Meinst Du die Russen ...

Ein Rückblick Das Verhältnis zur Sowjetunion war auch in der DDR nicht einheitlich. Kurze Erinnerungen und Überlegungen
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Im Herbst 1945 überquerte meine Mutter, die aus dem Zuchthaus Oslebshausen bei Bremen bis in den Schwarzwald gefahren war, um ihr fast dreijähriges Kind abzuholen, irgendwo in Thüringen wohl die Grenze zur sowjetischen Besatzungszone. Sie traf dort auf einen russischen Militärtransport und wollte mitreisen. Ich werde nie vergessen, wie sie davon erzählte: Dutzende Hände streckten sich aus, um ihr und dem Jungen ins Abteil zu helfen. Sie sei gut behandelt worden, irgendwann hätten sie auch versucht, sie "anzugraben", aber das habe der Offizier dann verhindert. Sie bekam am nächsten Haltepunkt eine warme Suppe für sich und ihr Kind und zog dann weiter in Richtung Leipzig, wo sie vor dem Krieg gewohnt hatte. Vielleicht half ihr auch die mitgeführte Bescheinigung als politischer Häftling – KZ-Schein genannt.

Vielleicht liegt es daran, dass in unserer kleinen vaterlosen Familie kein Hass, keine Abneigung gegen die sowjetischen Soldaten herrschte und meine Mutter – neben dem Londoner Rundfunk – auch Radio Moskau hörte. Einmal im Jahr bekamen wir von dort eine kitschig-glänzende Neujahrskarte „s novim godom“.

In der dritten Klasse pflegte ich eine – vom Russischlehrer vermittelte – Brieffreundschaft mit einem Mädchen namens Larissa. In welcher Stadt sie lebte, habe ich vergessen. Aber, ich glaube es war am Don .

Das Verhältnis zur Sowjetunion – und seinen vielen vielen Republiken und Völkerschaften – war in meiner Umgebung gespalten. Die einen lernten von ihren Eltern, dass es eigentlich zuerst die Amerikaner gewesen seien, die Leipzig befreit hatten, bevor die Russen dann im Zuge von Gebietsverhandlungen dort auf ihren Panjewagen einfuhren. Wir erfuhren in der Schule und zu Hause, dass die „Russen tapfere Soldaten waren. Und dies, obwohl meine Mutter sonst mit den sozialistischen Errungenschaften nicht viel am Hut hatte.

Die Kontakte zu Sowjetsoldaten waren sowieso immer nur sporadisch. An der Straßenbahnhaltestelle traf man oft die russischen Offiziersfrauen, die vom Einkauf zurück in die Kaserne fuhren. Junge Soldaten sah ich öfter in den Straßen, viel öfter als später in Berlin, wo deren Standorte weit draußen lagen. Einmal holte die Militärpolizei einen völlig betrunkenen Soldaten aus der Kneipe bei uns gegenüber. Bevor sie ihn auf ihren Wagen luden, schlugen sie ihn zusammen. Furchtbar war das.

Wir machten uns in der Schule lustig über die „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“, denn sie blieb ein lebloses Bekenntnis. Aber ich lernte gern russisch.

Später – in der Berufsschule – sang ich im Schulchor mit. Gemeinsam mit der Tanzgruppe traten wir auch vor russischen Soldaten auf. Die Begeisterung in dem restlos überfüllten Saal war unbeschreiblich. Ein merkwürdiger Laut erfüllte die Luft – sowas wie muuuuuuuuuu – hörte ich 'raus und erfuhr, dass sei der Gipfel der Freude und des Beifalls. Die Russen fuhren uns auch nach Hause. Mich und drei andere Mädchen setzten sie vor unserem Hause ab und wir riefen tschüs und do swidanija. Die beiden im Fahrerhaus antworteten fröhlich. Später hieß es im Haus: Ich sei mit einem gröhlenden Russenauto nach Hause gekommen, Gipfel der Verkommenheit.

In dem Betrieb, in dem ich lernte – damals einer der noch existierenden halbstaatlichen Unternehmen – kamen eines Tages Offiziere aus der nahegelegenen Kaserne und fragten, ob die Soldaten kurzfristig hier ein bisschen Geld verdienen könnten. Das „durften“ sie und ich sah sie – peinlich berührt – den Wagen des Chefs waschen, der breitbeinig dabei stand. Ein Bild, das mir merkwürdig in Erinnerung blieb, weil es mir nicht gefiel. Die Soldaten bekamen aber kein Geld, sondern ihre Arbeit wurde mit Farbe abgegolten, mit der sie den Kasernenzaun oder was weiß ich, streichen konnten.

Dass ich mich nach meinem Abendabitur an die Humboldt-Universität neben meinem Hauptfach Bibliothekswissenschaften auch für Slawistik und Anglistik bewarb, war mehr ein Zufall. Aber, immer mit viel Interesse verfolgte ich Filme aus der Sowjetunion, wenn in ihnen ein neuer Ton zu vernehmen war. "Die Kraniche ziehen", später "Ein Menschenschicksal", " Kalina Krasnaja" oder "Bahnhof für zwei".

Mir kamen diese Erinnerungen in den Sinn, weil ich denke, dass es in der DDR tatsächlich eine gespaltene Gesellschaft gab, was „die Russen“ betrifft. Wenn ich Joachim Gauck oder Werner Schulz – den Europa-Abgeordneten von Bündnis90/die Grünen – höre, da kommen eine Abneigung, ein Hass zum Vorschein, der sich nicht nur aus politischen Hintergründen speist. Der muss noch anderswo herkommen. Anders sehe ich es bei Angela Merkel, die ja auch einige Zeit in der Sowjetunion verbracht hat. Die hat – wie viele andere auch – einen pragmatischen Zugang. Schon deshalb wäre es gut, sie nutzte diesen Pragmatismus im Umgang mit Putins Russland. Vielleicht hat auch sie nicht vergessen, dass einst die Ukraine zur Sowjetunion gehörte. Ich selbst kriege das noch immer nicht ganz auseinander. Ich finde Putin manchmal so fürchterlich: Diese Taktiken, diese plötzliche Frömmelei mit der Russisch-Orthodoxen Kirche, dieser Populismus. Aber, er hat das Land zur Ruhe gebracht. Die Ukraine schlingert seit ihrer Unabhängikeit wie ein Schiff hin und her. Zwischen den Blöcken, zwischen den Oligarchien zwischen Selbstmitleid, Korruption und Chaos.

Wenn ich an Jewtuschenkos Verse „Meinst Du die Russen wollen Krieg?“ denke, dann würde ich auch gern die Ukrainer friedlich okkupieren, nur kurz und wenigens für diese Verse.

https://www.youtube.com/watch?v=3M4r-9eFtgk

Ich habe Furcht vor einem Krieg.

10:05 05.05.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

Kommentare 39

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