Nachschlag zum "Kleinen Mann"

Gabriele Wohmann Das Buch "Frühherbst in Badenweiler" wurde 1979 auch in der DDR verlegt. Mich hat es fasziniert, fast therapiert. Und ich kann nur ahnen, worin der Trost bestand.
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Die Debatte im Beitrag von Nils Markwardt ging mir nach. Deshalb noch eine Reflexion darüber.

Die im vergangenen Jahr verstorbene Schriftstellerin Gabriele Wohmann schrieb in ihrem Roman Frühherbst in Badenweiler aus dem Ende der 70er Jahre auch über den Kleinen Mann. Es war mitten in der Zeit, als der Arbeitgeberpräsident Hans Martin Schleyer entführt wird. Der Komponist Hubert Frey schreibt an das Finanzamt und bekundet seine Abwehr gegen die herrschenden Verhältnisse, die er nicht länger steuerlich unterstützen will.

... die laufenden Ereignisse lassen mich erkennen, dass ich den sogenannten Kleinen Mann und die Stimme des Volkes, Volk überhaupt und insgesamt , Gemeinschaft, Masse nicht ausstehen kann. Es ist der burschikose, selbstgerechte Mut zur Dummheit, diese fröhliche Entschlusskraft, die bestehenden Verhältnisse dumm-dreist stumpfsinnnig zu verteidigen. Es soll Ruhe im Land herrschen! Dem Kleinen Mann kommen jederzeit brutale Einfälle zur Verteidigung seines Kleingartens. Ich habe genug davon. Ich habe nichts zu tun damit. Ich halte den Kleinen Mann nicht für treuherzig.

Ich habe endlos gegrübelt, warum der Wohmann - mitten in der Terroristenhysterie jener Zeit - der "Kleine Mann" so bleischwer-boshaft in die Feder geraten ist.
War damals überhaupt die Zeit eines heraufbeschworenen Kleinen Mannes? War er eine Art Antipode zu den Terroristen oder zur Hysterie?

Das Buch selbst hat mich fasziniert, weil es so eine Ernsthaftigkeit im Umgang mit der eigenen Egomanie zum Thema hatte und zwischen Anpassung und Abwehr immerzu pendelt. Es ging auch um behauptete Individualität, die in der DDR damals begann eine größere Rolle zu spielen.

Ich zitiere mal aus meinem Blog zu dem Buch:

Ich dachte bei mir: So muss man sein, man sollte mehr Egomanie entwickeln, statt sich anzupassen, man sollte alle seine Neigungen, Überlegungen und Beweggründe genau befragen. Das war zu DDR-Zeiten ganz wichtig, schien mir. Dort waren –außer bei Christa Wolf – fast alle Helden auf die Veränderung der äußeren Welt aus. Bücher, in denen das Personal rebellierte, kamen zwar auch vor, aber das war dann auch immer ein Ausnahmetheater, war nicht der Alltag. Der DDR-Alltag wurde zu selten beschrieben und ich bin ein Alltagsmensch.

Hier war es mal anders. Von Anpassung ist in dem Buch oft die Rede: Der Komponist Hubert Frey will möglichst nirgendwo anecken. Etwas, das ich mir an mir selbst vorstellen kann, das aber heute immer nur im Zusammenhang mit dem Verhalten von Bürgern aus der DDR eine Rolle zu spielen scheint.

Jedenfalls ist die Art, wie der Kleine Mann damals von Wohmann verhandelt wurde, doch sehr ähnlich. Und die Abwehr gegen diese Figur war schon immer heftig und eindeutig.

10:33 25.05.2016
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Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
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