Unigeschichten II - Ernteeinsatz

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Zu Beginn des zweiten Studienjahres fuhren alle Studenten in den obligatorischen Ernteeinsatz. Wenn ich mich recht erinnere, fand ich das gar nicht schlecht, denn ich war damals ein Gemeinschaftsmensch. Dies keineswegs durch sozialistische Erziehung, sondern durch Aufenthalte im katholischen Kinderheim und die katholische Jugendarbeit. Auch dort wurde man zur Gemeinschaft „erzogen“, nicht nur bei den Jungpioniere und der FDJ.

Mangel an solidem Schuhwerk

Meine Seminargruppe fuhr in die LPG in Pragsdorf in Mecklenburg. Sorgen machte mir dort nach der Ankunft nur der Mangel an eigenem, soliden Schuhwerk, auf den mich herablassend eine Kommilitonin aufmerksam machte: „Wie willst Du damit – sie wies auf meine leichten alten Pumps – „über die Äcker kommen.“ Das Problem löste sich, denn für die Äcker gabs Gummistiefel, für den Weg in die Kneipe reichten die Pumps.

Wir schliefen im Ort in einem alten Gutshaus, wenn ich mich recht erinnere. Das waren Schlafsäle für jeweils 20 Leute und wir wuschen uns im Erdgeschoss in einer alten Waschküche, ich glaube immer nur kalt. Die Hände und Fingernägel kriegte ich dort nicht mehr richtig sauber, aber das störte mich nicht. Sehr primitiv alles, aber mir nicht so von Belang.

Wir waren zusammen mit Kommilitonen eines anderen Studienzweiges – den Polytechnikern, einem Fach für Lehrer. Fast alles Jungs, wie ich erfreut feststellte, denn es begann, wie überall wo die Geschlechter zusammentreffen, eine emsige Paarbildung.

Wir arbeiteten den ganzen Tag auf der Kombine (Kartoffelvollerntemaschine). Ich erinnere mich noch, wie ich hocherfreut mein Gesicht in die Herbstsonne hielt und mich an den wärmenden Strahlen freute.

"Für die ist jetzt Krieg"

Die Kombine riss die Furchen auf und transportierte Kartoffeln, aber auch Unkraut, große Steine und immer mal wieder eine erschreckte Feldmaus aufs Band. Wir sammelten die gröbsten Steine raus und große Unkrautnester und dann rollten die Kartoffeln über das Band in einen Anhänger, der mitfuhr. Wir beobachteten, wie hinter uns in der Furche die davongekommenen Mäuse durcheinander sprangen und ein Kommilitone meinte: „Für die ist jetzt Krieg“. Ich weiß auch noch, wie ich einmal einen großen Feldstein nahm und achtlos über die Planken hinter mich warf. Beinahe hätte ich einen Kommilitonen damiterschlagen. Während der Stein durch die Luft flog, sah ich ihn – wie in Zeitlupe – in die Wurfbahn laufen, aber durch glückliche Umstände streifte ihn der Stein nur an der Schulter und ich atmete auf.

Wir wurden mit dem Lastwagen aufs Feld gefahren und – weil ich die Kleinste war, wie immer – wurde ich von hilfreichen Kommilitonen beim Abspringen aufgefangen. Überhaupt wurde ich verwöhnt und betreut. Ich käme ich ihnen vor, wie ein aus dem Nest gefallener Vogel, sagten sie mir und ich genoss die freundliche Fürsorge.

