Verbotene Lieder - Skandalöse Bücher

NS-Erbschaft Skandalisierung und Empörung aus zwei Richtungen über ein Vorkommnis, dessen Hintergründe noch gar nicht ganz geklärt sind. Geschwindigkeit verhindert Reflexion.
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Das ist schon merkwürdig. Ein Bericht, den zuerst das Neue Deutschland bringt, schafft es blitzschnell zu BILD

Der Hintergrund Eine Lehrerin an einer Köpenicker Schule hat Schülerinnen und Schüler das Horst-Wessel-Lied singen lassen und ließ sie dazu auch noch marschieren. Das Host-Wessel-Lied ist verboten.

BILD hat das wahrscheinlich sofort übernommen, weil es – Köpenick ist Ostberlin – ins Klischee passt.

Die betroffene Lehrerin hat erklärt, der Lehrplan sehe die Auseinandersetzung mit neonazistischem Liedgut vor (wobei nicht ganz klar ist, wie sie neonazistisch meint)

Und jetzt geht bei facebook die debatte los.

Die einen fordern: Sofort rausschmeißen.

Die anderen meinen: Wenn der Lehrplan sowas vorsieht, dann müssen die Schülerinnen und Schüler auch lernen, sich ein Urteil zu bilden.

Ich bin auch dieser Meinung. Warum, dachte ich, sollte man sie nicht singen und danach marschieren lassen,um danach zu klären, was der Text bedeuten soll und wie sich "Marschieren" danach anfühlt.

Es ist schon höchst seltsam, wie reflexhaft dazu die Reaktionen sind.

Die Staatsanwaltschaft hat, so wird berichtet, Ermittlungen angestellt, weil das Lied verboten ist. Wie aber soll man dann diskutieren?

Andererseits: Die Lehrerin hätte eigentlich recherchieren müssen und vielleicht auch Lieder der Neonazis als Beispiele nehmen müssen, die noch nicht verboten sind.

Das leitet zu einem weiteren Thema.

Gestern gab es einen längeren Beitrag bei der ARD zum Thema:

Countdown zu einem Tabubruch – „Mein Kampf“ erscheint.

U. a. berichtet die taz darüber.

Abgesehen davon, dass der Text ohne weiteres zu erhalten ist, wäre es doch – aus meiner Sicht – wichtig, ihn, wie es in Bayern in der Debatte ist, in einer kritisch kommentierten Fassung herauszugeben.

Wenn Hitler über seine Wiener Jahre berichtet, ist ein Kommentar von Brigitte Hamann über Hitlers Wien und die Legenden, die er in „Mein Kampf“ darüber „strickt“ sehr fruchtbar. Und wo, wenn nicht in „Mein Kampf“ wird deutlich, dass Hitlers Expansions- und Annexionsbestrebungen sich vor allem nach Osten richteten.

Die Wendung: Hätten die Leute mal „Mein Kampf“ gelesen würde völlig sinnlos, wenn man das Buch heute nicht kritisch befragen kann.

Wie man pädagogisch sinnvoll mit dem Thema umgeht, ist sicherlich eine schwierige Frage, aber der Medienrumor dazu spricht eher eine Sprache, die keine Debatte darüber will, sondern eben Krawall.

13:28 14.04.2015
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Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.(George B. Shaw)
Magda

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