Poesie und Bibel

Das Hohe Lied Dieser Tage war sie wieder zu hören, die eindringliche Rockballade zum Beginn des Films "Die Legende von Paul und Paula."
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Anlass dafür sei - so die Moderatorin - dass dieser Film vor vierzig Jahren in die Kinos gekommen ist.

„Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt,
sagt die Welt, dass er zu früh geht,
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt
Sagt die Welt es ist Zeit...“

"Meine Freundin ist schön
Als ich aufstand ist sie gegangen
Weckt sie nicht bis sie sich regt
Ich habe mich in ihren Schatten gelegt"

(Musik: Peter Gotthard, Text: Ulrich Plenzdorf)

http://www.youtube.com/watch?v=5Sriuus7guQ

Immer, wenn ich zuhörte, grübelte ich ein bisschen, warum mich diese etwas rätselhaften Worte so rühren. Dieser Tage wurde mir Gewissheit zuteil und ich tadelte mich gleich selbst und sagte mir: „Mein Gott, Du bist katholisch erzogen und warst im Religionsunterricht, aber das Buch Salomo haben sie nicht durchgenommen? Nein, haben sie nicht. Sie haben’s „gestreift“, dabei ist es voll der allerschönsten Liebessätze und -andeutungen. Ich hätte also wissen können, dass der Dichter und Schriftsteller Ulrich Plenzdorf sich dort so schön und verheißungsvoll bedient hat.

Das Hohe Lied ist es. Die Theologen und genaueren Bibelkenner werden es längst erkannt haben, nur ich "wandelte im Dunkel".

Da ist es zu finden im Kapitel 1,Vers 15: "Siehe meine Freundin, du bist schön; schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen" und weiter in Kapitel 2, Vers 7: "Ich beschwöre Euch, Ihr Töchter Jerusalems, bei den Rehen oder bei den Hinden auf dem Felde, dass ihr meine Freundin nicht aufweckt noch regt, bis es ihr selbst gefällt."

Daher also „Weckt sie nicht bis sie sich regt“.

Das Hohe Lied besingt in vielen Wendungen die Schönheit einer Frau und ihre Freude an der Liebe dessen, der sie so besingt. "Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Söhnen. Ich sitze unter dem Schatten, des ich begehre, und seine Frucht ist meiner Kehle süß". "Deine zwei Brüste sind wie zwei Rehzwillinge“, preist der Sänger die Schönheit seiner Freundin. Nicht verwunderlich, dass viele Schriftsteller und Poeten da schöpferisch grasten und weideten - in biblischen Zeilen.

"Jegliches hat seine Zeit
Steine sammeln Steine zerstreun
Bäume pflanzen, Bäume abhaun’
Leben und Sterben und Frieden und Streit"

Auch dieser Vers ist – ist wie schon viele vor ihm - von Salomon entliehen. Er verkündet: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist , würgen und heilen, brechen und bauen, weinen und lachen, klagen und tanzen, Stein zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen, suchen und verlieren, behalten und wegwerfen, zerreißen und zunähen, schweigen und reden, lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit“(Kapitel 3, 1)

Verwendet haben dieses Motiv z. B. die „Byrds" Hier ein Auszug.

To everything - turn, turn, turn
There is a season - turn, turn, turn
And a time for every purpose under heaven

A time to build up, a time to break down
A time to dance, a time to mourn
A time to cast away stones
A time to gather stones together

Unter dem Schatten
deiner Flügel

Der Schatten, - er kommt mir in den Sinn, er verdunkelt eine andere Zeit und eine andere Welt.

"Unter dem Schatten deiner Flügel" heißt das Tagebuch des Schriftstellers Jochen Klepper, Sohn eines protestantischen Pfarrers aus dem schlesischen Beuthen, das ich dieser Tage wieder in die Hand genommen habe.

