Schulgeschichten IV

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vergnügungssucht und Bildungssucht

Auf die bisherigen Teile meiner Schulreminiszenzen zurückblickend, fällt mir auf, dass ich meine Mutter nur als Schreiberin diktierter Entschuldigungszettel erwähne. Und das war auch so. Weder mit meiner Lehrstellensuche noch mit meinen Studienplänen hatte meine Mutter viel zu tun. Sie liebte uns Kinder, sorgte für uns so gut sie konnte, war aber durch ihre Lebensgeschichte

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und schwere Krankheit sehr mit sich beschäftigt.

Ich teilte meine Energien nicht nur zwischen Abendoberschule und Lehre, zwischendurch vergnügte ich mich auch intensiv, ging tanzen oder trieb mich mit meinen neuen Mitschülern in verschiedenen Kneipen der Leipziger Innenstadt herum. Eine Bereicherung an der Volkshochschule waren die meisten Lehrer. Alle rechte Originale, passten sie nicht in den normalen Schulalltag.

Ich erinnere mich noch an den Geographielehrer, ein eitler aber grandioser Erzähler, der uns – beiläufig mal in einer Stunde über die USA – die Prinzipien der Gewaltenteilung nach Montesquieu erläuterte und zwar ohne partei-pädagogische Anmerkungen. Seine Sympathie für dieses Gesellschaftsmodell war deutlich. Wir diskutierten im Deutschunterricht über Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ mit einer älteren Lehrerin. Ich erinnere mich noch an ihren kunstseidener Unterrock, der ständig unter dem ungebügelten Kostümrock vorguckte, aber von uns wurde sie sehr gemocht. Ich nehme an, sie wäre in normalen Schulen ein Opfer heftiger Schülerstreiche geworden. Wir debattierten damals zwar nicht jenseits, aber doch mehr neben den politischen Intentionen des Buches. Zum Beispiel darüber, wie unglaubwürdig uns diese Rita Seidel vorkam, weil sie ihrer großen Liebe nicht folgte. Wir veralberten den Russisch-Lehrer, der ein ziemlicher Miesepeter war, aber ich hatte in Sprachen ohnehin keine Probleme. Allerdings verführte mich das zu ziemliche Faulheit, was sich später beim Studium negativ auswirkte.


Neugier, Neugier auf viele Leben...

Ich war neugierig auf das Leben, wie alle jungen Leute. Dazu gehörte für mich unbedingt auch, über das Leben nachzudenken, Erkenntnis durch Bildung zu befördern. Ich las viel und wollte immer zusammen mit anderen gemeinsam Bücher lesen und darüber reden. Damals war zum Beispiel Jean Anouilh sehr im Gespräch, einer der auch in der DDR verlegten modernen Dramatiker. Dessen elegante Bosheiten – zum Beispiel in „Der Herr Ornifle“ liebte ich.

Oder – damals ganz modern – John Osborne „Blick zurück im Zorn“. Ich hatte schon immer viel gelesen, jetzt auch gezielter als früher und immer im Gefühl, dass ich damit nicht vorm Leben floh, sondern wirklich lebte, mein Leben reicher machte.

Da das moderne Angebot sich in Grenzen hielt, las ich viele der klassischen Autoren – Balzac, Lew Tolstoi, Charles Dickens, aber auch Emilie Zola, in denen ich die großen Menschheitsgeschichten fand. Manchmal denke ich, bei meinem Hang zur Zerstreuung hätte ich – bei größerem Angebot – auch eine Menge Klatschbücher, seichten Kram und Illustrierte gelesen. Die gab es nicht. Die DDR-Medienwelt war karg und auch die Literatur war bildungsbeflissen, volkspädagogisch. In der Fantasie lebte ich viele Leben, probierte Leben an wie Klamotten, dachte mir eine Zukunft, an der nur eines ganz sicher war, nämlich dass noch nichts festlag. Zwischendurch bewarb ich mich auch mal an der Schauspielschule in Potsdam-Babelsberg. Man bescheinigte mir ein komisches Talent, vertröstete mich aber auf das nächste Jahr. Das wollte ich nun wieder nicht. Ich wollte kommen und siegen. Dann eben nicht.

Das war der große Reiz dieser Übergangszeit, die ich – da bin ich mir sicher –ein bisschen, aber mit Vergnügen verkläre.

Am meisten liebte ich das Tun und Treiben in der Stadt, wo man aufeinigen wenigen Straßen am Samstagabend immer Leute traf, die zu irgendeiner Fete unterwegs waren. Manchmal in irgendeiner Kneipe oder manchmal auch in Privatwohnungen. Es gab zum Beispiel so eine Clique der Drucker und Setzer in Leipzig, die sehr standesbewusst waren und gut feierten. Es gab die Faschingsfeiern an den verschiedenen Fakultäten – an der Deutschen Hochschule für Körperkultur, an der Hochschule für Graphik und Gewerbe, bei den Philosophen, im Studentenclub Kalinin war ich oft zugange. Es war immer irgendwas los und ich wieder schlank und munter und ließ nichts aus. Zu den wirklich herrlichen schrägen Erinnerungen gehört auch eine frühmorgendliche Heimfahrt mit einem Gefährt der Müllabfuhr.

