Vor fünf Jahren: Der Zeitgeist wechselt das Gleis

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Das entstand im Jahre 2004, dem ersten Jahr mit Hartz IV-Gesetz. Ich hab es vorgekramt, als „Jubiläumsbeitrag“, weil es noch immer „hinhaut“

„Es entsteht eine neue Unternehmenskultur, die den sozialen Ausgleich deutlich geringer bewertet als bisher“, so stand es kürzlich in einer Zeitung und wenn man so was liest, dann schreckt man kaum noch auf. Einige Tage später stellte die „taz“ gleiches in etwas holpriger Diktion fest: „Die die Nachfrage stabilisierende Funktion der sozialen Sicherungssysteme hat sich für multinational operierende Großunternehmen relativiert.“

So sieht’s aus und so erleben es gegenwärtig die Opel – Arbeiter. (schon 2004 also – M.) Die agieren noch nach dem Motto „Das können die mit uns doch nicht machen“. Die Überzeugung vom eigenen Wert wird trotzig demonstriert. Eine Überzeugung, die man Arbeitern in östlichen Landstriche nicht mehr zubilligte, von denen man glaube, dass die im wesentlichen wohl selbst schuld gewesen seien an der Misere.

Es ist vorbei mit den Aushandeleien. Wenn überhaupt noch Kompromisse, dann nur noch fürs Image. Im Wesentlichen werden die Arbeiter und Angestellten wohl sehen müssen wo sie bleiben. Der Staat übernimmt einige Reparaturarbeiten, federt – wenn das noch geht, den Strukturwandel weiter ab oder so.

So sind nun mal die Zeiten. Und gerade darum entsetzt mich die vorauseilende Anpassung von Leuten an das, was man den Zeitgeist nennt.

Es ist wie ein Knacken in einer Weiche und dann wird klar. Ja, was eigentlich? Der Zeitgeist wechselt das Gleis.

Noch sind die Leute irritiert, weil sie auf dem falschen Perron stehen – da wo es noch den Glauben an eine Unternehmenskultur gibt, an sozialen Ausgleich.

Bald aber gehen die ersten - jene, die immer wachsam sind, damit sie den neuen Trend nicht verpassen - auf das neue Gleis und höhnen von dort in Richtung der weniger Entschlussfreudigen. Sie führen die neuen Reizvokabeln im Mund, als wäre es gar nichts „Schon Hartz IV-Anträge ausgefüllt?“ fragen sie ihre Widersacher jetzt höhnisch, wo vorher eine andere Gemeinheit gebraucht wurde oder sie raten ihren Kontrahenten, „sich eine Nummer zu nehmen und zu warten.“ Ganz im neuen Trend, im Spiel mit den neuen Ängsten, für deren Bewältigung neue Scherze her müssen.

Und wenn einem das auffällt, wenn man sich hin und wieder darüber aufregt, weil man dieses beflissene Anpassen an den Zeitgeist nicht mag und schrecklich findet, weil man nicht so sein will, weil man sich nicht mehr einfach automatisch regulierend anpassen will, dann ist man ein Spielverderber. Aber das macht nichts, weil man – bei diesen rasanten Wechseln des Zeitgeistes – ganz schnell auch wieder ein Deckenfluter werden kann, ein Himmelsstürmer oder auch ein Bruchpilot. Wer weiss das schon.

18:34 24.01.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

Kommentare 16

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