Meuselwitz und Wolfgang Hilbig

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Ein nachgeholter Bericht

Anfang November 2009 – ich war zu Gast bei meiner Leipziger Freundin - sind wir nach Meuselwitz gefahren. Die kleine Stadt liegt ein ganzes Stück von Leipzig weg, deshalb war ich erfreut, dass der Freund meiner Freundin in Stimmung war, mit mir diesen Ausflug per Auto zu machen. Sie selbst hatte keine Zeit.

Es gibt so helle Herbsttage, in denen sich die Sonne noch einmal verschwendet und dies war so ein Tag. Wir durchfuhren im klaren-grellen Licht eine neue Autobahn, über die sich grandiose Brücken schwangen. Wir blickten auf die Fördergeräte, die dort wie Dinosaurier der Vergangenheit die Landschaft bewachen.

Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig, de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Hilbig ist in dieser kleinen Stadt zwischen Sachsen und Thüringen, im Kohlegebiet geboren.

Ihm galt eine kleine Ausstellung ausgerichtet vom Heimatmuseum in der Neugasse. „Man kann nur von dem schreiben, was man selber ist“ so ihr Motto.

Eine kleine Stadt -gebeutelt
vom Strukturwandel

Wir kamen beim Busbahnhof an, der – verwahrlost und verwaist –ein Gefühl der Trübheit und Verlorenheit erzeugt, das sich in der Stadt selbst wieder ein bisschen abschwächt. Es ist halt eine kleine Stadt, gebeutelt vom Strukturwandel, man geht eine bucklige von Fachwerkhäusern gesäumte Straße entlang zum Markt, der an diesem Tag gerade abgehalten wurde – es war dort bunt, es waren die üblichen Obststände und vietnamesischen Händler zu finden, alles ganz gemütlich.

Es hat sich nach der Wende so allerlei zum Besseren geändert, der Kohleabbau hat damals alles in Asche getaucht, es muss dort sehr grau ausgesehen haben noch bis 1989. Jetzt ist es besser für die Natur, die Menschen suchen Beschäftigung und versuchen zu leben.

Im Rathaus erfuhren wir, dass die betreffende Ausstellung an diesem Tage eigentlich erst am Nachmittag geöffnet hat. Wir sind aber doch zum Museum gegangen, weil dort auch das Bürgerbüro der Stadt seinen Sitz hat. Der Überredungskunst meines Begleiters, der sofort – so ist er eben - das Wort nahm und darauf hinwies, dass wir den weiten Weg von Berlin gemacht hätten (was gar nicht stimmte) und auch der Freundlichkeit der Angestellten war es zu verdanken, dass wir dann doch Zutritt erhielten.

Dokumente und ein ätzender Brief
über die Nationale Volksarmee

Die Ausstellung zeigt persönliche Dokumente von Wolfgang Hilbig, Personalausweise, eine Bewerbung für einen Job. Hilbigs Mitgliedschaft im Boxverein ist dokumentiert. Ein langer Brief an die Sportfreunde in Meuselwitz über seinen Dienst in der Armee ist voll ätzenden Hohns. Er stellt immer wieder fest, dass sich der Geist dieser Armee seit 1939 nicht geändert habe und zwischendurch erlaubt er sich ironische direkte Ansprachen an die Herren, die diesen Brief wahrscheinlich auch lesen. Die Armee war ja für viele junge Männer ein Abschied von den letzten eventuell noch vorhandenen Illusionen über die DDR. Bei ihm gab es zu der Zeit ganz sicher keine „Illusionen“ mehr.

Zwischen den Vitrinen mit den freundlich zusammengestellten Exponaten, Büchern, Manuskripten wanderten wir beide eine ganze Weile. Man hat sich bemüht, dem schwierigen Sohn dieser Stadt eine würdige Ausstellung zu gestalten, aber er ist immer ein Fremder geblieben ist, das wird über allem deutlich.

...“dass wir eine Begabung
in Ihnen vermuten“

Ich fand unter all den Schriften auch einen Brief, der mich ganz unvermittelt und direkt ansprang. Es ist eine freundlich verbrämte Ablehnung von Gedichten und stammt vom Union-Verlag Berlin. Dieser Union-Verlag gehörte der CDU-Ost, hatte einige ganz gute Editionen. Auch die Zeitung ,für die ich vor der Wende tätig war, gehörte zur VOB Union.

