TAG 13 - Ein Buch, bei dem Du nur lachen kannst

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Gerhard Henschel: „Menschlich viel Fieses. Stasis, Donalds,Dichter und Pastoren“

Das Buch habe ich an einem Nachmittag ausgelesen, es ist ja auch nur etwas über 100 Seiten dick, und mich dabei unendlich amüsiert. Ich lag auf der Couch und die bebte von meinem Gelächter.

Der Autor Gerhard Henschel hat in diesem kleinen Band, der 1992 bei der Edition TIAMAT erschienen ist, den „Schriftverkehr der Revolution“ – also die gedruckten Hervorbringungen der Wendezeit – unter die stilistisch-inhaltliche Lupe genommen und dabei niemanden geschont. Und das hat Folgen fürs Zwerchfell.

Er lästert ganz ungemein über die Theatralik, Verschrobenheitund das falsche Pathos, das ihm da so entgegenschreit. Es scheint so, als hätte ihn dereinst des DDR-Autors Lutz Rathenows Klage über die „Literarischen Selektionsrampen“ in der DDR so aufgebracht und so geärgert, dass dann dieses herrliche Werk entstand. Zorn befruchtet ganz ungemein.

Das erste Kapitel ist überschrieben mit „Täter und Opfer im Trauerarbeitsamt“. Er erheitert sich über die Schmerzenswerke, die in dieser Zeit entstanden sind. Eines heißt denn auch gleich „Schmerzgrenze“ und das schmerzt nun wieder den Gerhard Henschel so, dass er die Autorin der unter diesem Titel erschienenen Frauenporträts, Holde Barbara Ulrich, fragt: „Oder darf man mit Brandmalen des Schmerzes übersäte Frauen, die aus freien Stücken eine friedliche Revolution angezettelt und die Wiedervereinigung Deutschlands begünstigt haben, mit westlichen Polemikstandards vertraut machen und als bigotte Heulsusen bezeichnen, um ihnen aus dieser verstaunten Schwermut wieder herauszuhelfen“. Er will ja nur helfen, der Gerhard Henschel und wie er helfen will. Es bleibt kein Auge trocken.

Denn auch die Künstlerin Heidrun Hegewald, die ebenfalls in diesen Wendezeiten reichlich leidet und sich dabei auch noch auf Günter Grass bezieht, der über Auschwitz als Schamstelle sinniert hat, inspiriert ihn zu folgendem hübschen Verdikt: „Dass Günter und Heidrun beim Einkaufen, beim Nachtisch und beim Abwasch Auschwitz als Schamstelle mitdenken, ist ein prägnantes deutsches Derzeit-Symptom“, moniert er energisch und respektlos. Und so geht das über viele Seiten.

Auch der Herr Schorlemmer wird bedacht, denn redselig waren sie alle in diesen Zeiten. „Auf die Unfähigkeit, ohne „Geblöke“ (Adorno) mit der Tatsache koexistieren zu können, dass öffentliches Leben ohne Korruption und Intrigen eine alberne, nicht einmal sonderlich verlockende Utopie weltgewandter Betschwestern ist, sollte sich doch niemand allzu viel zugute halten.“ Punkt

Er erheitert sich über die Gemeinschaftssucht jener Zeit und schildert die Stimmung wie folgt: „In diesem Milieu, wo Gerechtigkeit und Friede sich gegenseitig Zungenküsse verabfolgen und kindlich beglückte Prediger sich im Garten unserer Käthe hinter dem Lutherhaus bei Rosen entschuldigen, bevor sie dieselben abknipsen, werden auch die flachsten Gedanken....usw. usw.

In einer Diskussionsstunde im Majakowskiring in Pankow fragt sich der genervte Henschel denn auch, ob der Plural von Schorle am Ende vielleicht Schorlemmer lautet, aber das ist dann reine Juxerei von ihm.

Sehr schön übergebügelt werden Stefan Krawczyk und Freya Klier. „Mit dem krächzenden Exhibitionisten und Freya statt Sozialismus hat sich ein Traumpaar gefunden“. Nett ist das nicht, aber komisch, komisch. Er hält sich ja immer nur an die Texte, der Gerhard Henschel und das ist – wenn es so in der Öffentlichkeit herumgeistert – schön böse, aber legitim. Sind ja alles Profis, die er beglückt mit seiner Lästerei.

So nimmt er sie sich alle vor, die Redseligen der Wendezeit: Bärbel Bohley (Gott hab sie selig), den eitlen Eppelmann besonders mit seiner zu Ehren der Deutschen Einheit wiedervereinigten Ehe und so weiter und so weiter.

Der letzte Absatz lautet, ein Zitat verwurstend, wie folgt: „Dass ich...aus prinzipiellen Erwägungen heraus einfach wieder einmal dazwischenquatschen wollte, wenn sich die Erwachsenen unterhalten. Mir macht das Spaß, ich kann mir nicht helfen“.

Ich konnte mir einst auch nicht helfen und habe ihm einen begeisterten Brief geschrieben, obwohl die Frauen nicht sehr gut wegkommen bei ihm. Aber insgesamt – herrlich, zum Schreien komisch, sehr empfehlenswert und auch gegen zu heftige Wortausbrüche in der Gegenwart durchaus ein probates Gegenmittel.

18:23 30.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

Kommentare 5

Avatar
hibou | Community