Vom Wegsehen und vom Zuhören

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das ist aus meiner biographischen Arbeit, die den Titel trägt

„Die fremden Väter“ – eine Spurensuche


Es passt ganz gut in die „Aufrechnungsdebatten“, die immer wieder geführt werden.


Als Marianne zum Spätsommer 1945 - aus dem Zuchthaus entlassen und von Bremen durch ganz Deutschland gereist - wieder zurück nach L. kam, ein Kind an der Hand und eines im Bauch, da kriegte sie es mit zwei Sätzen zu tun. Der erste hieß: "Das hätten Sie doch wissen müssen" Ja, sie hätte wissen müssen, dass es eine harte Strafe nach sich zieht, wenn man gegen die Gesetze verstößt, wenn man fremde Sender abhört und wenn man das Gehörte auch noch verbreitet. Dafür gab es kein Mitgefühl. Wenn man so was weiß und es dann trotzdem macht, dann ist man nicht bedauernswert, sondern dumm und unvorsichtig.

Der zweite Satz hieß: Aber, das haben wir doch nicht gewusst". Wenn dieser Satz fiel, dann ging es um die KZ's. Wenn Marianne darauf kam, dann wurden die Leute erst richtig böse. Sie fanden, das sei ihr Problem, ihre Halsstarrigkeit und jetzt sollte sie sich nicht so haben, man habe andere Sorgen.

Aber Marianne meinte, sie habe sich immer gewundert, dass die Leute dieses „Nicht gewusst haben“ als einen triftigen Grund dafür ansahen, jetzt auch weiterhin nichts wissen zu wollen. Denn, wenn sie nichts gewusst hatten, dann hätten sie doch jetzt noch viel entsetzter sein müssen über die Ungeheuerlichkeit dessen, was sie erfuhren. Aber das waren sie keineswegs. Sie waren entrüstet, dass man ihnen dieses Wissen jetzt zumutete. Dass sie jetzt hinsehen sollten, das man ihnen den Weg zur Verdrängung mit ständigen Enthüllungen verstellen wollte, das ließen sie nicht zu. Sie waren mit dem eigenen Überleben, mit den Folgen der Flucht, dem Verlust ihrer Besitztümer beschäftigt. Dass sie sich jetzt mit den Verbrechen der Vergangenheit befassen sollten, das war zu viel für jene, die sich zu den Opfern des Krieges, aber nicht der Nazizeit zählten. Sie wollten immer und immer wieder nichts wissen. Sie klagten das Recht auf ihre eigenen Sorgen ein. Für Marianne und für alle jene, die etwas zu berichten hatten, war das eine Kränkung, die das Trauma der Vergangenheit verstärkte und ins Üble, Unversöhnliche wendete. Sie wurde sarkastisch und manchmal verachtete sie alle anderen Menschen, nahm an ihrem Schicksal keinen Anteil. Was wußten die schon.

In L. half man ihr, wie es die ausgestellte Bescheinigung und die Vorschriften anwiesen, aber man hörte ihr nicht zu. Auch in der Kirchgemeinde, in die sie wieder zurückkehrt, hatte sie jetzt neben zwei Kindern noch einen weiteren Makel, der sie auszuschließen schien.


Eines Abends im Spätsommer klopfte es an die Tür der kleinen Wohnung. Es war noch sehr warm, aber die alte Frau mit dem grauen Haarknoten, die vor der Tür stand, trug ein Kleid aus dickem braunen Stoff. Mehr besaß sie nicht, aber sie hatte einen Einweisungsschein für ein Zimmer. Sie wurde hereingebeten und auch bald Familienmitglied. Sie konnte helfen, denn eine Geburt stand bevor und Marianne war froh, nicht ganz allein zu sein. Wir Kinder mochten sie gern. Sie spielte mit uns, erzählte uns Geschichten, kochte das, was sich aus den spärlichen Zuteilungen herstellenließ und saß abends mit uns in der gemeinsamen Küche. Lange Jahre blieb sie bei uns. Wir nannten sie Tante Weide. Bis heute weiß ich ihren Vornamen nicht oder erinnere ihn nicht mehr.


Sie war im schlesischen Beuthen, dem heutigen Bytom Dienstmagd auf verschiedenen Höfen gewesen und dann in Richtung Westen geflohen.

Diese Einquartierung hatte etwas Heilendes für die Seele meiner Mutter. Mit uns konnte sie noch nicht reden, wir waren beide zu klein. Mit den Nachbarn konnte sie nicht reden, die vermieden jedes Gespräch über die Vergangenheit. Aber sie und diese fremde Frau- sie erzählten sich nächtelang ihre Erlebnisse. Die Untermieterin nahm am Leiden der Mutter aus menschlichem Mitgefühl Anteil, so wie meine Mutter zuhörte, wenn die fremde Flüchtlingsfrau ein weiteres Detail aus ihrer Vertreibungsgeschichte erzählte. Sie waren eine Gesprächsgemeinschaft, denn auch den Flüchtlingen jener Zeit hörte niemand zu. Sie störten genauso beim Wiederaufbau und Vergessen wie die Häftlinge des vergangenen Regimes.


Politisches wurde dabei nicht besprochen und auch keine Schuldfragen hin und her geschoben. Sie waren einfach sie selbst und keine „Beweismittel“. Sie waren beide völlig besitzlos, völlig ausgeliefert und aufeinander angewiesen.

10:51 02.09.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

Kommentare 4

Avatar
meisterfalk | Community
Avatar
rahab | Community