Rummelplatz - eine autobiographische Skizze

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Ja, ja, geht nur, aber mehr als zwei Mark gibt es nicht, sagte die Mutter und eröffnete damit für Anna wunderbare Aussichten. Sie werden auf den Rummel gehen. Der große Bruder und sie. Anna war versucht einen Freudensprung zu tun, aber sie verkniff sich das mit Anstrengung. Sie wollte den großen Bruder nicht drängen. Aber er nickte kurz und Anna holte ihre Jacke.
Der Bruder öffnete schwungvoll die Wohnungstür, hielt sie fest und Anna bückte sich ein wenig, um unter seinem Arm durchzuschlüpfen. Das war ein altes Spiel zwischen ihnen und immer war sein Arm wie ein Eingang in eine Welt der Abenteuer. Er streifte mit ihr gemeinsam durch die Auenwälder der Umgebung. Wenn er ihr etwas zeigen wollte, hielt er manchmal ihren Kopf ungeduldig fest, damit auch sie entdeckte, was er gerade gesehen hatte, auf dem nächsten Baum, der nächsten Lichtung oder am Himmel. Er beschützte sie und stürmte wie ein Berserker herbei, wenn jemand ihr zu nahe kommen wollte. Einmal hatte er einen Mitschüler, der sie auf dem Schulweg andauernd am Ranzen festgehalten hatte, rüde in die nächste Abfalltonne gesetzt. Entsprechend war die abschreckende Wirkung.

Daran dachte Anna auf dem Wege zum Rummelplatz und malte sich aus, zu welchen Karussells sie außer der Schifferschaukel streben würden. Denn die Schifferschaukel kam immer zuerst. Niemand konnte ihr so viel Schwung verleihen wie der Bruder - sie brauchte nur still zu sitzen und wurde hoch hinauf geschleudert, dort wo sie das Gefühl hatte, dass die Erde für kurze Zeit aus ihrem Bewusstsein entschwand und wenn sie zurückkehrte, dann fuhr es ihr durch den Körper wie eine süße Verheißung auf etwas noch Gewagteres, bei dem dennoch nie die Gefahr bestand, ins Nichts zu fallen. Dafür würde der Bruder sorgen. Wenn dann noch Geld da war, gingen sie zur „Walzerfahrt zum Mond“. Niemand konnte die Gondel so gekonnt mit dem Fuß in eine zusätzliche schnelle Drehung versetzen wie der Bruder.

Der Rummelplatz war viel früher zu hören als zu sehen. Drehorgelklänge und Schlagerfetzen vereinten sich zu einem für Anna harmonischen Klang, in dem sie sich und ihre Sehnsüchte aufgehoben fand.
Sie gingen durch das aus Sperrholz errichtete mit allerlei Kunstblumen und Reklamelichtern verzierte hässliche Portal. Zwei breite Gassen führten an den Fahrgeschäften, Schieß- und Losbuden und Schaugeschäften mit Attraktionen wie der "schwebenden Jungfrau" und einem Hundezirkus vorbei.

Der Bruder und Anna interessierten sich für diese Dinge nicht, auch nicht für die Imbissbuden, obwohl sie ständig Hunger hatten. Essen konnte man zu Hause, Karussell fahren nicht . Auch der bei den anderen so beliebte Autoscooter hatte Anna bisher nie angezogen. Er war nicht schnell und es war teuer dort zu fahren. Für das Geld konnte man auf anderen Karussells drei mal durchgedreht werden.

An der Anlage standen die etwas älteren Jungen und Mädchen, um der Musik zuzuhören, sich Blicke zuzuwerfen und Bekannte zu finden. Anna interessierte das nicht. Sie war froh, wenn der lange Weg am Scooter vorbei war und endlich die Schaukel in Sicht kam. Auch in diesem Jahr war der Rummel wieder so aufgebaut, stellte sie mit Freude fest und beschleunigte ihre Schritte. Aber, der Bruder wollte nicht. Er blieb am Scooter stehen und ließ sich auch nicht an der Hand ziehen. Im Gegenteil, er versuchte sich loszumachen und war auf einmal wie ein Fremder zu ihr.
Eine Gruppe Jungen und Mädchen stand dort. Eines der Mädchen drehte sich um. Sie hatte einen schwarzen Pagenkopf und trug einen Nylonmantel aus dem Westen. Die Sirenen und das Dudeln der Musik aus verschiedenen Richtungen, bildeten eine Geräuschkulisse, gegen die man sich nur mit Kraft behaupten konnte. " Is’ das Deine Freundin"? fragte das Mädchen ziemlich laut und blickte dabei mal auf den Bruder und mal auf Anna. Jetzt hatte sich der Bruder ganz von Anna freigemacht. "Nee, rief er fast zurück, ist bloß meine kleine Schwester". Anna war gekränkt, nicht wegen der kleinen Schwester, sondern wegen des "bloß". Wie wichtig es ihm gewesen war, ganz schnell zu klären, dass er mit jemandem wie sie nur unterwegs war, weil es die Schwester war.

Auch sie war ja kein kleines Kind mehr, schon größer, über 11 Jahre alt und lag nicht mehr in den Windeln. Immer mal wieder hatte er der dünnen, spillerigen Anna gesagt, sie sei eigentlich ein hässlicher Vogel. Sie hatte das zu den alltäglichen Beschimpfungen gezählt, mit denen er sie manchmal bedachte. Sie taten weh, aber Anna nahm sie nicht wörtlich und darum gab es immer einen Weg zurück in die gemeinschaftliche Welt. Auch sie hatte ja ihre Munition an Ausdrücken für solche Anlässe.

Jetzt aber wurde es ernst, denn er lachte frech und blickte Anna auf einmal tödlich herablassend an. Als wolle er sich für immer entfernen. So, alssollte es keinen gemeinsamen Weg zur Schaukel mehr geben. Sie zerrte wütend und an ihm, um ihn von der Stelle in Richtung Schaukel zu bewegen. Er aber - beobachtet von dem Mädchen und den Jungen, die sich umgedreht hatten - wurde böse und zischte sie an: "Hau ab, verschwinde, ich will nicht mit Dir schaukeln".

Anna blickte ihn an.Zorn erfüllte sie und sie fing an zu weinen . Das machte ihn noch wütender und er schob sie weg von sich, in Richtung der Schaukel. „Halt, warte" zögerte er noch“ „Hier ist eine Mark, damit kannst Du dreimal schaukeln und dann lass mich in Ruhe“. Das Mädchen am Autoscooter, wahrscheinlich gleich alt wie der Bruder, beobachtete den leisen Streit interessiert und ohne Genugtuung,. Sie mischte sich nicht ein und zeigte auch kein besonderes Interesse an einer weiteren Unterhaltung. Der Bruder blickte auf sie, auf die grinsenden Jungen neben ihr und war jetzt selbst wie ratlos und als hätte man auch ihn beschimpft. Darum gab er der heulenden Anna noch einen Schubs, dass sie stolperte und stieß sie heraus aus allen Sicherheiten. Schniefend, wütend und erschöpft von den ungewohnten Gefühlen lief sie in Richtung Schaukel.

Aber, sie stieg nicht ein. Sie sah zu, wie sich die großen Pendel bewegten. Fremdheit und Kummer beschwerten ihr Herz während die Glocke zur nächsten Runde schepperte.

14:31 04.12.2009
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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