Vor dem LaGeSo - in Berlin

Registrierung Das ist der Bericht eines Aktivisten vor der LaGeSo - Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin. Ich habe ihn auf facebook geteilt und dokumentiere ihn hier.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Jan Ten Haven schreibt:

Ich bin so wütend und ohnmächtig. Gerade war ich mal wieder am Berliner LAGeSo und konnte nicht glauben, dass die Situation noch schlimmer geworden ist. Und das mitten in Berlin. Eine humanitäre Katastrophe!

Für alle, die nicht im Stoff sind: Das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) ist die erste und einzige Anlaufstelle für sämtliche Flüchtlinge, die in Berlin ankommen. Es geht noch nicht um den Asylantrag, sondern nur um die allererste Registrierung. Bis dahin sind die Flüchtlinge quasi illegal im Land, und ein Dach über den Kopf gibt es für die Wartenden nur in sehr provisorischen Notunterkünften - wenn überhaupt. Viele campieren vor dem Gelände, weil sie Angst haben, den Aufruf ihrer Wartenummer zu verpassen.

Das Problem ist: Niemand weiß, wann seine Wartenummer aufgerufen wird. Es kann ein paar Tage dauern oder viele Wochen. Trotzdem müssen alle jeden Morgen auf das Gelände kommen und vor der Anzeigetafel warten.

Die Verpflegungslage ist katastrophal, es gibt so gut wie keine Zelte für die Menschen.

Die Sachbearbeiter sind völlig überfordert und arbeiten bis zur Erschöpfung. Jeder hat dafür Verständnis, dass die Bearbeitung der Fälle in diesen Tagen sehr lange dauert.

Aber warum müssen ALLE Flüchtlinge JEDEN Tag dorthin kommen? Es gäbe doch so einfache Lösungen. Die Mitarbeiter im Backoffice, die die Akten bearbeiten, könnten mitteilen, welche Akten fertig und am nächsten Tag zur Abholung bereit sind. Das könnte man ganz analog irgendwo anschlagen oder ins Internet stellen. Fast jeder der Geflüchteten hat ein Smartphone. (Ja, die berühmten Smartphones der armen Flüchtlinge.)

Aber so produziert man Chaos, Frust und angestaute Aggression, die sich irgendwann entladen wird. An jedem Schalter der Deutschen Bahn gäbe es bei ähnlichen Wartezeiten längst Tote.

Die Familie - inklusive kleiner Kinder und geistig behindertem Onkel -, die wir betreuen, wartet seit 31 Tagen auf ihre Registrierung. Jeden Morgen ziehen sie tapfer auf die dreckige Wiese vor das Landesamt und starren auf die verfluchte Anzeigetafel.

Ich schäme mich und bin wütend, dass ich ihnen nicht helfen kann. Eigentlich erwarte ich auch bei ihnen Zorn und Wut. Doch bislang ist es höchstens Unverständnis. Warum, fragen sie mich vorsichtig, schafft Deutschland es nicht, diese kleine Logistikaufgabe zu lösen. Dieses Land, das so tolle Autos baut, das so viele Ingenieure hat, das an jedem Bundesliga-Samstag riesige Massenveranstaltungen völlig smooth über die Bühne bringt.

Ich tue mich immer schwer damit, auf "die" unfähigen Politiker zu schimpfen. Aber was der Berliner Sozialsenator, Mario Czaja, hier zu verantworten hat, ist eine Schande und grenzt an Körperverletzung.

Wenn Ihr das hier lest - sorry für den langen Text - und es Euch auch wütend macht, dann tut irgendwas. Wenn Ihr in Berlin seid, fragt Euren Bezirksbürgermeister, warum wir uns eine humanitäre Katastrophe mitten in Berlin leisten. Schreibt Briefe, Emails, ruft an, damit sie Druck auf Czaja machen, endlich die Lage substanziell zu verbessern.

In diesen Tagen würde ich am liebsten sagen: Ich bin kein Berliner.

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PS: Noch ein kleiner Vergleich zum Verständnis der Absurdität.

