Debatten-Pingpong

Whataboutism Eigentlich bin ich durch einen Facebook-Freund über den „Whatboutism“ gestolpert. Dieser Begriff beschreibt ein Phänomen, das bei politischen Debatten zu beobachten ist
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Debatten-Pingpong
Karamba Diaby im Bundestag

Foto: Adam Berry/AFP/Getty Images

Er sei im Kalten Krieg entstanden so kann man bei Wikipedia nachlesen: Die Taktik Whataboutism wurde und wird angewendet, um Kritik an der Tagespolitik im eigenen Land abzuwiegeln und sie mit Verweis auf „Was ist mit…“ auf Begebenheiten in anderen Ländern zu lenken, die Ähnlichkeiten mit dem ursprünglichen Gegenstand der Kritik aufweisen. So heißt es da.

Schlagworte reichen aus, um zu beschreiben, wie er funktionieren kann der „Whatabout-Pingpong“. Dabei stellt sich heraus, dass es keineswegs nur international zugeht bei dieser Art der Argumentation.

Gulag vs. Guantano

Berliner Mauer vs. USA-Grenze zu Mexiko

Krim vs. Kosovo

Schmölln vs. Zorneding (Olivier Ndjimbi-Tshiende)

Jahreswechsel Köln vs. Oktoberfest in München

(Die Zusammenhänge kann man sich erschließen, es bläht den Blog unnötig auf.)

Ich ertappe mich sehr oft beim Whataboutism

Ich muss ehrlich sagen, dass auch ich diesen Whataboutism betreibe – obwohl mir der Begriff gar nicht bekannt war – seit ich mich in der Welt umgucke, eigentlich noch bevor wir in der deutschen Einheit angekommen waren. Seit der deutschen Einheit aber ertappe ich mich dabei recht oft und ich frage mich auch, ob das nicht eine legitime Verhaltensweise ist als Zeitgenossin.

Ich habe z. B. innerlich zugestimmt als Daniela Dahn den Stalinismus sozialistischer Vergangenheiten mit „Whatabout“ - Stalinismus des Geldes beantwortete. Wenn sie Repressionen im Ostblock mit „Whatabout“ Repression im Westen befragte und am Ende befand, dass die Summe der Repression in beiden deutschen Staaten am Ende gleich sei.

Oder, wenn „Whatabout“- Geheimdienste der anderen Seite gefragt wurde, wenn die – in der Tat oft - hysterischen Stasidebatten ausuferten.

Auftrieb für die zweifelnde Seele

Es scheint entlastend, es verschafft ein bisschen Auftrieb für die zweifelnde, gebeugte Seele, aber es ist und bleibt eben ein vergleichender Kunstgriff. Zu dem Ergebnis komme ich, denn das Vergleichen ist legitim, obwohl auch da Grenzen sind, bei denen ich immer wieder zusammenzucke. Z. B. bei manchen Totalitarismus-Kurzschluss-Definitionen über „zwei Diktaturen in Deutschland.“ Und bei wenn das Echo auf Hitler „Whatabout Stalin“ heißt, obwohl ich gerade im Moment finde, dass die Vergangenheiten der Sowjetunion fast keine Rolle mehr spielen, wenn es um die Verteidigung der heutigen RF um jeden Preis geht.

Man kann alles so hinterfragen. Aber, gibt das am Ende einen Sinn oder produziert es eigentlich immer wieder nur neuen Hintersinn.

Zum Beispiel mag die Summe der Repression gleich sein, aber sind am Ende die Arten der Repression nicht doch sehr verschieden?

Ein Whataboutism des Positiven könnte helfen

Als ich darüber nachdachte, fiel mein Blick auf einen Beitrag. Und es wurde hell in meinem Gemüt. Es ist ein Porträt des SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Karamba Diaby aus Halle.

Seit Jahren folge ich diesem Abgeordneten im Internet mit Interesse. Ich bekomme seinen Newsletter und freue mich über seine politischen Aktivitäten. Ich hätte schon mal über ihn schreiben sollen, aber kam immer wieder ab.

Jetzt hat er, zusammen mit einer Journalistin, selbst ein Buch herausgegeben über seine Erfahrungen vor und nach der Wende in Deutschland.

Man kann ja auch einen „Whataboutism“ des Positiven begründen. Z.B. damit die Schuldzuweisungen zwischen Ost und West, aber auch generell zwischen verschiedenen Regionen sich entschärfen. Dr. Karamba Diaby ist meine positives „Whatabout“ auf den Fall des Pfarrers von Zorneding, auf den Rassismusvorwurf, der ständig und immer nur im Osten seine schrecklichen Beispiele findet. Eine positives „Whatabout“ auf die Behauptung, der Osten sei nur Dunkeldeutschland ist Frederick-Spire Kabali der im Land Brandenburg als Notarzt arbeitet. Ein positives Whatabout ist der indischstämmige Ravindra Gujjula, der in der Politik aktiv ist, Landtagsabgeordneter in Brandenburg war und jetzt wieder in der Lokalpolitik tätig ist.

Abschaffen also kann man dieses Hin- und Her-argumentieren und Nachfragen wohl nicht, vielleicht aber mit diesem Whataboutism des Positiven ergänzen. Und erkennen, dass sowas kaum zu vermeiden ist und schon gar nicht in einem Debattenzirkus, wie ihn das Internet darstellt. Bei der Gelegenheit: Whatabout Propaganda vor dem www?

Karamba Diaby mit Eva Sudholt: „Mit Karamba in den Bundestag“, Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 20 Euro

10:31 04.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

Kommentare 168

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