Meisterhafte Schräglage-Literatur

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Ihr Freitags-Lieben,

wie ich schon ankündigte, bin ich dabei Literatur-Promoterin zu werden.

Hier das erste Perlchen eines unentdeckten Talentes aus den Tiefen eines Internetforums, das mit ungefähr zehn Teilnehmern, von denen wahrscheinlich einer mindestens fünf Nicks hat, hochkarätig genug besetzt ist.

Seit Jahren versuche ich dort mit einem Text zu reüssieren, schrecke aber immer zurück, weil die dort erwartete Meisterschaft und - vor allem anderen - der schräge Geist nicht in mich hineinfahren will, der erforderlich ist um entsprechende Prosa zu verfertigen.

Wie es gemeint ist, soll der folgende Text demonstrieren.

Ich hoffe, man kömmt durch mit dem nöthigen Ernst.


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Der Thag der Bretterweihe

von SternOttakring

Um ein neues Leselämpchen zu erhalten - das letzte war bei einem Atelierfest entzweigesprungen, als der Aquarellist Hutschenreuther versuchte, damit sein Stillleben "Genosse Kirow beleuchtet die Jugend" nachzustellen, sprach ich im Brückenbauamt (Nähe Breitscheidtplatz) vor.

Vor mir warteten mehrere bärtige Männer in Trachtenjankern, die Bretter vor sich hielten, "um sie weihen zu lassen", wie sie mir mitteilten, heuthe sei der Thag der Bretterweihe, da sich Diakon Mälzel, der Einzige in der Behörde, der zu solchem Thun befähigt war, in der Kantine ebendieser gesichtet worden sei, in Amtstracht und dem berühmten Fässchen unterm Arm. Der ließ auch nicht lange auf sich warten, besah die Planken, drehte und wendete sie, beklopfte Vorder- und Rückseite und meinte: Nicht weihfähig. Die Hölzer sauer einlegen, in sechs Wochen wiederkommen.

Die waren sauer eingelegt! Genau nach Vorschrift, wie es gefordert wird im III. Buch des Holzes, murrte einer, doch Mälzel ließ sich auf keine Diskussionen ein, hob die Bittsteller der Reihe nach aufs Treppengeländer und abwärts ging die Reise.

Und nun zu Ihnen, werther Herr. Womith kann ich dienen? Obwohl ich nicht sicher war*, daß Ich in Hern Mälzel den Richtigen gefunden hatte, der mir weiterhelfen konnte, verwies ich auf die defekte Leuchte und erklärte kurz den Sachverhalt.

Oh, eine Wallandur Fümpftausend, mit grünem Schirm und Wurzelholzintarsien! Ein schönes Stück! bemerkte dieser, strich mit der Hand darüber und schon wuchs eine neue Birne anstelle der Entzweihen. 30 Watt - Osram matt, scherzte Herr Mälzel und überreichte mir mit herzlichem Lachen die nun Geheilte.

Ich bedankte mich und verließ das Amt, wobei mir eine Stimme nachrief: Sauer einlegen nicht vergessen, sonst hälts nicht lange! Kaum im Freien, warf ich die W 5000 ins nächste Gebüsch und strebte zum GH, um bei einem Pilsner über diesen Vorfall nachzusinnen, den ich eher für Blendwerk dunkler Mächte hielt denn solide Arbeith, wobei mir der Umstand Recht gab, nach dem Heimkommen den Diakon auf meinem Sofa vorzufinden, der eine W 5000 in seinen Armen wiegte und ein ums andre male ausrief: Sauer einlegen! Wo gibts denn sowas!

Auch schien mir, als ob die Leuchte Puppenkleider trüge und über einen Schlauch mit dem berühmten Fäßchens des Herrn Mälzel verbunden wäre, was mich an meinen Sinnen zweifeln ließ und bewog, mein Zimmer zu verlassen, um beim GH mit Edelbrand und kühlem Pils das Gleichgewicht der Säfte herzustellen und wieder festen Boden zu erlangen.

*Humperdinck hätte librettiert: Zweifel nagten an meiner Seele B.

09:44 21.12.2009
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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