Mauerbau und Stockholmsyndrom

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich bin keine stubenreine Katze

Lieber Joachim Petrick,

Du hast hier in diesem Beitrag das Stockholm Syndrom erwähnt. Mit dieser Einordnung machst Du alle DDR-Bürger zu kleinen Opfern. Danke dafür. Sehr weise und hochnäsig. Wie sehr mir das alles zum Hals raushängt habe ich schon niedergelegt.

Als die Mauer im Jahre 1989 fiel, sind sowohl mein Mann und ich sofort in Tränen ausgebrochen, statt zur nächsten Geldeinsammelstelle zu eilen. In den Wochen danach – ja sogar die ganzen nächsten Jahre – gab es zum Thema Staatssicherheit, Mauerbau, Grenzregime, Schießbefehl ständig und immer wieder Dokumentationen, Überlegungen, die vom Bemühen um Ehrlichkeit geprägt waren.

Die erste Empfindungen
waren Trauer und Kummer

Nix Stockholm-Syndrom. Wir alle waren uns einig, dass diese Mauer für die Menschen in der DDR eine unglaubliche Belastung, Zumutung und Ungeheuerlichkeit war. Etwas, das wir schon zu DDR-Zeiten gedacht haben, jenseits politischer Einordnungen. Fast jeder Ostberliner träumte hin und wieder, er sei im Westen oder in Grenznähe.

Es gab Trauer und es gab Kummer und es gab – angeregt von integren Leuten – Bemühungen gemeinsam Versöhnung zu schaffen. Und es ging ans Eingestehen von und ans "Bezahlen" für zu weit gegangene Anpassung. Es gab in dieser Zeit auch eine Angela Merkel, die gegenüber Günter Gaus einräumte, dass sie sicher auch opportunistisch war in ihrer DDR-Zeit. Sie hat – irgendwo habe ich das gelesen- später mal erklärt, man könne mit Leuten im Westen nicht ordentlich über diese Themen reden. Ich glaube ihr das. Die suchen sofort nach der Sollbruchstelle für die Skandalisierung und die Empörung.

Die DDR lachend
überwinden
Dann änderten sich die Zeiten, man fing an – zum Beispiel über den Film „Sonnenallee“ oder das Buch „Helden wie wir“ - sich von der DDR lachend zu befreien. Das aber sollte nicht sein. Denn die Vergangenheit in der DDR war – wie es in Fontanes Effi Briest heißt – ein Spuk im Haus, mit dem man die neuen Bewohner „in Ordnung“ halten konnte.

Wenn jemand nicht so wollte, wie es das juste milieu wollte, konnte man – wie bei Christa Wolf – jeden Menschen auf das reduzieren was er an Anpassung, Fehlbarkeit und Opportunismus geleistet hat. So leicht kriegt man Leute nicht wieder klein. So billig kann man sich nie wieder auf Kosten des Ostens als mündig, demokratieerfahren und weitläufig erleben. So einfach kriegt man Menschen nicht wieder zu neuem Opportunismus wie mit dieser Vergangenheitsknute.

Und so entstanden andere neue Strategien der öffentlichen Meinungsbildung, die sich entschlossen hatten, die DDR so zu dämonisieren bis am Ende – wie eine Historikerin kürzlich mal sarkastisch scherzte – rauskommt: An der Mauer sind Millionen Menschen gestorben und in Auschwitz hatten sie einen Schießbefehl. Man soll jetzt gefälligst – zwanzig Jahre sind vorbei – nach politischen Vorgaben und mit den politisch korrekten Vokabeln trauern, wie sich das gehört. Ich denke nicht daran.

Und noch etwas: Es gab in der DDR sehr aufrechte, sehr engagierte und leider auch manchmal sehr ohnmächtige Genossen, die ich – jenseits allen Opportunismus – als Vorbilder erlebt habe. Es gab eine völlig andere internationale Lage. Es gab eine Hoffnung in Ost und West. Es gab eine ungeheure Ernsthaftigkeit, die das Leben beschwerte, manchmal belastete, manchmal aber auch mit Bedeutung erfüllte, jenseits aller persönlichen Einschränkungen.

Ich habe in der DDR gelernt, Dinge einzuordnen. Denn wir konnten immer beide Seiten verfolgen. Etwas, was Deutschen-West offensichtlich nicht so geläufig ist. Wenn ich heute in den Kommentarspalten von Zeitungen Beiträge lesen, dann frage ich mich immer, warum die Menschen nachblöken, was man ihnen vorgibt, wenn sie doch so mündig und demokratieerfahren sind.

Ich pinkle gern
auf Teppiche

Kurzerhand langsam komme ich mir – wenn ich diese ganzen Erörterungen lese – vor, wie eine Katze, die von ihren wohlmeinenden Haltern immer wieder in die Scheiße gestoßen wird, weil sie noch immer nicht sauber ist. Ich fühle mich wie diese Katze. Und ich werde sofort trotzig: Ich pinkle sofort auf alle Teppiche. Auch auf die roten Teppiche einer verlogenen Wahrheitssuche.

Und gleich noch eins drauf: Weiß man eigentlich, wie viel Todesopfer das Beharren auf dem Motto: „Freie Fahrt für freie Bürger“, also der Verzicht auf ein Tempolimit in der Bundesrepublik gekostet hat? Tausende schätze ich.

Ja, ich weiß das ist alles, was ganz anderes.

09:58 07.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

Kommentare 249

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