Reden, reden und Bier in der Kneipe

Abends zogen wir alle in die Dorfkneipe zum Bier und es wurde geredet, geredet, über Lebensfragen, aber auch über die noch gar nicht lange zurückliegende Zeit des „sozialistischen Frühlings“, der Bildung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Ich erinnere mich nicht mehr, wie die Bauern darüber dachten, die hielten sich ziemlich bedeckt mit ihren Meinungen. Ein Kommilitone, der aus Hamburg in die DDR gekommen war - und auch noch Fiete hieß - hatte sich aber mal mit den Bauern unterhalten. Er war ein Superlinker, viel „linkser“ als alle in unserem Seminar zusammen. Nach seiner Meinungserkundung kam er zu dem schlichten Ergebnis: „Alles Faschisten hier.“ Herrlich. Ein anderer, sehr strammer Genosse – jener, den ich fast erschlagen hatte -führte ständig die Worte im Mund: „Wenn die Weltrevolution gesiegt hat“. Es gab Naturen mit diesem naiven historischen Optimismus, ich betrachtete sie mit äußerstem Erstaunen und machte aus meiner Ideologieferne kein Hehl. Ich erzählte, dass ich katholisch erzogen war und auch nicht Mitglied der FDJ. Bekehren wollten man mich aber nicht.

Es wurde mächtig philosophiert in der Kneipe, worüber weiß ich nicht mehr genau. Viel über Marxismus, aber wie ich mich zu erinnern glaube, sehr oberflächlich. Hin und wieder beteiligte ich mich mit meinem zweifelnden Wesen an den Debatten und einer sagte mal: „Diese Magda, man denkt, sie schläft gleich ein und man muss sie noch nach Hause tragen und dann sagt die manchmal Sachen“. Ich fühlte mich geschmeichelt, kann mich aber nicht mehr erinnern, mit welchen lichtvollen Erörterungen ich dieses Statement hervorgerufen hatte. Ich meine, wir spielten ein bisschen Philosophenkeller in dieser Dorfkneipe und mir gefiel das. Viel Erkenntnisdrang war nicht dahinter. Es war eher Flirten auf etwas höherem Niveau. Ein Klavier hatten sie auch dort im Kulturhaus und ich legte ordentlich los, das waren sehr lange Abende. Ich fühlte mich dort binnen kurzem sehr wohl. Verliebt hatte ich mich auch – mal wieder – in einen Kommilitonen, der erfreulicherweise in Berlin auch im Studentenheim wohnte, was unsere Beziehung für eine Weile festigte.

Bürgerliche Elemente

Es gab auch „bürgerliche Elemente“ in der Seminargruppe – eine Kommilitonin, die ich wegen ihrer fundierten literarischen Bildung sehr bewunderte. Sie entstammte einer katholischen, kinderreichen Professorenfamilie, war reichlich exzentrisch und auch das bewunderte ich an ihr, obwohl ihr ausgeprägter Individualismus mich manchmal nervte. Sie brauchte für alles eine Extrawurst, klagte viel und sank hin und wieder auch in Ohnmacht. Diese Art der Selbstbehauptung faszinierte mich, erschreckte mich aber auch. Ich dachte dann immer das, was ich im Kindergarten gelernt hatte: „Wenn das alle so machen“. Wirklich harte Feldarbeit

Was wirklich harte Feldarbeit ist – die Kombine war gemütlich – lernte ich kennen, als vier von uns an den einzigen privaten Bauern im Dorf „ausgeliehen“ wurden. Es gab zu der Zeit noch solche einzelne „Widerständige“, die die Kollektivierung nicht mitgemacht hatten. Und dort erntete man die Kartoffeln noch mit der Hand. Man kroch mühsam mit dem Korb über den aufgepflügten Acker und das zog sich hin, das war anstrengend und äußerst zermürbend. Ich stellte mir vor, wie das so seit Jahrhunderten gegangen ist, wie sich die Mägde und Knechte alle andauernd „krumm“ gemacht und „geackert“ hatten. Uns gings besser, wir bekamen ein prima Mittagessen bei dem Bauern, aber ich war – nach kurzer Zeit – ziemlich fertig und froh, als dieser kurze Einsatz zu Ende war.

Aus diesem Ernteabenteuer kehrte ich braun im Gesicht, weiß am Körper nach Leipzig zurück, verbrachte dort den Rest der Ferien und dann begann wieder der Ernst des Lebens, das Studium.

15:07 24.01.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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