"Zahlappell" für die Opfer

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Ein Nachtrag zu Zenzl Mühsam

Es gibt zahllose Schicksale, die auf bewegende und nachdrückliche Weise davon Zeugnis ablegen, wie brutale, gnadenlose und paranoide Mächte und Systeme Menschen verschlungen haben.

In den 70er Jahren griffen Fernsehfilme diese Themen mit künstlerischer und – in den Grenzen der eigenen Weltsicht – historischer Sorgfalt auf, während heute alles im Klischee erstickt ist.

Ich erinnere mich noch an einen Beitrag, in den60er Jahren von der ARD ausgestrahlt,: "Verziert die Peitschen nicht mit Veilchen“, der die Stalinzeit behandelte. Nicht alles, aber einige Fakten waren für mich neu und bewegend. Andererseits war es in den 60er Jahren, dass auch in der DDR das Buch „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ erschien. Natürlich – wie immer – mit den bekannten Leitplanken ideologischer Hilfe und in knapper Auflage, wenn ich mich nicht täusche. Auch in sowjetischen Filmen – zum Beispiel in „Klarer Himmel“ von Grigori Tschuchrai -wurde das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener, die aus den Lagern der Nazis sofort nach Sibirien transportiert wurden, aufgegriffen.

Diese Vorkommnisse seien Entartungen gewesen, Abweichungen vom Marxismus und – das wurde auch gern „bemüht“- sie seien als Voluntarismus zu verurteilen. Etwas,was ich mir immer erklärte mit: Da hat jemand gemacht, was er wollte und sich von der Partei entfernt.

Ich denke an die westdeutsche Verfilmung von Manes Sperbers Buch "Wie eine Träne im Ozean", die ich als Offenbarung erlebte. Oder Margarete Buber-Neumanns Erinnerungsbücher über die Haft im Gulag und in Ravensbrück.

In Wolfgang Hilbigs im Jahr 2000 erschienenen Roman"Das Provisorium" schreibt er über die zwei Stapel Bücher, die in seiner ansonsten kahlen und wüsten Wohnung liegen. Die einen behandeln die Verbrechen des Nationalsozialismus und die anderen die Verbrechen der Stalinzeit. Sie sind eine Last, sie sind eine Drohung, sie machen die Wohnung und die Welt dahinter wie unbewohnbar, aber sie sind immer da.

Ich selbst habe direkt zu Wendezeiten geschrieben, dass eine zweite Aufarbeitung ansteht, von der ich hoffte dass sie ehrlicher ist. Denn neben allen durchaus ehrlichen Bemühungen in der DDR gab es natürlich auch einen disziplinierenden, machtpolitischen Aspekt dabei. Das Volk sollte verstehen, dass es sich mit Schuld beladen hatte und nur durch treue Teilnahme an der neuen Gesellschaft Vergebung erlangen konnte. Das war mein Gefühl und daher kamen auch die Gegenbewegungen.

Es ist alles anders gekommen. Gegenwärtig scheint es manchmal so, als sei genau dieser Impetus erneut in allen – wie verordnet erscheinenden Aufarbeitungs- und Gedenkritualen – zu finden. Es scheint mir, als wollte man den DDR-Bürgern sämtliche Lasten aller Vergangenheiten aufbürden. Auch das führt zu Gegenbewegungen, Abwehrhaltungen.

Es sollte abernicht davon abbringen, jene in Erinnerung zu behalten, die in diesen Zeiten mutig gekämpft haben, in den unerbittlichen Mahlstrom der Macht gerieten und erleben mussten, dass grenzenlose Macht sich überall ihre Opfer sucht, um sie zu Ohnmächtigen zu machen.

Jetzt fällt mirein, dass noch zu DDR-Zeiten Trude Richters Buch "Totgesagt", erschienen ist. Sie lehrte am Leipziger Literaturinstitut "Johannes R. Becher". 19 Jahre war sie in Lagerhaft in der UdSSR. Danach - zurückgekehrt in die DDR - durfte auch sie viele Jahre nicht reden bis 1988. Aber sie wurde und blieb Mitglied der SED. Warum?

Es ist so schwer, viele Jahre nach alledem, zu erkennen, wo die Unterschiede zwischen diesen Mächten waren und es ist so einfach, sie wohlfeil hinwegzuwischen. Es ist viel einfacher, die kurze Zeit, da beide Mächte scheinbar wie Kumpane miteinander umgingen, in den Vordergrund zu schieben.

Und es ist noch bitterer, festzustellen, dass es Menschen gab, die in allen Regimes unters Rad gerieten und dennoch - Jahre später - wieder zu dieser einen Sache standen. Schwer zu begreifen, aber zu respektieren ist es.

In einem anderen Blog hat sich jemand erregt, dass man einen honetten Wissenschaftler in einem Wortspiel mit Erich Honecker vermischt.

Dieser Erich Honecker hat 8 Jahre seines Lebens in einem Nazi-KZ verbracht. Dieser Erich Honecker hat gravierende politische Fehler begangen, die Zeichen der Zeit nicht erkannt, sich in einem Luxus-Ghetto verbarrikadiert, Illusionen gehegt und geglaubt, er sei ein guter Landesvater. Er wurde auch dafür verurteilt in einem nicht unumstrittenen Prozess.

Michail Gorbatschow hat ihn kürzlich gewürdigt, indem er ihn als einen redlichen Politiker kennzeichnete, mit dem er persönlich auch keine Differenzen hatte.

www.welt.de/politik/ausland/article4795956/Gorbatschow-schaetzte-Honecker-persoenlich.html

Auch Gorbatschow ist ein langjähriger Funktionär in jener Macht gewesen, auf deren Geheiß und mit dessen Unterstützung das DDR-Grenzregime errichtet worden. Er hat nur die Zeichen der Zeit eher erkannt.

Gerade deshalb, weil die Toten und die Opfer der Vergangenheit in der Gegenwartantreten müssen wie zu einem neuen "Zählappell" - mit gnadenlosen Wichtungen und Abwägungen: Wer zählt mehr Opfer, welche Opfer zählen mehr - ist es mir wichtig, mir von diesem gegenwärtigen Kampf der Meinungen und Auffassungen nicht vorschreiben zu lassen, in welche Richtung ich meinen Kopf drehe, wenn ich die Welt sehe und ein Urteil suche.

Hier noch ein paar Links nach rückwärts. Ich habe zum Thema – aus biographischer Sicht – mehrere Blogs geschrieben. Vielleicht ein bisschen langwierig der Text.

www.freitag.de/community/blogs/magda/aufarbeitung-ost-west---eine-persoenliche-reflektion/?searchterm=Aufarbeitung

12:59 21.11.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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