Stell' Dir vor, Du brauchst dringend einen neuen Reisepass. Du gehst zum Amt und stellst den entsprechenden Antrag. Der Beamte sagt Dir, dass es etwas länger dauern könne, bis der neue Pass abholbereit ist. Ein paar Tage oder mehrere Wochen. So genau könne er das nicht sagen. Dafür hast Du Verständnis.

Nun sagt Dir aber der Beamte, Du musst ab jetzt jeden Tag um 8 Uhr morgens zum Amt kommen und warten, bis Deine Warteummer aufgerufen wird. Du darfst nicht im Haus warten, sondern nur auf dem Platz vor dem Gebäude. Jeden Tag bis 19 Uhr. Und falls Du einmal nicht kommen und den Aufruf Deiner Wartenummer verpassen solltest, dann hast Du Pech gehabt und musst Dich wieder vorn vorne anstellen. Draußen, bei Regen und Wind. Und das kann Wochen dauern. Viele Wochen. Jeden Tag.

Genau das ist es, was Frauen, Männern, Alten, Kindern, Kranken und Schwangeren, die Tausende Kilometer aus Kriegsgebieten in unser Land geflüchtet sind, derzeit am LAGeSo zugemutet wird.

******* UPDATE 10.10.2015 ********

Ich bin überwältigt, wie viele Menschen meinen kleinen, spontanen Bericht gelesen und geteilt haben. Offenbar war tatsächlich Vielen nicht klar, wie schlimm und absurd die Situation am LAGeSo ist. Es gab einige Fragen.

1.) "Ist die Situation wirklich so schlimm?"
Ganz ehrlich: Die Situation ist sogar noch schlimmer, und der Skandal hat viele bestürzende Facetten. Hier ist das Schlimmste dokumentiert:http://moabit-hilft.com/ -- Ich wollte mit meinem Bericht nur auf einen Teilaspekt hinweisen: auf das kafkaeske Wartesystem, welches aber meiner Ansicht nach das Hauptproblem ist.

2.) "Kümmert sich denn gar keiner um die Flüchtlinge?"
Doch, aber das sind private Initiativen und viele Ehrenamtliche, allen voran der Verein Moabit Hilft, ehrenamtliche Ärzte und Pfleger sowie die Caritas. Die Freiwilligen arbeiten bis zur Erschöpfung und können vielleicht die allerschlimmste Not lindern. Auch hier bin ich überzeugt: Würde das LAGeSo durch sein absurdes Wartesystem und die nicht nicht vorhandene, völlig intransparente Informationspolitik nicht Tausende Flüchtlinge dazu nötigen, jeden Tag aufs Neue auf das Gelände zu kommen, um dort sinnlos zu warten - oft viele Wochen lang -, dann würden viele der Probleme gar nicht erst entstehen.

3.) "Was kann ich tun?"
Die genannten Vereine können natürlich immer personelle und finanzielle Unterstützung gebrauchen, aber noch einmal: Der Fisch stinkt vom Kopf, und wenn sich das Wartesystem nicht grundlegend ändert, ist jede Hilfe dort nur ein Herumdoktern an den Symptomen. Deshalb ist es wichtig, auf die Situation aufmerksam zu machen und Druck auf die Verantwortlichen auszuüben. Politisch verantwortlich ist der Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja. -- Auch nach diesem Post haben viele von Euch dort angerufen und Mails geschrieben, um ihre Fassungslosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Bei mir hat sich zudem ein sehr prominenter Unternehmer mit exzellenten Kontakten in die Politik gemeldet, der nun seinen Einfluss nutzen möchte. Vielleicht bringt's was. Den hoffenden Menschen auf der LAGeSo-Wiese würde ich es von Herzen wünschen.

Vielen Dank für Euer Interesse und Euer Engagement.

Jan

https://www.facebook.com/jantenhaven/posts/1029433803758083?fref=nf

Hier ist der Link. Besser kann man es nicht schildern, als es hier geschieht.

Ich selbst war im Sommer zweimal dort zum Spenden und werde es demnächst wieder tun.

Heute hat eine Zuschauerin nach dem Presseclub auf Phoenix gemeint, die Zivilgesellschaft sei weiser, rationaler und vernünftiger als die Politiker und die Medien, die jeden Tag eine andere Parole in die Welt setzen. Da hat sie recht.

14:33 11.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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