Nicht nur längs, auch quer

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vortrag des Paartherapeuten Prof. Dr. Willibald Wunsiedelzum Thema "Partnerschaft heute"

Sehr geehrte Damen und Herren ,

Sie wissen es, ich erfahre es schmerzlich, seitdem ich erlebe, welch geringen Erfolg ich bei der Therapie verzeichne: Die gute alte Ehe ist am Ende.

"So what"? höre ich Sie trendgemäß aufseufzen.

Nun gut, aber auch die Frage, was an ihre Stelle treten soll, trifft auf Stimmengewirr, in dem wir nur undeutliche Meinungsfetzen ausmachen können. Lebensabschnittspartner, Alleinerziehende, Ehepaare in offener Beziehung lebend. An Modellen mangelt es nicht, aber sie sind alle nicht recht befriedigend - es fehlt ihnen eine Dimension.

Mehrdimensional denken - Lebensabschnittspartnerschaft
und Lebenslagenpartnerschaft

Und da taucht es wieder auf, jenes Wort, mit dem einst ältere Damen ihre Handarbeit bezeichneten: Patchwork. Patchwork ist Trend - auch bei der Paarbildung. Wenn es aber ein gutes Muster geben soll, dann müssen wir das Eindimensionale überwinden und mehrdimensional denken. Wir dürfen nicht nur dem Gedanken der Lebensabschnittspartnerschaft aufgeschlossen gegenüberstehen, sondern auch einer Dimension, die ich als adäquate Ergänzung des Zeitachsengedankens betrachte. Es gab und gibt sie schon immer, aber niemand hat ihr bisher einen Namen gegeben. Ich nenne sie in Anlehnung an die Lebensabschnittspartnerschaft die Lebenslagenpartnerschaft. Männer und Frauen könnten doch neben dem einen Lebensabschnittspartner viele andere verschiedene Partnerinnen und Partner für die unterschiedlichsten Lebenslagen an sich binden.

Nehmen wir mal ein Beispiel. Herr S. hat eine gute und stabile Beziehung zu Fräulein M. Sie aber hat, wenn es ihn nach Sexualität drängt, meist ihre Tage oder ihre Knaus-Ogino-Tage oder ihre Migräne. Was tut Herr S.? Er ist kein Bordellgänger, es ist ihm auch zu kostspielig. Er könnte nun frustriert sein, aber er hat ja seine andere Lebenslagenpartnerin, zu der er sexuell ausweichen kann.

Oder Fräulein M. sucht neben ihrem sexuell aktiven Freund einen, der Ausdauersport mit ihr betreibt, sie lobt und aufbaut, wenn sie gut war im Langlauf, jedoch auch einem Quickie abseits der Strecke nicht abgeneigt ist.

Oder nehmen wir Fräulein N. Sie hat neben ihrem Lebenslagenpartner V., dem sie sich immer nur zuwendet, wenn sie die romantische Version von Liebe bevorzugt, auch noch einen Partner für alle Tage. Das heißt, er kann kochen und teilt überhaupt mit ihr des trivialen Lebens Niederungen und das schon seit einem ziemlich langen Lebensabschnitt.

Ich fasse zusammen: Die vertikalen Lebensabschnittspartnerschaften könnten bedeutend durch diese horizontalen Lebenslagenpartnerschaften stabilisiert werden. Nicht nur längs durch die Zeitachsen, sondern auch quer durch die Situationsachsen müssen wir denken.

Neue Felder für die Paartherapeuten

Was bedeutet das für uns Paartherapeuten? Nur Gutes, nur Gutes: Ein Reservoir, eine ungeahnte Menge an neuen Betätigungsfeldern. Denn auch innerhalb unbeständiger Paarungen aller Art suchen die Menschen eine gewisse Beständigkeit. Jeden Tag wollen sie ihre Lebenslagen- oder Lebensabschnittspartner nicht wechseln. Das ist selbst in diesen flexiblen Zeiten eine zu mühevolle Variante des Lebensstils.

So haben wir eine Menge neuer Klienten, die häufig unsere Dienste in Anspruch nehmen und auch jeweils mit verschiedenen Partnern kommen. Denn die Paare potenzieren sich. Haben wir die Lebensabschnittspartnerschaft gerade ein wenig stabilisiert, hapert es vielleicht gerade mit der Lebenslagenpartnerin. So liefern wir eine solide Zwischenreparatur, bis es Zeit ist für ein gänzlich neues Partnerschaftsmodell. Das ist wie mit den Wasch- und Geschirrspülmaschinen. Irgendwann ist auch die beste Reparatur sinnlos.

Ein unglaublicher Markt sage ich Ihnen.

Wir können ihn in vertikale und horizontale Elemente einteilen. Die einen therapieren nur Lebensabschnittspartnerschaften, die anderen nur Lebenslagenpartnerschaften.

Verteilungskämpfe werden geringer. Vor allem aber müssen wir erreichen, dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen, erst dann können wir unbesorgt in die Zukunft sehen.

Ich danke Ihnen.

Nachsatz: Wir danken Professor Wunsiedel und seiner derzeitigen Lebenslagenpartnerin, die Idee und Niederschrift besorgten. Ebenso seiner Lebensabschnittspartnerin, die jedoch bald durch die gegenwärtige Lebenslagenpartnerin ersetzt wird. Sie sehen, dieses Modell hat auch noch eine Cross-Over-Dimension.

22:08 08.01.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

Kommentare 26

Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
felicitas | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar