Vier von 890.000

Flüchtlinge Ein Filmteam hat vier Flüchtlinge begleitet und ihren weiteren Weg in Deutschland dokumentiert. Der bewegende Film "Dieses bunte Deutschland" ist bald in der ARD zu sehen
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Vier von 890.000
Erstaufnahmelager in Bayern

Bild: Christof Stache/AFP/Getty Images

Das Chaos am Berliner LAGESO – es ist jetzt fast schon zwei Jahre her – haben viele damals mit Anteilnahme und Empörung verfolgt. Es gab zahlreiche Aktivitäten zur Hilfe. Ich bin auch zweimal hingefahren und habe Sachen abgegeben. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass die größte Herausforderung nach der aufreibenden Flucht über Land und Meer das Warten im alles umschlingenden deutschen Bürokratiedschungel sein würde. Zwischen Stillstand, Verunsicherung, Ohnmacht und Hoffnung bewegt sich das Leben von vier Flüchtlingen, die ein Filmteam mit dem Regisseur Jan Tenhaven über ein Jahr lang begleitet hat.

Ein Bewerbungsgespräch –

freundlich und missverständlich

In Leutkirch auf der Schwäbischen Alb begegnet das Team der syrischen Maschinenbaustudentin Samiha Adakkak. Sie wartet auf die Anerkennung als Flüchtling. Sie sucht schon ein Praktikum. Das Bewerbungsgespräch – noch kann die Samirah nicht so gut deutsch – wird ein Kabinettstück an Freundlichkeit und Missverständnis. Samirah lächelt, aber sie weiß nicht so recht, worum es geht. Sie hat eine richtige Freundin gefunden – eine der Helferinnen im Flüchtlingslager. Diese Freundschaft hält auch an. Als ich mit meiner Freundin gegenüber dem Kino Babylon, wo wir zum Preview des Films eingeladen waren, im Cafe saß, kamen zwei junge Frauen vorbei, sehr vertraut miteinander. Wir sahen sie später im Film wieder. Und sie kamen gemeinsam am Schluss auf die Bühne wie alle Menschen, die der Film durch das Jahr begleitet hatte.

PEGIDA oder normal?

Wenn Said aus Afghanistan in einem Laientheater mitspielt und die Menschen in „Pegida oder normal“ einteilt, könnte man anregen,ein T-Shirt mit diesem Aufdruck herzustellen.

Die Tschetschenische Hausfrau, Zainap die fünf Stunden angehört wird, um ihre Flucht zu begründen, hat die Hölle der Angst hinter sich und viele viele Wochen der höllischen Ungewissheit vor sich – wie alle der Geflüchteten.

Herrlich schräg zur mal wieder aufgeflammten Kopftuch- und Bedeckungsdebatte in diesem Lande konstatiert sie: Ich kann hier mein Kopftuch tragen, niemand stört das – im Gegensatz zu daheim. Huch, denkt man. So anders ist das Leben, ist der Alltag als die medial erzeugte Welle in diesem Lande – und das im brandenburgischen Groß Schönebeck.

Der syrische Flüchtling Hassan gehört zu denen, die auf dem Wege nach Deutschland alles verloren haben. Er floh, weil er nicht kämpfen wollte in diesem schrecklichen Kriege. Seine Frau, die mit einem Sohne zurückblieb, war im siebten Monat schwanger, als er ging. Sie wandte sich einem anderen zu, jetzt hofft er, dass die Kinder zu ihm kommen können. Er hat seine Eltern hier, er ist nicht ganz alllein, aber – gerade er – wirkt so verloren und unsicher.

Besonders beeindruckend aber fand ich, dass alle die Geflüchteten Menschen hier fanden, die ihnen helfen. Zwar ist es immer wieder schwer, zu motivieren und für Hilfe zu gewinnen. Es ist eine Hilfe, die viel viel Geduld erfordert. Die Pfarrersfrau aus Groß Schönebeck hat ihre liebe Not, Helferinnen und Helfer zu überzeugen. Und sie steht dann fünf Stunden und wartet auf die Frau aus Tschetschenien.

Das Verhältnis des jungen Said aus Afghanistan zu seinen „Adoptiveltern“ macht ihn den schrecklichen Verlust der eigenen Eltern nicht vergessen, aber es hilft ihm, sich den etwas schrägen eulenspiegelischen Humor zu bewahren, der ihn kennzeichnet.

Der Hass in den sozialen Medien, Hassausbrüche vor Ort durchziehen den Film visuell und auch in den Berichten der Flüchtlingen. Said sagt einmal, er fürchtet sich nicht, wenn er nur einen Pegida-Menschen sieht. Er fürchtet sich, wenn sie in Gruppen kommen.

Der Film zeigt und erzählt mit der Kamera, er kommentiert, aber wertet wenig. Und das ist auch gut so. Dass es Konflikte dieser und jener Art gibt, das läuft manchmal zwischen den Sequenzen in einem beiläufigen Satz mit.

Deuschland ist ein ambivalenter Ort. Manche Menschen “tun“ oft sehr weltläufig, aber sie fürchten sich auch vor zu viel Welt da draußen. Andere zeigen deutlich ihre Abwendung und andere wieder zelebrieren ihren Hass. Und das ist nicht nur im Osten so. Dagegen hilft immer nur immer wieder: Die Menschen zeigen, die zu uns gekommen sind.

Eingebetteter Medieninhalt

Sendevorschau Dieses bunte Deutschland

"Dieses bunte Deutschland – Über den Mut nach der Flucht". Preview war am 18. Mai 2017 im Babylon. Am 31. Mai läuft der Film im Ersten.

18:41 19.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

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