Unigeschichten OST – Vormilitärische Ausbildung

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Dass man dem Klassenfeind gewappnet entgegentreten muss, erfuhren wir unter anderem in den Grundseminaren Marxismus-Leninismus. Wenn man das ordentlich verstanden hatte, sah man leicht ein, dass man diese Erkenntnisse auch in die Praxis umzusetzen hatte. Die Jungs mussten nach Glowe auf Rügen zu diesem Zweck. Die etwas eingeschränkten Jungs und die Frauen absolvierten diesen Dienst in einem Pionierlager in Papstdorf in der Sächsischen Schweiz.

Es war Herbst und es war ein Zeltlager, eigentlich ein Pionierlager für die Kinder. In den großen Zelten nächtigten jeweils acht Frauen. Wir bekamen Einheitsklamotten, graue Hosen und Jacken, wie sie auch die Mitglieder der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) trugen. Das sah absolut bescheuert (heute würde man sagen: Scheiße) aus, aber da alle so rumliefen und uns niemand wirklich schikanierte war mir das wurscht. Ich hatte diesmal festes Schuhwerk mit, aber das hielt nicht lange vor. .

Es goss in Strömen und
Hagelte Beschwerden

Am ersten Tag, den wir dort anreisten begann ein kräftiger Landregen, nach zwei Tagen waren wir alle pitschnass, die Zelte klamm, die Klamotten klamm und auch die Schuhe irgendwie nass. Es hagelte Beschwerden.

Man bestellte die Feuerwehr, die mit einem Riesengebläse heiße Luft in das große Versammlungszelt blies. Die Sachenwurden dadurch für eine Weile wieder trocken, aber meine und die Schuhe von anderen „Mitkämpferinnen“ waren auf Kindergröße geschrumpft. Ich lief wieder in leichten Schuhen dort herum oder in geborgten Gummistiefeln.

Mit uns im Ausbildungslager waren – wie schon geschrieben - die etwas gehandicapten Jungs. Wenn also wir Frauen nach absolvierter höchst alberner Geländeübung in Reih und Glied wieder ins Lager einmarschierten, sahen wir als erstes die Männer in der offenen Küchentür stehen mit dem Geschirrtuch in der Hand, die uns exerzierenden Weibern einen fröhlichen Gruß entgegenwinkten.

In der DDR hatte man sich nicht so mit den Geschlechterrollen. Die Jungs wurden ansonsten von uns Frauen sehr verwöhnt, denn es gab nicht so viele von ihnen. Außer einigen Ausbildern, aber die waren im wesentlichen auch von der Uni abgestellt, Lehrkräfte aus dem akademischen Mittelbau, die ganz gern mal im Freien und unter Frauen waren.

Wir machten allerlei Marschierübungen, wenn ich mich recht erinnere. Und – man merkt sich ja immer willkürlich völlig unsinnige Sachen – ich weiß noch, dass wir dazu keine „Kampflieder der Arbeiterklasse“ sangen, sondern ein Lied, das mit der schönen Strophe begann:

Schwer mit den Schätzen des Orients beladen
Segelt ein Schifflein am Horizont dahin
Sitzet ein Mädchen am Ufer des Meeres
Singet der Wind ihr ganz leise was ins Ohr

Refrain:

Frag doch das Meer ob es Liebe kann scheiden
Frag doch das Herz ob es Treue brechen kann...

Wenig klassenbewusste Gesänge, aber lustig

Überhaupt wurde kulturell so allerlei geleistet. Da gab es zum Beispiel eine Kommilitonin namens Sanda Weigel, die, so sagte man, familiäre Verbindungen zur Prinzipalin des Berliner Ensembles Helene Weigel und, übrigens bis auf den heutigen Tag, eine wunderbare Stimme hatte.

www.sandaweigl.com/bio/index.html

Und die sang sehr oft und gern nach dem Abendessen. Meist Folksongs. Sowas wie „Dona dona“ , manchmal auch Joan Baez Sachen.

Immer mal wieder absolvierten wir völlig ineffektive Rettungssanitäter-Übungen. Ich fand meist, dass die als Opfer ausgesuchten Mädchen zu schwer und ich das viel leichter zu transportierende Opfer war. Meist konnte ich dann erreichen, dass man mich auf die Trage bettete.

Schwangere vortreten

Irgendwann einmal ertönte der höchst skurrile Befehl: „Schwangere vortreten“. Ich fand das ziemlich schockierend, aber unter den Ausbildern war ein Gynäkologe und der hatte moniert, dass man die Studentinnen zu hart anfasste und auch Schwangere immerhin darunter sein konnten. Der hatte ein Herz für die Damen – mal für die eine, mal die andere.

Ich sagte mir bei der Gelegenheit: Kann ja im Lager noch werden mit der Schwangerschaft. Denn: Es wurde – wie überall – heftig geturtelt und allerlei angebahnt.

Gespräche im dunklen Zelt

Und so gab es halt Gespräche im dunklen Zelt, bei denen ein Uni-Assistent auch über die Berliner Mauer meditierte. Und er meinte, wenn man den Menschen offen gesagt hätte, dass mit dieser Mauer auch persönliches Leid verbunden ist, statt sie so grobschlächtig zu preisen und zu loben, dann wären manche Leute eher bereit, Einsichten und Zusammenhänge zu verstehen.

Ich fand den sehr interessant, leider hatte er andere Interessen, war an dem Abend dabei, Barrieren privater Art zu überwinden. Und mich hatte er nicht gemeint, sondern eine andere Blondine. Da war dann meines Bleibens nicht länger. Aber ich fand gut, dass man so was im dunklen Zelt besprechen konnte. Bei Licht war alles ein bisschen förmlicher, aber eben auch von dieser merkwürdigen Ironie-Atmosphäre getränkt. Das Beste an dieser merkwürdigen Ausbildung war das hervorragende Essen. Nie wurde ich so gut versorgt, fand ich. Gott sei Dank hatten wir genügend Bewegung.

Ein großes Ereignis war ein gemeinsamer längerer Marsch auf die Bastei. Wir waren alle in dieses GST-Einheitsgrau gekleidet und tanzten dort in einer großen Gruppe an. Es gab auch schön Kaffee und Kuchen in der Gaststätte. Und – einige gutsituierte Damen (bestimmt aus Dresden, dort gedieh’ noch Bürgertum) - murmelten sich zu: „Die sehen doch eigentlich ganz nett aus“. Wir hatten schnell mitgekriegt, dass die Damen uns für Insassinnen von irgendwelchen Haftanstalten hielten. Und deshalb legten wir einen Abmarsch hin – so was von zackig und so was von militärisch. Die waren völlig perplex. Nach einem Kilometer ließen wir Gottseidank wieder nach und gingen die letzten Kilometer der 32, die wir marschiert waren, geruhsam ins Lager zurück.

Dieses vormilitärische Lager war die letzte obligatorische Übung ,die wir zu absolvieren hatten. Also wir über Dresden wieder nach Hause fuhren, war ich richtig ein bisschen betrübt. Mich erinnerte das alles an die wenigen Gelegenheiten, bei denen ich als Kind ins Ferienlager mitfahren durfte und das hatte mir gefallen. Das hier war so ähnlich gewesen, aber man durfte auch noch ein Bier trinken bei all dem Theater.

Ich bestreite aber nicht, dass der Abstand der Jahre das alles noch mehr ironisiert, als ich es schon damals erlebt habe.

21:18 18.02.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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