Bekannt ist Klepper – neben seinen Kirchenliedern - durch zwei sehr unterschiedliche Bücher. "Der Kahn der fröhlichen Leute", ist eine Heimatgeschichte, in der die Oder die wichtigste Rolle spielt. Mir ist die kleine Erzählung deshalb ein Begriff, weil die DEFA nach dem Kriege nach seinem Buch einen Film gedreht hat. Schon 1950.

http://www.defa-sternstunden.de/index.php?option=com_content&view=article&id=77&Itemid=3

Jochen Kleppers wichtigeres und bekannteres Buch ist "Der Vater". Es handelt - episodisch und biographisch eingefärbt – vom "Soldatenkönig", dem Vater des Großen Friedrich. Damit wurde der Schriftsteller - noch in Zeiten des Nationalsozialismus - bekannt, obwohl im Erscheinungsjahr schon aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen war. Er erhielt aber - weil treue Freunde ihn unterstützten – immer wieder Sondergenehmigungen. Klepper, der konservativ war und sich als unpolitisch verstand, schrieb 1933 in sein Tagebuch:„Müde, dreißigjährige vierzigjährige Kompromissler, durch primitive Existenzkämpfe verängstigt. Wie wir es drehen und wenden – das sind wir ! Und wie die Nationalsozialisten es drehen und wenden! sie können nichts zustandebringen als eine Verlängerung der Arbeitslosigkeit.“

Er leistete so manche Anpassung, trat 1932 aus der SPD aus, weil das in den neuen Zeiten für seine Arbeit beim Rundfunk nicht opportun war, er erwartete wenig von dieser neuen Herrschaft, aber er ahnte noch nicht, wie bitter es kommen wird.

Ein Verantwortlicher
mit Namen Eichmann

Er ist mit einer Jüdin verheiratet. Mit Hanni Stein, der Witwe eines Rechtsanwalts. Sie hat zwei Kinder Brigitte und Renate mit in die Ehe gebracht.

Mehr und mehr wird die Familie Opfer der antisemitischen Repressionen, Schikanen und lebensbedrohenden Zwänge. Klepper steht zu seiner Frau und ihren Kindern, obwohl Zwangsscheidungen angedroht werden. Die ältere Tochter – Brigitte – kann noch kurz vor Ausbruch des Krieges nach Schweden ausreisen. Der zweiten Tochter Renate aber droht 1942 die Deportation. Klepper verhandelt verzweifelt mit NS-Dienststellen. Die beiden letzten Male sitzt ihm ein Verantwortlicher mit dem Namen Adolf Eichmann gegenüber. Der macht ihm erst Hoffnung, dann verweigert er das Ausreisevisum für die Tochter.

Am 10. Dezember 1942 schreibt Jochen Klepper in sein Tagebuch: „Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

Jochen Klepper hat über jeden seiner Eintragungen ein Bibelwort gesetzt. Es ging mir bei der Lektüre auch um seine Religiosität. In Zeiten, da so viele vereinfachende Urteile darüber fallen und ich selbst mir den Glauben an einen persönlichen Gott überhaupt nicht mehr vorstellen kann, las ich sein Tagebuch noch einmal nach. Eine mir fremd gewordene Welt, aber so faszinierend, so beeindruckend sicher im Glauben, und auch so mitten aus dem Alltag jener Zeit und doch so gnadenlos herausgehoben durch die Verbindung mit der jüdischen Frau. Das schärft seinen Blick, besiegelt auch aller Schicksal.

„Sei mir gnädig Gott, sei mir gnädig
denn auf dich traute meine Seele,
und unter dem Schatten deiner Flügel
habe ich Zuflucht, bis dass das Unglück vorüber gehe“

Psalm 57,2

Die Bitte des Bibelwortes erfüllt sich nicht.

So fallen Schatten auf diese Erkundung, die von den biblische Einflüssen auf die Texte einer DDR-Rock-Band erzählen wollte. Es sind weitere dazu gekommen.

In den Schatten der geliebten schönen Freundin hat sich der Sänger des Hohen Liedes gelegt. Unter dem Schatten seiner Flügel hofft der Pfarrerssohn Klepper auf Rettung. Ein Schatten fällt auf jedes Leben, manchmal wandelt man in seiner Dämmerung und Kühle dennoch getröstet.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1943711/

https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/dunkel-wird-ins-helle-fallen

Hier hat schon jemand etwas zu Jochen Klepper geschrieben.

19:50 30.03.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

Kommentare 11