal so einfach zu verstehen, so leicht war es ihnen nachzufühlen und so abgrundtief ins Herz schnitten mir die Töne: „Dein ist mein Herz, Dein ist mein Herz und soll es ewig, ewig bleiben“. Aber als ich ihm glücklich verkündet hatte, wie viel ich an Neuem und Schönem durch die Bekanntschaft mit dieser Musik gewonnen hatte, tat er so, als habe er diese musikalische Leidenschaft gerade überwunden, sei schon längst wieder einen Schritt voraus, als wolle er keinen Gleichklang, keine Übereinstimmung, sondern immer Reibung, Streit und lange Debatten, bei denen er immer siegte, denn ich hatte weder die Kenntnisse, noch die Kondition, mit ihm Schritt zu halten. Er veranstaltete – solange er seine Stereoanlage noch hatte – lange Abende mit Wagner-Opern. Den ganzen Tristan habe ich bei ihm gehört. Junge Freunde von ihm kamen dazu und nicht alle waren schwul. Es gab einige Affären, aber nichts von Dauer und so was störte unsere Beziehung nicht.

Bei Ullis egozentrischen Abgründen war der Verdacht begründet, dass er die Freundschaft mit mir auch deshalb hegte, weil ich unglaublich schnell Maschine schreiben konnte. Er schrieb gerade seine Diplomarbeit, was Dialektisches und über Hegel. Mehr habe ich nicht verstanden. Aber ich stritt mit ihm darüber, dass man nicht sagt: „Etwas sei genau umgedreht, sondern genau umgekehrt“. Einmal – wir waren ziemlich weit vorangekommen – stand ich am Fenster und blickte auf den Hinterhof. Zu sehen war nichts außer dem Vorderhaus mit seinen ungeputzten Fenstern, irgendwo spielten sie Emerson, Lake and Palmer „Lucky Man“. Diese Musik – mit Schubert und Wagner nicht vergleichbar – ging mir in die Seele, aber Uli ließ sie kalt. Ihm war das alles viel zu platt und trivial. Ich blieb bei meinem Gefühl.


An dem Abend, nachdem mir „Lucky Man“ so nahegegangen war, gingen wir noch einen trinken, in ein Broilerlokal an der Schönhauser. Er hatte wenig gegessen und – weil er Zahnschmerzen hatte – einige Schmerztabletten genommen. Das Bier gab ihm den Rest. Er klagte, ihm werde so komisch und draußen vor der Kneipe fiel er einfach um. Ich rannte zurück und ließ die SMH kommen. Die hielten ihn für besoffen und behandelten ihn verachtungsvoll-kumpelig. Als er wieder gehen konnte, kam er mit zu mir und ich half ihm über die Nacht. Die Zahnschmerzen verließen ihn.


Er war überhaupt anfällig für gesundheitliche Attacken.

Einmal hatte er höllisches Nasenbluten – an einem Sonntag – ich klapperte die Apotheken ab nach Watte, ich rief den Arzt und dann lag er getröstet bei mir, bis der Wattepropfen in der Nase seine Wirkung getan hatte. Sofort als es ihm besser ging, monologisierte er mit seiner albernen und kichrigen Stimme und war über irgendetwas unzufrieden oder im Zweifel oder so was. Er war sehr klug und bei mir ging die Liebe oft über das Reden – warum weiß ich nicht. Auf meine Art liebte ich ihn. Ich liebte ihn zumindest genug, dass ich seufzend eine der jungen Katzen zu mir nahm, mit denen ihn die seine beglückt hatte. Wir halfen uns wechselseitig bei der Katzenbetreuung. Einmal hatte er vorher gesagt, er sei nur eine Woche unterwegs, kam aber erst nach drei Wochen zurück, Gottseidank an dem Tag, an dem auch ich unbedingt verreisen musste.


Nicht nur wegen solcher Unzuverlässigkeiten gerieten wir manchmal in höllischen Streit. Eines Tages als ich bei ihm auftauchte – man erschien oft unangemeldet, weil es kein Telefon gab - hatte er außer einem gemeinsamen Freund auch noch Besuch von zwei Männern, die ich nicht kannte. Ich hatte sie bei einer Beratung unterbrochen. Ich trank das Glas Wein, das mir Ulli hingestellt hatte und hörte zu. Einer saß auf einem Hocker und guckte mich an wie ein Fisch, der andere klagte sein Leid. Der auf dem Hocker sei ein Pole und seine große Liebe. Er müsse bald wieder zurück in seine Heimat. Nur, wenn er verheiratet sei, bliebe ihm das erspart. Sie guckten mich alle an und ich fühlte mich ziemlich gedrängt. Um Zeit zu gewinnen sagte ich erst einmal, dass ich darüber nachdenken wollte.


Bald gingen die beiden wieder. Ulli und der gemeinsamer Freund fingen an, eine Hochzeit zu planen. Vor allem Ulli war in seinem Element.

Wie sie mich einkleiden wollen, selbstverständlich ganz in Weiß, und wie sie feiern wollen und was sie schenken wollen und das alles. Ich fing an zu heulen und zu schimpfen. Diese Schwulen seien ein egozentrisches, brutales Pack. Ulli konnte überhaupt nicht verstehen, was mich so erzürnt hatte, aber der Freund ahnte es. Heiraten sei ja nun mal was, was eine Frau sich anders vorstelle, denn als Inszenierung und mit der Aussicht auf eine Hochzeitsnacht in Einsamkeit.


Nicht bald danach verzankten wir uns endgültig. Es ging wieder um Schwulsein und über die Umstände, unter denen das manchmal ausgelebt wird. Ich fand diesen Verkehr auf öffentlichen Toiletten furchtbar und die Promiskuität und überhaupt. Ulli fand aber, das gehe mich nichts an. Und irgendwann fuhr ich mit dem Fahrrad wütend und heulend nach Hause.


Wieder eine Weile danach war er weg. Ich hörte über gemeinsame Bekannte, er sei über Bulgarien und Jugoslawien nach dem Westen geflüchtet. Das war Anfang der 80er Jahre.

Ich dachte oft an ihn und immer, wenn sie Lucky Man spielten, dachte ich an ihn. Wagner hörte ich kaum noch, aber viel Schubert.


Erst nach der Wende hörte ich wieder von ihm. Ich erfuhr, dass er ein Theater in Kreuzberg leitete, wo er auch wohnte. Der Mauerfall hat seinem Theaterunternehmen nicht gut getan. Das soziokulturelle Biotop Westberlin wurde nicht mehr gehegt, die öffentlichen Mittel flossen spärlicher und blieben irgendwann ganz aus.Aber von mir aus unternahm ich nichts, mit ihm in Verbindung zu treten.

Wir sahen uns erst bei einer Veranstaltung wieder. Er rauchte – was er sich in unserer gemeinsamen Zeit zu meiner großen Bewunderung- mühsam abgewöhnt hatte, erzählte von seiner publizistischen Arbeit und konstatierte verwundert, dass ich inzwischen geheiratet hatte.

Wir sollten uns mal treffen, schlug er vor, aber es kam nicht dazu und ich war mir auch nicht sicher, ob ich das überhaupt wollte. Bald nach diesem Treffen erfuhr ich von einer gemeinsamen Bekannten, dass er schon seit geraumer Zeit an Lungenkrebs litt und zur Behandlung im Krankenhaus war. Als er auf eigenen Wunsch nach Hause entlassen wurde, besuchten ich ihn zusammen mit zwei Freundinnen. Wir tranken in seiner von Requisiten und Utensilien aus dem ehemaligen Theater völlig zugestellten Wohnung den mitgebrachten Wein. Er meditierte – die Zigarette in einer Spitze rauchend – über die Bedeutung von Biokost und über die neuen Chemotherapien, die jetzt fast täglich entwickelt würden. Dann sagte er: Entweder bin ich in zwei Jahren tot oder geheilt. Und schlug wieder vor, dass wir uns mal treffen sollten.

Nicht lange danach kam er wieder ins Krankenhaus. Einmal besuchte ich ihn, aber es war ein Vierbettzimmer in der Charité und ich fühlte mich unwohl und hörte ihm nur zu, was ihn verwunderte. Jedenfalls fragte er, ob ich nicht was zu erzählen hätte, aber eben nur so allgemein, da fiel mir nichts ein.

Kurze Zeit danach rief er mich an – diesmal aus seiner Wohnung– und fragte mich, ob ich ihm Geld leihen könnte. Er habe eine Erbschaft zu erwarten, aber er brauche das Geld gleich für eine alternative Therapie. Ich hatte solche Beträge gar nicht, wie er sie benötigte und ich hätte sie ihm auch nicht gegeben. Ich ahnte die irrwitzige Hoffnung, die er mit so einer Therapie verband und legte rat- und hilflos auf.


Einige Tage darauf rief mich eine Freundin an und erzählte mir mit bewegter Stimme, dass er gestorben sei. Im Krankenhaus. Im Duschraum an einem Herzschlag. Die Beerdigung war in kleinem Kreise. Ich war nicht da. Ich war krank an dem Tag, hatte eine Grippe mit einem fürchterlichen Schnupfen, lag auf dem Sofa und hörte „Lucky Man“. Plötzlich bekam ich höllisches Nasenbluten.

15:59 04.08.2009
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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