Das „Cafe Corso”

Es war zwar nicht der „Philosophenkeller“ von Paris, das „Cafe Corso“, in dem ich verkehrte, aber doch eine Szene, in der ich mich fern von den Forderungen eines geregelten und anstrengenden Alltags wohlfühlte.

Das „Cafe Corso“ galt als Stammlokal der Künstler, Schriftsteller, Journalisten und all jener, die sich einer intellektuellen Szene zuordneten oder meinten zuordnen zu dürfen, wie ich zum Beispiel. Bei Frauen wurde allerdings weniger nach Zugehörigkeiten gefragt.

Im „Cafe Corso“ lernte ich eine Gruppe von Literaten kennen, die am nahen Literaturinstitut Johannes R. Becher studierten. Und verknallte mich prompt in einen. Ein schöner Mensch, wie ich fand, ein Lyriker, der sich witzig als „pg“ vorstellte. Auf mein irritiertes Nachfragen erklärte er das mit „plenumsgeschädigt“. Er meinte das berüchtigte Kahlschlag-Plenum 1965, bei dem eine ganze DEFA-Produktion an Filmen in die Kammfabrik wanderte. Er war aber eigentlich nicht betroffen, sondern wurde gefördert. Für mich hat er mal ein Gedicht geschrieben in eine Ausgabe der Lyrikreihe "Poesiealbum" und – ich habe es verloren. Aber eine kleine Passage kann ich noch:

Einen stolzen Vogel gehst Du kaufen

und suchst in ihm etwas,

das in den Köpfen der Krähen umgeht.


Es muss sich auf eine Debatte bezogen haben, die wir führten

Nicht sehr freundlich die Zeile – ich weiß.

Er dichtete auch die DDR-Nationalhymne um


Unverstanden auf Ruinen

haben wir heut abgedankt

In die Zukunft auf zwei Schienen

ist ein bisschen viel verlangt


Auch er verstand sich als Linker, wie seine weitere Entwicklung zeigt. Ich war inzwischen in die CDU eingetreten, meine Mutter war auch hineingeworben worden und nahm als passive Unionsfreundin an den Versammlungen teil. Eine wirkliche DDR-Freundin war sie nicht. Aber die Bundesrepublik war ihr – aus verschiedenen Gründen – auch suspekt.


Amouröse Erkundungen

Meine Lyrikerliebe endete bald. Er war – wie fast alle in der Gruppe – bereits verheiratet. Man muss sich das vorstellen, Er war damals 22. Das waren diese typischen DDR-Ehen. Mit 18 Jahren geschlossen, mit 25 geschieden. Einige der jungen Literaten wanderten nach dem Westen ab, Hans Drawe zum Beispiel, dessen Name mal in einer Tatortfolge als Autor auftauchte. Er ist Hörspieldramaturg geworden.Reinhard Kettner, der erzählerisch nicht gerade der Knaller war, schrieb Fernsehspiele für den DFF. Mein damaliger Freund war später in der DDR-Singebewegung aktiv.Wir trafen uns später in Berlin wieder, was aber nicht glücklich verlief.

Aber hier und dort und auch anderswo und überhaupt trat die Liebe in mein Leben. Ich war auf Wanderschaft und nicht auf Dauer programmiert, obwohl ich mir das jedes Mal einredete. Meine Freundinnen drehten amüsiert die Augen zur Decke, wenn ich ihnen kundtat, jetzt aber sei es definitiv die große Liebe. Ich schlief manchmal mit Männern aus Sympathie oder weil ich keine Spielverderberin sein wollte. Ich hatte kurze, heftige Beziehungen, an die ich gern denke. Alles mögliche konnte passieren und ich liebte die Erwartung mehr als die Erfüllung wovon auch immer.

Ein Treffpunkt der "Weiber" unserer Klasse war das „Erdener Treppchen“. Da verkehrte ein bürgerlicheres Publikum, wenn ich mich recht erinnere. Dort hockte ich meist mit meinen Schulkameradinnen. Ewig saßen wir, aßen meist das als luxuriös geltende Rumpsteak mit Pommes frites und tranken Weißwein. Und wir besprachen das Leben.

Hin und wieder aber sprachen wir auch über Schulprobleme. Ich war in meinen Stammfächern gut. Aber an den naturwissenschaftlichen Fächern wäre ich beinahe gescheitert. In der Physik half mir einmal der reine Zufall vor einer versetzungsgefährdenden Fünf. Ich bekam eine Aufgabe in der mündlichen Prüfung, die ich zufällig konnte. Es ging um die Germaniumdiode und ihre Wirkungsweise. „Sie haben romantische Vorstellungen von der Mathematik“ lästerte mal ein Lehrer über mich .Aber es reichte doch, um einen mathematischen Ansatz zu bilden. Integral und Differentialrechnung – eben in Ansätzen – zu erfassen. Der Rest war ziemlich mager.

Es war eben kein bürgerliches, sondern ein "Arbeiterabitur". Latein hatten wir nicht, An Fremdsprachen nur Russisch. Aber ich wurstelte mich ganz erfolgreich durch diese zweieinhalb Jahre. Dazwischen machte ich den Facharbeiterabschluss als Industriekaufmann und wartete ansonsten ab.

(Möglicherweise folgt noch ein Schlussteil).

20:43 01.10.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

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