Sunday morning with Claudia

Freitag-Salon Die Frage nach dem gegenwärtigen Standpunkt der "Grünen" war eine von vielen beim Freitag-Salon im Maxim Gorki Theater. Claudia Roth erklärte ihr Politikverständnis
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Sunday morning with Claudia

Es sei was anderes, ob man abends oder morgens zum Freitag-Salon gehe, erklärte Gastgeber Jakob Augstein zu Beginn. Wobei die Frage, ob man morgens wacher ist, sicherlich sehr unterschiedliche Antworten findet und sehr von den Ereignissen davor abhängt.

Claudia Roth aber wirkte recht wach und Jakob Augstein auch, der die Bundestagsvizepräsidentin und ehemalige Grünen-Vorsitzende nach der Berechtigung der Farbe „Grün“ im Parteinamen befragte. Ist das noch die Hoffnung oder ist es die Ankunft in der normalen Parteienlandschaft oder ist es gar – wie von manchen festgestellt oder gar befürchtet – ein Niedergang? Sind sich die „Grünen“ inzwischen mit zu Vielen „grün“?

Immerhin galten die „Grünen“ mal als Antiparteien-Partei. Heute sind sie auch noch für manchen Aufreger gut, aber ganz sicherlich nicht immer im Sinne derer, die Innovation und neue Diskurse von ihr erwarteten.

Claudia Roth nutzte die Gelegenheit, um erst einmal zu erklären, wie sie ihr gegenwärtiges politisches Amt der Bundestagsvizepräsidentin nutzt, um an den Brennpunkten politischer Konflikte Kontakte zu knüpfen, Informationen zu gewinnnen und die bestehenden Initiativen vor Ort eventuell zu stärken und mit ihnen zu kämpfen wie am Taksim-Platz in der Türkei. Ihr Engagement für die Syrienflüchtlinge pragmatisch und empathisch. Sie erklärte mit viel Fakten und Details den Ernst der Lage im Land und den angrenzenden Ländern.

Demnächst will sie Katar, Oman, und Bahrein besuchen. Nach Katar reist sie übrigens gemeinsam mit FIFA-Präsident Theo Zwanziger um vor Ort nach die Bedingungen der dort ausgebeuteten Fremdarbeiter an den Fußballstadien zu erkunden. Menschenrechte und Demokratie sind ihr Thema und sie lässt auch nicht gelten, dass möglicherweise an der These, dass die autoritären Herrscher in arabischen Ländern wenigstens Frieden und Ordnung garantierten, was dran war und die arabischen Frühlings-Revolutionen bisher nur Chaos und neue Glaubenskriege generierten.

Ein Beitrag von Antje Vollmer

beklagt vertane Chancen

Mir kommt ein jüngst veröffentlichter Beitrag von Antje Vollmer in den Sinn, der einen offensiven „Menschenrechts-Bellizismus“ der westlichen Welt, der bis weit in grün-alternative Kreise unterstützt würde, als Teil einer vertanen Chance anprangert und eine Politik des diplomatischen Ausgleichs und des Verhandelns propagiert. Leider konnte ich Claudia Roth nicht fragen, was sie von diesem Beitrag hält.

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Dass sie als Frau in anderer Weise Kränkungen erfährt als ihre männlichen Kollegen, bestätigte sie Jakob Augstein. Und, dass ihre Mitarbeiterinnen das Schlimmste“ - das von sexistischen bösen Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen reicht - schon beiseite tun, bevor ihr Auge drauf fallen kann. Allein die Geschichte mit dem Rapper Bushido dokumentiert, dass sie ganz schön einstecken muss und dies möglichst ohne öffentliches, gar juristisches Reagieren, weil das genau die Absicht des Urhebers war und ist. Dazu erklärte sie frauensolidarisch, dass auch Frau Merkel viel ertragen müsse. So wie ihr eigenes Outfit beständig medial beurteilt wurde, so finden auch Merkels Hosenanzüge andauernd eine mediale Beachtung.

Auch da ging mir die Frage durch den Kopf, ob sie nicht – ein wenig – verstehen könnte, wenn Alice Schwarzer auf den Hass verwiesen hat, dem sie ausgesetzt war und ist und der ihr dann als billige Begründung für ihre Schwarzgeldkonto in der Schweiz diente, obwohl was Wahres dran ist.

Dass sie Freundschaften und Sympathien von Politikern und zwischen ihnen – über konträre politische Auffassungen hinweg – für gut und wichtig hält, ist sehr sympathisch. Ausdrücklich lobte sie „Augstein und Blome“. Sie hat zu dem CSU-Politiker Günter Beckstein ein gutes-kritisches Verhältnis, sie schätzt Frank Walter Steinmeier und sie nahm – beim Gespräch mit Augstein – auch Bundespräsident Gaucks Forderung nach mehr mehr „Verantwortung“ in der Welt in Schutz.

