Sei feige, dann alterst Du nicht

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Heute morgen bin ich aufgewacht und es schmerzten mich:

1. ein Lendenmuskel, von dessen Vorhandensein ich bislang keine Ahnung hatte

2. Der große Zeh auf der gleichen Seite wie der schmerzende Lendenmuskel.

3. Eine Stelle am rechten Arm, weswegen ich diesen Arm nicht unbefangen verwenden konnte. Zum Beispiel hätte ich damit keinen Hitlergruß zustande gebracht.

4. Der kleine Finger der linken Hand

Ich war nicht sehr irritiert, denn seit ich älter geworden bin, tut mir immer mal was weh. Es darf nur nicht gar zu ungewohnt und zu wenig erklärbar sein.

Keine Sorge, das wird nichts Nett-Aufmunterndes, wie man es von Jane Fonda hört oder in Zeitschriften liest. Aber auch nichts Heiter-Besinnliches, im Lebenshilfemodus. Leichtfassliche Floskeln werde ich mir verkneifen oder mich zumindest bemühen. „Altern ist nichts für Feiglinge“ – das ist so ein Slogan, den dieser oder jener Schauspieler oder diese oder jene Schauspielerin gesagt haben sollen. Mir kommt der Satz nicht logisch vor.Umgekehrt ist er ein falsches Versprechen: Sei feige, dann alterst Du nicht.

Die Bücherborde biegen sich schon und zwar nicht unter der Last ihres Alters, sondern einschlägiger Werke. Der erste Band dieser Art, den ich sah, verbreitete tückisch-billige Freude: „Endlich 30“. Als mir das ins Auge fiel, war ich aber schon drüber. Allerdings war ich auch schon über Ermutigungs- und Durchhaltewerke im Stile von „Keine Angst vor vierzig“ längst hinaus. Für eine kleine Zwischeneuphorie „Hurra die Mitte des Lebens“ war ich allerdings aufgeschlossen. Dann kam die „Endlichkeits-Serie“: „Endlich 60“. „Endlich“ war für mich durchaus passend, denn ein gewisses Irrlichtern in der neuen Arbeitswelt war damit für mich beendet.

Und jetzt warte ich auf den ultimativen Band, der mit dem Titel“ Endlich tot“ die Freude selbstbestimmten Ablebens thematisiert.

Nicht mehr „gesehen“ werden

Das Altern beginnt für jeden Menschen, für jede Frau und jeden Mann in anderer Weise. Eine gute Freundin – eine schöne Frau - sagte mir zum Thema: Mich macht am meisten traurig, dass ich nicht mehr „gesehen“ werde. Sie meinte die Blicke der Männer, die ihr nicht mehr folgen. Ich finde sie noch immer sehr schön. Aber sie kennt es von früher halt anders und das war ein Pfund mit dem sie gern wucherte. Dass mir das nicht so viel ausmacht, hat mit meiner Erscheinung zu tun. Ich war nie sehr schön. Ich fand mich in der Kategorie „Sieht nett aus“ ganz gut untergebracht. Deshalb fällt mir dieser Teil des Älter Werdens nicht so schwer. Eher bin ich froh, dass manche Konkurrenz mir nicht mehr so zu schaffen macht. Aber ich kenne zwei jüngere Frauen, bei denen ich genau sagen könnte, welche unter dem Älter werden sehr leiden wird und welche die guten Eigenschaften aufbringt, die man für dieses Lebensgeschäft des Alterns braucht. Zu diesem Lebensgeschäft gehört eine gewisse Gelassenheit und Weisheit, von der man wenigstens vorspiegeln kann, man besäße sie.

Als ich erlebte, dass ich mit meiner Altersangabe im Internet einigen Kontrahenten Argumente geliefert habe, war ich verblüfft, aber dann sah ich ein, es gibt solche Leute, die mit Begriffen wie „senil“ oder „arme alte Frau“ einen Punkt in der Debatte machen wollen. Es verstärkte die Erkenntnis: Wenn man älter wird, wird man auch fremder in der Welt. Sie wird feindseliger, manchmal im Gewand der Fürsorge und Betreuung. Aber, wenn man selbst bissiger wird, dann war man schon immer bissig. Ich spüre, dass ich zu einer Gruppe von Menschen gehöre, die für die Jüngeren einfach nicht von Bedeutung ist. Und wenn sie wahrgenommen wird, dann sollte sie die Jüngeren eher erheitern als an Endlichkeiten erinnern. Sie sollen „altersmilde“ sein, wie mich kürzlich jemand mahnte.