21. 10. 64

Sehr geehrter Herr Hilbig,

Sie haben mir Ihre Gedichte geschickt, und wir haben sie gelesen. Bitte nehmen Sie es uns nicht übel, wenn wir Ihnen sagen, dass keins der Gedichte die nötige Reife und das nötige Gewicht für eine Veröffentlichung hat.

Es gibt schöne Zeilen, so die letzten in "Des Stillen Frühe" oder die vierte im letzten Sonett. Es gib überraschende Wendungen und präzise Bilder. Es gibt ein deutliches Bemühen, sich nicht mit der abgegriffenen Umgangssprache zufrieden zu geben. sondern die Sprache auf neue Möglichkeiten hin anzustrengen. Aber, das alles sind erst Voraussetzungen für ein Gedicht und noch nicht das Gedicht selber.

Sie werden, da Sie sich offensichtlich ernsthaft damit herumschlagen, das in ein, zwei Jahren selber erkennen.

Das hauptsächliche Bedenken allerdings gilt dem von Ihnen angeschlagenen Thema. Hier handelt es sich ausschließlich um Klagen über gestörte Ich-Du-Beziehung und gelegentlich, darüber hinausgehend, um ein gegen die Umwelt, gegen die Gesellschaft gestelltes Einsamkeitsgefühl. Warum erwarten Sie nur Hilfe von außen? Sie stehen im Leben, im Beruf, also in der Gesellschaft. Warum wollen Sie nicht selber die Isolierung durchbrechen? Gibt es sie überhaupt? Oder wollen Sie an der Umwelt leiden, weil Sie ein solches Verhalten dichterisch für bedeutend halten?

Überlegen Sie sich das, überdenken Sie Ihre Position, versuchen Sie sich an Themen aus Ihrer täglichen realen Umwelt. Sie werden sehen, dass Ihnen die Menschen entgegenkommen, wenn Sie selbst nur mit Ernst und Neigung auf sie zugehen.

Zum Schluss sagen wir Ihnen gern, dass wir eine Begabung in Ihnen vermuten. Es ist vorerst nur eine Vermutung, es liegt an Ihnen, sie zur Gewissheit werden zu lassen. Wir sind neugierig, wie Sie in ein, zwei Jahren schreiben werden.

Unterschrieben hat den Brief

Johannes Bobrowski

damals Cheflektor beim Union Verlag Berlin

Ein Dokument, das zeigt, wie angepasst der Stil solch offizieller Briefe auch dann war, wenn jemand versucht, eine individuelle Meinung zu vermitteln. Bobrowski – selbst ein Großer - aber in seiner Lektorats-Funktion, in die Grenzen der DDR, verkleinert. Wenn man den Zeitpunkt betrachtet – ein Jahr vor dem berüchtigten „Kahlschlag-Plenum“ - wird klar, wie vorsichtig alle zu dieser Zeit schon waren.

Weil wir nun schon da waren, besichtigten wir auch noch den heimatlichen Teil des Museums, standen vor Brikett-Mustern und Bergmannsuniformen und nachgestalteten Wohnzimmern der Bergleute. Ich fand, dass das dazu gehört.

Trotzdem: Wolfgang Hilbig war und ist ein Fremder in dieser Stadt und doch untrennbar mit ihr verbunden.

"Ich glaube, ich bin einer von den Schriftstellern, die ewig an einem Thema hängen und nie glauben, das Thema bewältigen zu können. Die DDR und die Landschaft um Meuselwitz werden für mich unausrottbar vorhanden sein; ich habe ja geradezu fiebrige Wurzeln in diese schwarze Erde geschlagen. Man kann nur von dem schreiben, was man selber ist, was man gerochen, gesehen, geschmeckt hat, was man durchleiden mußte. Alles ist immer wieder in mir gegenwärtig. Natürlich werden es auch Themen aus meinem Leben in der Bundesrepublik sein. Aber auch sie werden durch meinen in der DDR mir zugefallenen Blick gebrochen sein."

(Wolfgang Hilbig 1990)

Bilder gibts hier.

picasaweb.google.de/madge1946/Meuselwitz?feat=directlink

11:29 29.03.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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