Die Parteinahme für Gauck

aus "gutem Grund"

Das ging mir dann doch zu weit, aber das muss sie tun. Immerhin haben die „Grünen“ den Pfarrer mit ins höchste Amt gehievt. Er habe ja gar nicht zu verstärktem militärischem Eingreifen aufgerufen, lieferte sie auch noch als Entschuldigung. Und ich dachte: Dann muss er auch nicht auf der Münchner Sicherheitskonferenz reden, die früher immerhin mal „Wehrkundetagung“ hieß. Sie fand, dass eine erkennbare europäische Außenpolitik, in der auch Deutschland eine verantwortungsvolle Rolle spielt, wichtig ist. Jaja, sicherlich sicherlich. Immerhin hatte sie für Ursula von der Leyens neuen markigen Ton wenig Sympathie und meinte, vieles daran sei das bewährte alte Selbstdarstellungstalent der neuen Bundesverteidigungsministerin. Am Ende würden sich die Bundeswehreinsätze ja gar nicht so erweitern. Augstein fragte – was die Afrika-Politik und den militärische Unterstützung in Mali betrifft – nach, warum wir Afrika mit unseren EU-Handelsgesetzen und -beschränkungen daran hindern, ökonomisch auf die Füße zu kommen, aber bei Waffengängen nach Solidarität rufen. Sie bestätigte, dass es so sei, aber im Grunde fand sie darauf auch keine Antwort. Welche denn auch.

Im Gespräch waren auch die unterschiedlichen Bündnisse – zuletzt in schwarz-grün in Hessen. Aber, das ist kein besonders ergiebiges Thema, wie mir scheint.

Dann gings nochmal zurück zum enttäuschenden Wahlergebnis 2013. Sie hätten Frau Merkel unterschätzt. Die hätte mit „schweigender Härte“ die Gegner der Grünen, die Industrie- und Wirtschaftsverbände und große Teile der Medien ins Spiel gebracht. Alles hing am Ende am Steuermodell der Grünen,das als Steuererhöhung abqualifiziert wurde, obwohl das nicht den Tatsachen entsprach.

Ein Blick zurück im Zorn war das schon. Bei diesem Blick aber spielte die Mitwirkung der „Grünen“ einst an den Hartz IV-Gesetzen nur eine kleinere Rolle. Das monierte später ein Zuhörer. Und heute las ich, dass der Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck den „Grünen“ eine ziemliche Mitschuld an der Eurokrise zuweist, wegen des Lohndumpings, das auch ziemlich fest mit Hartz IV verknüpft ist.

Eindeutig Roths Absage an die Linkspartei wegen deren Verweigerungshaltung in den Fragen UNO-mandatierter militärischer Einsätze. Dass der Linkspartei manchmal etwas Kleinbürgerliches anhafte, erklärte Roth und da ist was dran. Bei den Grünen gibt es auch Kleinbürgerlichkeit, aber die nennt sich dann einfach anders und kommt aus anderen Regionen.

Die Frage, ob die Grünen eine linke Partei sind, bejahte sie, wobei es dann eine längere definitorische Schleife gab, was heute „links“ ist. Und die Nachfrage einer jüngeren Teilnehmerin, die sich auch mehr jüngeres Führungspersonal bei den Grünen wünschte, beschied sie ausweichend, die Kompetenz der jüngeren nachwachsenden Parteimitglieder lobend.

Bei den Nachfragen fand ich vor allem die nach der Mehrheitsssuche über Parteigrenzen hinweg interessant. Das sind Optionen, die auch Clauda Roth gut fände, aber man muss fragen, ob am Ende nicht doch immer die Fraktions-Disziplin siegt.

Gesellschaftliches: Getroffen haben sich dort ChristianBerlin, Amanda, Goedzak (mit Anhang) und Archie. Nach dem Salon traten wir ins strahlende sonnige Februarwetter hinaus. Ein Spreespaziergang schloss sich an, der durch zu viel Optimismus, was die Öffnungszeiten von Freiluftgaststätten im Februar betraf, noch einen weiteren Umweg notwendig machte. Am Ende landeten wir ohne Archie im „Haus der Kulturen“ der Welt und besprachen die gewonnenen Informationen und Erkenntnisse.

Schon von daher ist ein morgendlicher Salon was Gutes, wenn das Wetter mitspielt. Man landet erstmal an der frischen Luft und dann erst in der Kneipe.

16:52 24.02.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

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koslowski | Community