Alte Herren dürfen zornig sein

Bei alten Herren hat das Altern wieder andere Gesichter, aber tröstende Aspekte. Wenn sie finanziell potent sind – können sie die Flucht zur Jugend antreten ohne dass die Gesellschaft das allzu sehr missbilligt, bei älteren Frauen ist das sicher möglich, aber weckt mehr Befremden, getarnt als Toleranz. Ältere Männer dürfen auch mal wieder richtig zornig sein. In den Siebziger-Achtziger Jahren des vorigen Jh. gab es ein Gruppe um den ehemaligen Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz, den Theologen Helmut Gollwitzer und noch viele, viele andere, die sich um Friedens- und Abrüstungsfragen sorgten und – hin und wieder – das sagten, was andere in Westdeutschland befremdlich fanden. Die nannten sich Die zornigen alten Männer. Oder sie übernehmen den Part des Weisen wie Altbundeskanzler Helmut Schmidt, aber was er sich traut, das trauen sich auch andere. Er versieht nur Erscheinungen, die jeder ähnlich beurteilt mit einer gewissen Altersweihe.

„Zornige alte Frauen“ gibt’s bei Monty Pythons






Es gibt – neben der öden Ratgeberliteratur – sehr gute Sachen, die sich mit dem Altern beschäftigen Einige davon werde ich hier nach und nach vorstellen:

1. Silvia Bovenschen „Älter werden“

Es ist 2006 erschienen. Ein hochgelobtes Buch. Ein kluges Buch, ein ordentliches Buch. Eigentlich

ist der Titel eine kleine Fehlleitung. Das Altern kommt schon vor in Silvia Bovenschens stilistisch feinem Werk. Es gibt schöne Apercus: „Ich überlege, ob die Abwägung zwischen dem Altersgemäßen und de Zeitgemäßen nicht die wahre Artistik des Alterns ist. Das ist ein Können, das wir vorübergehend noch können können“ kann man lange drüber grübeln.

Für eine - wesentlich jüngere - Freundin habe ich auch eine schöne Anmerkung und Beobachtung gefunden: „Wenn eine gute Fee käme und du dir ein beliebiges Alter aussuchen könntest, welches würdest du wählen“, frage ich meine Freundin F.G. (achtundachtzig). „Anfang vierzig“ sagt sie ohne zu zögern. Ja, das wäre auch mein Wahlalter. Ich starte eine kleine Umfrage unter denen, die älter als fünfzig sind. Alle, wirklich alle, Männer wie Frauen, nennen diese Altersstufe. Auch die Begründungen sind identisch. Man habe die gröbsten Verklemmungen und Verwicklungen hinter sich, und noch eine geräumige Zukunft vor sich (wenn alles gut gehe). Betrifft diese beste aller Altersmöglichkeiten nicht genau das Alter, in dem die quälende Midlife-crisis angesiedelt wird? Uns ist selbst unter dem Einsatz einer guten Fee nicht zu helfen.“

Und dann noch so ein schöner Satz über die 68er zu denen Silvia Bovenschen eine distanzierte Beziehung hat: „Was mich ärgert: Daß sie in ihrem Renegatentum vergessen, dass nicht alles dumm oder falsch war, dass nicht alle sich damals in allem irrten, nein falsch gedacht, sie vergessen es gar nicht, sie müssen es zum Verschwinden/Vergessen bringen und das Ganze denunzieren, um ihren individuellen Irrtum zu verwässern – es allgemein in einer pauschalen Irrtumsbezichtigung vergessen machen. Verallgemeinerter Selbsthass. Ach, würden sie sich doch mehr lieben. Ach würden sie sich doch weniger hassen.“

Und viel später: „Zu den von Wilhelm Reich inspirierten, vermeidbaren Irrtümern der siebziger Jahre zählte die Annahme, dass ein Spießer, den man sexuell enthemmt, etwas anderes sein könnte, als ein sexuell enthemmter Spießer.“ Auch ihre Anmerkungen zum Feminismus. „Den Feminismus bin ich mir schuldig“ finde ich sehr einleuchtend.

Es ist ein Plädoyer für einen gelassenen Feminismus, der nicht andauernd mault, und vor allem – wie es jetzt zum Teil geschieht – nicht wieder mit allem von vorne beginnt.

Link zur Kritik

(In der nächsten Folge stelle ich das Buch von Margarete Hannsmann vor: "Tagebuch meines Alterns". Margarete Hannsmann war die Lebensgefährtin des Malers und Grafikers HAP Grieshaber.)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

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